Haus der Demokratie in Kiew

Wie kann man baulich die Erinnerungen an den Euromaidan in Kiew wachhalten? Unser Autor übernahm mit seinem Büro die Organisation des Wettbewerbs rund um das „Museum der Revolution der Würde“ und erklärt, wie wichtig das offene Verfahren war.

Text: Hossbach, Benjamin, Berlin

    Im Vordergrund der Majdan Nesaleschnosti mit dem 63 Meter hohen Unabhängigkeitsdenkmal. Im Kontext erinnert der erste Preis an antike Vor­bilder.
    Modellfoto: [phase eins]

    Im Vordergrund der Majdan Nesaleschnosti mit dem 63 Meter hohen Unabhängigkeitsdenkmal. Im Kontext erinnert der erste Preis an antike Vor­bilder.

    Modellfoto: [phase eins]

    1. Preis Kleihues + Kleihues schlagen auf der Anhöhe eine tempelartige Anlage vor
    Abb.: Architekten

    1. Preis Kleihues + Kleihues schlagen auf der Anhöhe eine tempelartige Anlage vor

    Abb.: Architekten

    2. Preis Burø Architects stapeln Kuben mit verschiedenen Steinoberflächen aufeinander.
    Abb.: Architekten

    2. Preis Burø Architects stapeln Kuben mit verschiedenen Steinoberflächen aufeinander.

    Abb.: Architekten

    3. Preis Lina Ghotmeh stellt sich einen empor rankenden Garten vor, der in einem Café mit Blick über die Stadt gipfelt.
    Abb.: Architekten

    3. Preis Lina Ghotmeh stellt sich einen empor rankenden Garten vor, der in einem Café mit Blick über die Stadt gipfelt.

    Abb.: Architekten

Haus der Demokratie in Kiew

Wie kann man baulich die Erinnerungen an den Euromaidan in Kiew wachhalten? Unser Autor übernahm mit seinem Büro die Organisation des Wettbewerbs rund um das „Museum der Revolution der Würde“ und erklärt, wie wichtig das offene Verfahren war.

Text: Hossbach, Benjamin, Berlin

Es wird noch einige Jahre dauern, bis Historiker die Entwicklung in Osteuropa nach dem Ende von Sowjetunion und Warschauer Pakt besser beurteilen können – wann, wo und in welcher Form ein Prozess der Demokratisierung stattgefunden hat. Ein Kapitel dieser Entwicklung wird sicher dem Aufstand des ukrainischen Volkes im Winter 2013/14 zuteil werden, der in Kiew auf dem zentralen Platz Majdan Nesaleschnosti mit Hunderttausenden Demonstranten seinen Höhepunkt erfuhr und über 80 Todesopfer forderte. Er ging als Euromaidan in die Berichterstattung der Weltpresse ein.
Die Sehnsucht nach einem dauerhaften Wandel, die große Zahl seiner Opfer und die traditio­nelle Gedenkkultur waren Motivation der Aktivisten, schon während des Maidan nach angemessener Form und geeignetem Ort für die Erinnerung an die Proteste zu suchen. Der spontane Geist der Revolution sollte dauerhaft in einem Haus für offene Debatten weiterleben. Noch 2014 wurde mit intensiver Bürgerbeteiligung ein Ideenwettbewerb durchgeführt. Als Ergebnis wurden die strategischen Inhalte und Standorte für ein Denkmal (Bauwelt 10.2018) und einen Neubau festgelegt, der als „Museum für die Revolution der Würde“ zunächst mehr eine Absichtserklärung denn ein Gebäude mit klarem Programm war.
2017 schrieb das ukrainische Kulturministe­rium einen zweiphasigen Wettbewerb mit offenem Bewerbungsverfahren als gemeinsamen Prozess für beide Aufgaben aus. Durch inter­nationale Kredite gefördert, entwickelte sich dieses Projekt in den vergangenen Jahren zum Muster eines transparenten, online basierten Vergabesystems.
Der Wunsch nach partizipatorischen Elementen wurde durch öffentliche Veranstaltungen vor und nach dem Wettbewerb, freien Zugang zur Auslobung und eine Ausstellung der Memo­rial-Entwürfe vor der Entscheidung der Jury eingelöst. Das wichtigste Resultat war der Vertrauensaufbau in das Verfahren. Sowohl Jury als auch Wettbewerbsorganisation waren inter­national besetzt.
Die erste Phase endete im Februar mit der Entscheidung für ein Denkmal und der Qualifika­tion von sechs Museumsentwürfen für die zweite Phase. Jetzt liegt dazu das Ergebnis vor, das bestenfalls das internationale Wettbewerbsprozedere in der Ukraine etabliert könnte. Die Mu­seumsentwürfe zeigen grundverschiedene Optionen hinsichtlich Typologie, Rolle der Besucher und des Bezugs zwischen Museums und Stadt. Sie unterscheiden sich auch im Gebrauch von Symbolik, Funktionalität und Machbarkeit.
Die Qualität des einstimmig gewählten ersten Preises von Kleihues + Kleihues sahen die Ju­ro­ren vor allem in dessen räumlichem sowie gesellschaftlichem Kontextbezug. Er bedient sich for­mal einer klassischen Architektursprache. Der Baukörper des Museums würde mit dem Maidan-Platz eine Art Agora formen – ein Platz des Volkes. Ebenfalls ausgezeichnet wurden ein an die ersten Gedenksteine erinnernder Entwurf von Burø architects aus Kiew sowie ein terrassierter Garten von Lina Ghot­meh aus Paris.
Nun bleibt zu wünschen, dass die Bauherren mit gleichbleibender Dynamik die Umsetzung vorantreiben und somit einen kleinen Beitrag zum Prozess der Demokratisierung leisten.
Zweistufiger internationaler Realisierungswettbewerb
1. Preis Kleihues + Kleihues, Berlin
2. Preis Burø architects, Kiew
3. Preis Lina Ghotmeh – Architecture, Paris
Weitere Teilnehmer

Dominique Lyon Architectes, Paris
Coop Himme(l)blau, Wien
Guillermo Vázquez Consuegra Arquitecto, Sevilla
Fachpreisrichter

Julian Chaplynskyy, Kiew; Guido Hager, Zürich; Rainer Mahlamäki, Helsinki; Maciej Miłobędzki, Warschau;Matthias Sauerbruch, Berlin; Olexander Svystunov, Kiew; Can Togay, Berlin; Dmytro Volyk, Dnipro
Wettbewerbsbetreuung
[phase eins], Berlin
Fakten
Architekten Kleihues + Kleihues, Berlin; Burø architects, Kiew; Lina Ghotmeh – Architecture, Paris
aus Bauwelt 18.2018
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