Wenn die Zeit stehen bleibt

Nach der kleinteiligen documenta eine Portion Überwältigungskunst gefällig? Hans Op de Beeck in Wolfsburg

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

13 x 10 x 4 Meter groß: „The Settlement“ von Hans Op de Beeck, 2013, eine Rauminstallation aus Holz und diversen anderen Materialien.
Abb.: © Hans Op de Beeck

13 x 10 x 4 Meter groß: „The Settlement“ von Hans Op de Beeck, 2013, eine Rauminstallation aus Holz und diversen anderen Materialien.

Abb.: © Hans Op de Beeck


Wenn die Zeit stehen bleibt

Nach der kleinteiligen documenta eine Portion Überwältigungskunst gefällig? Hans Op de Beeck in Wolfsburg

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

Noch mal Hans Op de Beeck!“, ist man geneigt auszurufen, wenn das Kunstmuseum Wolfsburg derzeit eine Retrospektive des Belgiers zeigt. Er war kürzlich in Morsbroich zu sehen, Ende 2012 hatte er seine erste deutsche Personale im Kunstverein Hannover (Bauwelt 38.2012). Man hat also noch Erinnerungen parat, etwa an das wie von Zementstaub überzogene Environment „Location (7)“ – vor allem aber an ein Pathos, das alles untermalte.
Der 1969 geborene Hans Op de Beeck arbeitet crossmedial, ist auch dramatischer Erzähler, Regisseur und Komponist. Seinem theatralischen wie skulpturalen Raumzugriff war zuzutrauen, die Dimensionen des Wolfsburger Hauses zu bewältigen, dort Zauberwelten aufzuführen. Man betritt den Parcours im Obergeschoss des Museums, im 250 Quadratmeter großen „Haus des Sammlers“. Der Raumhybrid zwischen Innen und Außen zeigt eine Bibliothek wohl nie gelesener Bücher, ein Piano, ein Polstersofa, einen Teich mit Seerosen und allerlei Versatzstücke der Kunst- und Naturgeschichte. Dem Sammler geht es eher um eine repräsentative denn erkenntnisfördernde Funktion seiner Akkumulationsleidenschaft. Zwei Kinder flankieren den Blütenpool, Modell stand Op de Beecks eigener Nachwuchs.
Beide Plastiken erinnern in ihrer statuarischen Hermetik und Glätte an Arbeiten des US-Kollegen Charles Ray. Dessen übergroßer Junge mit Frosch stand ja eine ganze Weile vor dem Sammlungsdomizil des französischen Milliardärs François Pinault an der Punta della Dogana in Venedig. Nach Bürgerprotesten wurde der nackte Jüngling entfernt und durch eine historisierende Straßenlaterne ersetzt. Aber an eine ironische Anspielung auf diese Posse mag man bei Op de Beeck nicht denken – alles kommt ernsthaft, mit tiefer Melancholie daher. In seinen eigenen Worten verweist der Künstler nur auf den schlechten Geschmack des Sammlers. Das wichtigste ist ihm eine Atmosphäre, die erscheinen soll, als sei die Zeit plötzlich stehen geblieben – ein Pompeji-Effekt – und habe ein detailverliebtes Sittengemälde für die Nachwelt konserviert.
Danach öffnet sich ein Balkon, der Blick geht hinunter auf ein düsteres Arrangement kleiner Gewerbebauten: Wellblechdächer, Freiluftkabel, Müllcontainer, lodernde Feuerstellen. Ein plätschernder Springbrunnen und ein paar Sitzbänke zentrieren den Ort auf surreale Weise. Unten trifft man in jedem Häuschen weitere Arbeiten des Künstlers. Wie bei einer Retrospektive unvermeidlich, sind gute Bekannte dabei, so „Location (1)“: eine nächtlich menschenleere Straßenkreuzung, die Landschaft winterlich gefroren. Nur die Ampelanlage arbeitet zuverlässig und steuert stoisch selbst noch das absurde Nichts.
In der Folge tapert man durchs bedeutungsschwere Dunkel, tritt vor das Diorama eines gottverlassenen Amüsierparks oder vor eine Siedlung vernakulärer Modellhäuschen im Wasser. Oder in eine realgroße Dachkammer, deren Idyll einzig ein brutaler Lichtstrahl konterkariert. Permanent werden Stimmungen evoziert, archetypische Bilder zu fiktiven Realitäten kombiniert, wird eine gewaltige Imaginationsmaschine angeworfen, so in dem monumentalen Kreuzfahrt-Epos „Sea of Tranquillity“: Requisiten-Show, Film mit 3D-Animation und selbstkomponiertem Soundtrack. Das alles wurde zum bekannten, hoch ästhetischen Markenzeichen von Op de Beecks Kunst und funktioniert natürlich auch bestens in der Wolfsburger XXL-Version.
Aber so wie die Zeit in all seinen Installationen angehalten wurde, scheint sie auch im Schaffen Op de Beecks stehen geblieben zu sein. Und das ist dann schon beklemmend für einen nicht einmal 50-jährigen, überaus produktiven Künstler.
Fakten
Architekten Op de Beeck, Hans, Anderlecht
aus Bauwelt 15.2017
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