Industrie-Kultur

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

Industrie-Kultur

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

Olivetti ist seit Juli Italiens 54. Eintrag der UNESCO in deren Weltkulturerbe-Liste, genauer gesagt: die Stadt Ivrea als Ort der Industrialisierung. Die Nachricht war Anlass für dieses Heft; für die Beauftragung eines deutsch-italienischen Bauhistorikerduos, das die Geschichte hinter den baulichen Zeugnis­sen des Familienunternehmens beleuchten, und einer Berliner Fotografin, die diese Zeugnisse in ihrem heu­tigen Zustand porträtieren sollte.
Für Architekten ist die Stadt im Piemont, am Eingang des Aosta-Tals, jedenfalls eine Reise wert. Alle relevanten avantgardistischen Strömungen der italienischen Architektur seit den frühen dreißiger Jahren fanden hier ihren Niederschlag – eine Art Bauausstellung zur Zeit ihres Entstehens zwischen 1930 und 1980, heute ein Freilichtmuseum der Moderne. Der Besucher gewinnt Erkenntnisse nicht nur über unterschiedliche Wege im Industriebau. Auf kleiner Fläche erwartet ihn eine große Bandbreite an Bauaufgaben, anschaulich anhand hochrangiger Objekte: Beispiele des Forschungs- und Verwaltungsbaus, des einfachen und des opulenten Wohnens, der Gestaltung von Versorgungsstätten und Kultureinrichtungen. Eine ganze Stadt, ließe sich sagen, die Città Olivettiana. Und ebenso weit ist der Horizont, der sich bei ihrer Betrachtung öffnet: Adriano Olivetti, bis zu seinem frühen Tod 1960 für die Geschicke der Firma verantwortlich, war nicht nur ein Manager, sondern ein Mensch mit gesellschaftlichen Ideen und Idealen. Seine nach dem Zweiten Weltkrieg in Italien populären Vorstellungen eines „Kommunitarismus“ und einer Anverwandlung des Staats an die Realitäten auch des italienischen Südens, des Mezzogiorno, mögen im Lauf der Jahrzehnte an Wirkung verloren haben – Aktualität aber wohnt ihnen bis heute inne, um so mehr, als der gesellschaftliche Zusammenhalt schwindet. Nicht nur in Italien.
Industriebau alla Fantoni
500 Kilometer östlich von Ivrea, in Osoppo bei Udine, beweist die stetige Entwicklung eines anderen Fami­lienunternehmens die Tauglichkeit des Modells für die Gegenwart. Seit den frühen siebziger Jahren, als Architekt Gino Valle die Verwaltungsgebäude des Holzverarbeiters Fantoni plante, wurde der „Campus“, wie das Betriebsgelände gar nicht mal zu euphemistisch heißt, über die Generationen hinweg in kontinuierlicher Verantwortung vergrößert, verdichtet, an neue Abläufe angepasst. Pietro Valle hat nun eine neue Fer­tigungsstraße hinzugefügt, die die bislang erprobten Entwurfswege verlässt: Architektur und Maschinen bzw. Anlagen treten bei „Plaxil 8“ als Einheit auf, wären nicht voneinander zu isolieren, ohne die Gesamtwirkung zu zerstören.

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