Reisebilder fürs Entwerfen

Die Architekturgalerie München stellt das in der Türkei führende, inzwischen weltweit tätige Büro Tabanlıoğlu in einer vielseitigen Schau vor

Text: Stock, Wolfgang Jean, München

An der Wand Murat Tabanlıoğlus fotografisches Reisetagebuch, davor Modelle aus dem Büro.
Foto: Hasan Deniz

An der Wand Murat Tabanlıoğlus fotografisches Reisetagebuch, davor Modelle aus dem Büro.

Foto: Hasan Deniz


Reisebilder fürs Entwerfen

Die Architekturgalerie München stellt das in der Türkei führende, inzwischen weltweit tätige Büro Tabanlıoğlu in einer vielseitigen Schau vor

Text: Stock, Wolfgang Jean, München

Die „andere“ Türkei kommt einem in dieser Ausstellung entgegen, die moderne, säkulare, weltoffene, die auch beim Planen und Bauen bedroht ist – ein besonders negatives Beispiel ist der monströse Präsidentenpalast in Ankara. Hinwendung zur Welt prägt hingegen das Schaffen von Tabanlıoğlu Architects mit Hauptsitz in Istanbul. Diese Haltung gehört zur Tradition der Familie: Als Hayati Tabanlıoğlu, der Vater des heutigen Büroinhabers, in den frühen 50er Jahren studierte, genoss er den fortschrittlichen Geist an der Istanbuler Technischen Universität, den deutschsprachige, teilweise emigrierte Architekten wie Bruno Taut, Clemens Holzmeister und Paul Bonatz seit den 30er Jahren begründet hatten. Und gerade in der Nachkriegszeit folgte die Türkei der Forderung von Atatürk, dass sich das Land grundlegend modernisieren, das hieß „europäisieren“ müsse.
Weil Hayati Tabanlıoğlu vor allem beim Bonatz-Schüler Gerhard Graubner aus Hannover lernte, der 1953 Gastprofessor in Istanbul geworden war, verstärkte sich die Verbindung mit Deutschland. Sein 1960 geborener Sohn Murat zog das Diplom an der TU Wien vor, „weil mir die Stadt besser gefiel“. Im Jahr 1994 übernahm er schließlich zusammen mit seiner Frau Melkan Gürsel das väterliche Büro, das seither weiter aufgeblüht ist: Derzeit hat es zweihundert Angestellte, die auch in den Filialen in New York, London, Dubai und Doha arbeiten.
Die weltweiten Aktivitäten will nun die Münchner Ausstellung vor Augen führen – und es erstaunt schon, was alles zu sehen ist in den eher bescheidenen Räumen der Architekturgalerie, die seit vielen Jahren von Nicola Borgmann mit Herzblut geleitet wird.
Entsprechend dem Titel „Stage_0 Travelogue“ stehen Murat Tabanlıoğlus eigene Fotos von vielen Reisen im Mittelpunkt der Schau. Weil er bei seinen Entwürfen „ganz intensiv vom jeweiligen Ort“ ausgeht, versucht er in seinen Bildern die spezifische Qualität und die besondere Atmosphäre der Städte und Landschaften einzufangen. Angelegt wie auf einer Weltkarte, wechseln auf der breiten Galeriewand farbige Projektionen von Los Angeles im Westen bis hin nach Tokio im Osten. Diese Bilder werden in Istanbul für die Phase Null der Entwürfe archiviert: zum einen als dauerhafte Inspirationsquelle, zum anderen als Material für die Mitarbeiter, die Absichten des Architekten besser verstehen zu können.
Vor dem lebendigen Bilderfries sind acht ab­strakte Modelle aufgereiht, welche die Spannweite der Aufgaben umreißen: darunter der neue Bahnhof von Astana in Kasachstan, ein spitz zulaufender Wolkenkratzer in Teheran (er erinnert an den „Shard“ von Renzo Piano in London) und ein flach gegliedertes Kongresszentrum im senegalesischen Dakar mit einem aufgeständerten Dach. Vorbildlich für Istanbul ist angesichts der oft kruden Stadtentwicklung (wir haben sie bei einem Besuch selber erlebt) ein Doppelprojekt von Tabanlıoğlu im Bezirk Levent, dem neuen Finanz- und Geschäftsviertel. Beim „Levent Loft“ haben die Architekten ein früheres Bürohaus zu einer Wohnanlage umgebaut und erweitert, mit den benachbarten „Loft Gardens“ einen 21-geschossigen charaktervollen Wohnturm geschaffen, der unter anderem 2011 den begehrten RIBA Award erhielt.
Beschlossen wird die Ausstellung durch zwei persönliche Zeugnisse. Im filmischen Interview mit Nicola Borgmann und seinem Wegbegleiter Olaf Bartels erinnert Murat Tabanlıoğlu vor allem an epochale Istanbuler Projekte seines Vaters wie das 1969 fertiggestellte Atatürk Kulturzentrum am Taksim-Platz, das Erdoğans AKP gern abgerissen hätte; nun aber soll es durch den Sohn saniert werden. Und im letzten Raum taucht man durch drei simultan laufende Schwarzweißfilme in die Lebenswelt des Architekten ein: in Wohnung und Büro sowie in den Alltag seiner Stadt, in der er etwa 2004 mit Istanbul Modern das erste türkische Museum für Gegenwartskunst verwirklichen konnte. Auf unsere Frage, wie sich für ihn das soziokulturelle Klima in den größten Städten seines Landes unterscheide, sagt er ohne Umschweife: „Ankara ist kalt, Istanbul schon wärmer, Izmir aber die reine Sonne“. So ist die Türkei auch in der Architektur offenbar noch nicht verloren.
Fakten
Architekten Tabanlıoğlu Architects, Istanbul
aus Bauwelt 21.2017
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