Investorenarchitektur, Künstlerarchitektur

Text: Friedrich, Jan, Berlin

Investorenarchitektur, Künstlerarchitektur

Text: Friedrich, Jan, Berlin

Immobilienmessen wie die Expo Real oder die MIPIM – hat das, was dort gehandelt wird, irgendetwas mit Architektur und Stadt zu tun, wie wir sie uns vorstellen? Selbst wenn man diese Frage mit einem klaren Nein beantwortet – schlicht ignorieren lassen sich die Stein, Beton, Stahl und Glas gewordenen Finanzprodukte der Immobilienwirtschaft nicht mehr. Dafür ist dieser Markt viel zu groß geworden: Privates und ins­titutionelles Kapital prägt unsere Städte. Und das wird voraussichtlich bis auf Weiteres so bleiben. Bei ­vie­len Architekten scheint diese Erkenntnis angekommen zu sein. Auf der MIPIM in Cannes im vergangenen Jahr war jedenfalls eine ganze Reihe von Architekten anzutreffen, die man bisher nicht in Zusammenhang mit Bauen für große Investoren und Projektentwickler brachte. Ob es eine Chance für die Qualität unserer Städte ist, dass immer mehr von ihnen „Investorenarchitektur“ nicht mehr gänzlich zu meiden versuchen, sondern sich zu den Anlegern, Maklern, Anwälten und Projektentwicklern ins Haifischbecken wagen? Dieser Frage gehen wir mit dieser Ausgabe nach.
Wobei es vielleicht schon kontraproduktiv ist, da­-bei das Wort „Investorenarchitektur“ zu verwenden – wenn man Paulus van der Kuil glaubt, der zurzeit an der TU Berlin unter eben diesem Titel zum schwierigen Verhältnis von Immobilienwirtschaft und Architektur promoviert. Nicht nur schwierig sei dieses Verhältnis, sondern sogar „dysfunktional“. Van der Kuil weiß, wovon er spricht, kennt er doch beide Seiten aus eigener Erfahrung. Er hat in Delft Architektur studiert und anschließend jahrelang in der Projektentwicklung und im Investment-Management gearbeitet. Der Begriff „Investorenarchitektur“, sagt er, würde implizieren, dass es sich quasi um eine eigene Spezies von Architektur handele. Und das führe in die Irre. Denn natürlich sei jedes Gebäude ein Investitionsobjekt und ein Stück Architektur, manchmal eben schlechte. Diese Bauten a priori als „Investorenarchitektur“ abzuqualifizieren, hielte einen davon ab, die wirklich wichtige Frage zu stellen: „Wie kommt es dazu, dass diese Art von Gebäuden entsteht?“ Um dann im nächsten Schritt die Schrauben zu finden, die gedreht werden müssen, damit derartige Bauten, damit unsere Städte in Zukunft besser werden.
Für den Fall, dass Sie sich selbst ins Haifischbecken stürzen wollen: Im März ist wieder MIPIM in Cannes, dazu haben wir einiges Wissenswerte zusammengetragen. Und für den nicht unwahrscheinlichen Fall, dass Sie nach 24 Seiten Gesprächen und Kommentaren zur Immobilienwirtschaft etwas Balsam für die Architektenseele brauchen: Ab Seite 44 stellen wir zwei Künstlerateliers vor, im Bergell und in Buffalo. Streng genommen sind deren Bauherren natürlich auch irgendwie Investoren.

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