Angemessene Architektur

Editorial

Text: Kleilein, Doris, Berlin; Brinkmann, Ulrich, Berlin

Angemessene Architektur

Editorial

Text: Kleilein, Doris, Berlin; Brinkmann, Ulrich, Berlin

SOS-Kinderdorf als Bauherr – wer denkt da nicht an Kinderdörfer im ländlichen Österreich, wo die Orga­nisation in der Nachkriegszeit gegründet wurde? Damals war das Kinderdorf ein radikal neues Modell: Kinder, die ihre Eltern im Krieg verloren hatten, sollten nicht in Heimen aufwachsen, sondern in überschau­baren, behüteten Strukturen, mit einer „Mutter“ und „Geschwistern“. Mittlerweile ist der Verein SOS-Kinderdorf zu einer international operierenden Organisation herangewachsen. Zu den Kinderdörfern auf dem Land sind viele soziale Einrichtungen in der Stadt hinzugekommen, zu den dauerhaften Anlaufstellen Nothilfeeinsätze in Krisenregionen.
Ein Bauherr wie SOS-Kinderdorf arbeitet weltweit mit vielen, oft lokalen Architekten zusammen und präsentiert sich in der Öffentlichkeit eher zurückhaltend, angepasst an örtliche Bauweisen. Auch die „Botschaft für Kinder“ in Berlin, die heute, am 14. Juli, eröffnet wird, ist kein lautes Gebäude – und doch geht die Organisation neue Wege. Mitten in der Hauptstadt ist ein Ort entstanden, an dem sie für die Rechte von Kindern und für die eigene Arbeit wirbt. Der Neubau von Ludloff Ludloff Architekten ist da­bei weniger eine Repräsentanz im klassischen Sinn als vielmehr ein „Social Business“: eine Mischung aus Tagungshotel, Verwaltungsbau und Lehrbetrieb, verkleidet mit einer schützenden, textilen Fassade.
„Angemessen“ – dieser Begriff taucht im Zusammenhang mit der Architektur sozialer Träger immer wie­-der auf. Auch der Architekt Peter Fretschner, der die deutschen Bauvorhaben von SOS-Kinderdorf verantwortet, verwendet ihn im Gespräch. Die Organisation sammelt weltweit Spenden für Bauvorhaben, so auch für das Kinderdorf im ostafrikanischen Tadjoura von Urko Sánchez Architekten: Das Büro nimmt Anleihen bei der islamischen Medina und liefert ein gutes Beispiel dafür, dass angemessene Architektur an jedem Ort etwas anderes bedeuten kann.
Die Kunst des Eingriffs
„Starke Orte“ können das Studium der Architektur befördern: In der alltäglichen Erfahrung und Auseinandersetzung mit ihnen lernen die Studenten Prinzipien, Proportionen, räumliche Übergänge, die Gestaltung von Materialwechseln und die Einwirkung der Zeit. In Sevilla ist das Vorhaben, ein Architekturzentrum in einem aufgelassenen Klosterkomplex einzurichten, bis auf Weiteres leider gescheitert, doch die jetzt abgeschlossene Minimal-Restaurierung durch MGM Morales de Giles arquitectos hält all diese Aspekte wach. Im belgischen Tournai hingegen konnten die Lissaboner Architekten Aires Mateus raumbildnerische Prinzipien anschaulich zwischen Altbauten inszenieren.

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