Sprung über die Schelde

Schwebende Hochhausscheiben im Grünen: Für viele Bewohner der Stadt Antwerpen ist das Linkeroever ein unbekanntes Gebiet. 2016 lobte Stadtbaumeister Christian Rapp einen Ideenwettbewerb aus, der Strategien für die städtebauliche Entwicklung der Großwohnsiedlung suchte. Dabei war nicht ein Masterplan gefragt, sondern ein Leitbild, das auch für die Nachverdichtung anderer Ensembles der Nachkriegsmoderne dienen könnte.

Text: Grafe, Christoph, Wuppertal

    Lageplan von Antwerpen mit dem Entwicklungsgebiet Linkeroever (im Plan links)
    Abb.: Bram van Kaathoven

    Lageplan von Antwerpen mit dem Entwicklungsgebiet Linkeroever (im Plan links)

    Abb.: Bram van Kaathoven

    ARGE Carlo Moccia, Uwe Schröder und Wim van den Bergh: Die roten Volumen zeigen das Potenzial einer Verdichtung und sollen das Spannungsbild zwischen Bestand und Erweiterung veranschaulichen.
    Abb.: Planer

    ARGE Carlo Moccia, Uwe Schröder und Wim van den Bergh: Die roten Volumen zeigen das Potenzial einer Verdichtung und sollen das Spannungsbild zwischen Bestand und Erweiterung veranschaulichen.

    Abb.: Planer

    Abb.: ARGE Carlo Moccia, Uwe Schröder und Wim van den Bergh

    Abb.: ARGE Carlo Moccia, Uwe Schröder und Wim van den Bergh

    De Urbanisten: Der Stadtteil wird zu einer Insel: Eine Collage aus Landschaftsfragmenten soll dem Linkeroever eine neue Identität geben.
    Abb.: Planer

    De Urbanisten: Der Stadtteil wird zu einer Insel: Eine Collage aus Landschaftsfragmenten soll dem Linkeroever eine neue Identität geben.

    Abb.: Planer

    Abb.: De Urbanisten

    Abb.: De Urbanisten

    ARGE Graeme Massie Architects, Sutherland Hussey Harris, Avantgarden und Aecom: Das neue Zentrum im Linkeroever soll über Stege und eine Insel mit dem Stadtzentrum verbunden werden.
    Abb.: Planer

    ARGE Graeme Massie Architects, Sutherland Hussey Harris, Avantgarden und Aecom: Das neue Zentrum im Linkeroever soll über Stege und eine Insel mit dem Stadtzentrum verbunden werden.

    Abb.: Planer

    Abb.: ARGE Graeme Massie Architects, Sutherland Hussey Harris, Avantgarden und Aecom

    Abb.: ARGE Graeme Massie Architects, Sutherland Hussey Harris, Avantgarden und Aecom

    Dogma: Mit vier „radikalen Versuchsfeldern“, sogenannten Super­quadra, wird auf die jeweilige Bestandstypologie reagiert.
    Abb.: Planer

    Dogma: Mit vier „radikalen Versuchsfeldern“, sogenannten Super­quadra, wird auf die jeweilige Bestandstypologie reagiert.

    Abb.: Planer

    Abb.: Dogma

    Abb.: Dogma

    ARGE Bernd Albers, Vogt und Arup: Eine Uferpromenade und ein Platz, der einem Amphitheater ähnelt, soll die Verbindung zum historischen Stadtkern stärken.
    Abb.: Planer

    ARGE Bernd Albers, Vogt und Arup: Eine Uferpromenade und ein Platz, der einem Amphitheater ähnelt, soll die Verbindung zum historischen Stadtkern stärken.

    Abb.: Planer

    Abb.: ARGE Bernd Albers, Vogt und Arup

    Abb.: ARGE Bernd Albers, Vogt und Arup

Sprung über die Schelde

Schwebende Hochhausscheiben im Grünen: Für viele Bewohner der Stadt Antwerpen ist das Linkeroever ein unbekanntes Gebiet. 2016 lobte Stadtbaumeister Christian Rapp einen Ideenwettbewerb aus, der Strategien für die städtebauliche Entwicklung der Großwohnsiedlung suchte. Dabei war nicht ein Masterplan gefragt, sondern ein Leitbild, das auch für die Nachverdichtung anderer Ensembles der Nachkriegsmoderne dienen könnte.

Text: Grafe, Christoph, Wuppertal

In der Geschichte des modernen Städtebaus spielen breit angelegte Ideenwettbewerbe eine besondere Rolle. Die Berliner Beispiele, angefangen mit dem Wettbewerb Groß-Berlin (1910) und Hauptstadt Berlin (1957/58), sind jeweils Momente einer intensivierten Debatte über Stadtmodelle und die Detaillösungen, die sich aus ihnen ergeben. In den Achtziger Jahren kann der Wettbewerb Südliche Friedrichstadt als ein Schlüsselmoment der Debatte über die Entwicklung der Stadt gedeutet werden. Die Formulierung des Leitbilds der Kritischen Rekonstruktion wäre ohne die Ausbeute an Entwurfsideen und die Debatte darüber undenkbar gewesen.
Auch in der belgischen Hafenstadt Antwerpen wurde 1932/33 ein international beachteter städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben, an dem sich Le Corbusier in Zusammenarbeit mit Paul Otlet, dem Begründer der modernen Dokumentationswissenschaft, mit einer Version der Ville Radieuse beteiligte. Das Gebiet, auf das diese Ideen projiziert wurden, war das westliche Ufer der Schelde, das sogenannte Linkeroever. Die Pläne Le Corbusiers, wie die der 97 Konkurrenten, verschwanden jedoch in der Schublade und das Linkeroever wurde größtenteils erst nach dem zweiten Weltkrieg als Stadterweiterungsgebiet entwickelt. Im Zentrum des Viertels entstanden Hochhausscheiben und einige wenige Turmbauten, zumeist im Sozialen Wohnungsbau, und darum herum kleine Villenviertel.
Bis heute ist das Linkeroever jedoch unbekanntes Terrain für viele Bewohner Antwerpens. Im belgischen Kontext ist das Linkeroever ein seltenes Beispiel für moderne Stadtplanung, doch in seiner heutigen Form wird das Viertel auch als ein Beispiel für die verpassten Gelegenheiten und vereitelten Hoffnungen des modernen Städtebaus wahrgenommen; als sozialer Brennpunkt und als ein Viertel, in das sich die Bewohner aus dem Rest der Stadt eher selten verirren. Daneben lädt das Linkeroever schon allein wegen seiner im Vergleich zum Rest der Stadt offenen Bebauung dazu ein, über Formen der Nachverdichtung nachzudenken. Die lokale Wohnungswirtschaft ist sich dieser Tatsache bewusst, zumal sich ein großer Teil des Gebiets im Besitz der Stadt, des Hafens oder halböffentlicher Wohnungsbauunternehmen befindet.
Im Herbst 2016 lobte der Antwerpener Stadtarchitekten Christian Rapp einen Ideenwett­bewerb mit dem Ziel aus, eine architektonische Form für den Stadtteil zu finden; ein Leitbild für die Entwicklung, wie Rapp dies mit Bezug auf das Berliner Beispiel dies formuliert. Im Antwerpener Kontext ging es darum, die städtebaulichen Qualitäten des Linkeroever zu benennen und Entwurfsstrategien zu identifizieren, mit denen die spezifischen Eigenschaften des Viertels für die Zukunft weitergedacht werden können: die Einbettung in den Landschaftsraum der Schelde, die Koexistenz von verschiedenen Maßstäben und die vorhandenen, in die Wohnbebauung integrierten Grüngebiete. Aber der Antwerpener Wettbewerb ist auch aus einer überregionalen europäischen Perspektive von Bedeutung, weil er einmal mehr die Frage nach einem spezifischen, auf die städtebaulichen Ensembles der Nachkriegszeit zugeschnittenen Konzept von Urbanität aufwirft.
Die fünf Beiträge, die in einem dreiphasigen Verfahren für eine weitere Bearbeitung aus­gewählt wurden, formulieren hier deutlich unterschiedliche Akzente. So setzt das Team Albers/Vogt/Arup auf die Verdichtung und Monumentalisierung des Flussufers, die den Sprung über die Schelde thematisiert, während dies im Beitrag des Teams Avantgarden mit dem Bau von zwei (wegen der sporadischen Nutzung des Flusses als Seeschifffahrtsstraße problematischen) Brücken auch baulich umgesetzt wird. Carlo Moccia, Uwe Schröder und Wim van den Bergh bezeichnen ihren Plan als eine „Ideographie“, eine bildlich festgelegte Strategie für die Inszenierung von Verdichtung und Ausdünnung. Das Linkeroever erscheint in seinem Kern als ein mit Hochbauten durchsetzter Park, der im Norden und Süden von stark verdichteten Wohnvierteln begrenzt wird. Eine ähnliche Strategie verfolgte übrigens auch das aus administrativen Gründen aus dem Verfahren ausgeschlossene Team von Jessen Vollenweider, Caruso St John, Boltshauser, Schifferli und De Vylder Vinck Taillieu. DOGMA schlägt einen Katalog von Typologien für integrierte Formen des Arbeitens und Wohnens vor, der in der Form eines ein- bis zweistöckigen Teppichs zwischen die Hochhäuser gelegt wird. Das Team De Urbanisten aus Rotterdam bearbeitet dagegen die Flusslandschaft und schlägt die Umbildung des ehemaligen Polders in ein gezeitenabhängiges Inselreich vor.
Der jetzt abgeschlossene Wettbewerb versteht sich nicht als die Festlegung eines Masterplans. Davon sind die verschiedenen Entwürfe und auch die öffentliche Debatte in Antwerpen weit entfernt. Vielmehr stößt er eine grundsätzliche Debatte über die Zukunft jener Form der europäischen Stadt an, in der Injektionen von Block­randbebauungen oder anderen tradier­ten Typologien niemals eine vollständige Antwort für die Nachverdichtung bieten kann. Das aus Anlass des Wettbewerbs herausgegebene Buch mit Beiträgen der Kuratoren zeigt nicht nur die Vielfältigkeit der Lösungen, sondern formuliert auch Fragen nach den alternativen Vorstellungen von Urbanität, die sich in Antwerpen wie anderswo für die funktionalistischen Nachkriegsviertel stellen.
Offener Ideenwettbewerb
1. Preis ARGE Carlo Moccia, Uwe Schröder und Wim van den Bergh
1. Preis De Urbanisten
1. Preis ARGE Graeme Massie Architects, Sutherland Hussey Harris, Avantgarden und Aaecom
1. Preis ARGE Bernd Albers, Vogta und Arup

Jury
Evelyn Adriaensen, Antwerpen; Bernard Colenbrander, Eindhoven; Hardwin De Wever, Antwerpen; Christoph Grafe, Wuppertal; Christian Rapp, Stadtbaumeister Antwerpen; Evi Triest, Bornem; Katlijn Van der Verken, Antwerpen; Bob Van Reeth, Antwerpen
Fakten
Architekten ARGE Carlo Moccia, Uwe Schröder und Wim van den Bergh, De Urbanisten, ARGE Graeme Massie Architects, Sutherland Hussey Harris, Avantgarden und Aecom, Dogma, ARGE Bernd Albers, Vogt und Arup
aus Bauwelt 23.2017
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