Raus aus dem Spießerglück Wie Ostwestfalen-Lippe in die 60er aufbrach

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

Raus aus dem Spießerglück Wie Ostwestfalen-Lippe in die 60er aufbrach

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

Sinalco-Flasche und Lederbuxe, Sammeltasse und Henkelmann, Wehrpass und Verweigerungsantrag. Der „Schneewittchensarg“ von Braun und ein Tonbandgerät von Quelle. Ein „Deutscher Einheits-Mietvertrag“ für eine Neubauwohnung und ein Wohnzimmertisch mit einer komischen Höhe. Ein Campingrucksack und eine Gitarre von Framus, gespielt von Dave Davies beim Konzert der Kinks in Lüdenscheid im Oktober 1965 – Leihgaben aus Privatbesitz, angereichert mit den Geschichten und Anekdoten, die dazugehören. Im Freilichtmuseum Detmold werfen sie, arrangiert in der „Ausstellungsscheune“ im „Paderborner Dorf“, Schlaglichter auf ein widersprüchliches Jahrzehnt in der westdeutschen Provinz, auf ein Leben zwischen Verharren und Aufbruch, zwischen Anpassungsdruck und dem Kampf für einen persönlichen Lebensentwurf. Alltägliches, das die Auswirkungen von weltpolitischen Ereignissen und Krisen wie Mauerbau und Vietnam-Krieg, Studentenunruhen und Mondlandung im Kleinen aufzeigt.
Die von Mathis Kleinitz und Janina Raub kuratierte Ausstellung „Raus aus dem Spießerglück. Die anderen 60er Jahre“ macht deutlich, dass dieses heutzutage zumeist mit den „68ern“, mit Woodstock, den Beatles und Stones, mit langen Haaren und LSD in Verbindung gebrachte Jahrzehnt zwischen Ruhrgebiet und Weser (und nicht nur da) eine Ära des Übergangs war, mit Widersprüchen und Konflikten, die heute schon lange zurückzuliegen scheinen. Sie führt dem Besucher aber noch etwas Anderes vor Augen. Indem die Kuratoren etliche Sammlungsstücke des Museums aus dem Speicher geholt und auf dem weitläufigen Gelände des Freilichtmuseums verteilt haben, zeigen sie im Zusammenprall der damaligen, technisch geradezu revolutionären Neuerungen (Elektroherd, Kühlschrank und Geschirrspülmaschine, Waschautomat und Zentralheizung, Schwedenküche, Couch-Ecke und Fernsehsessel) mit den althergebrachten Wohnverhältnissen den plötzlich allgemein werdenden Bruch mit über Generationen erprobtem und eingeschliffenem Verhalten – vom sonntäglichen Spaziergang bis hin zur Aufgabenverteilung von Mann und Frau.
Genug Zeit sollte, nein muss man mitbringen, um alles zu sehen, am Ende aber unbedingt noch fünf Minuten Zeit haben, um den empfehlenswerten Katalog zu erwerben, in dem die in jenen Jahren auf unterschiedlichen Ebenen abgelaufenen Modernisierungsprozesse reflektiert werden. Auch für Architekten, die sich heute gelegentlich mit dem Umbau von Gebäuden aus jener Zeit beschäftigen, seien es Bürogebäude, Zeilenbauten des Sozialen Wohnungsbaus oder Bungalows, enthält er unmittelbar Interessantes. Ich sage nur: Glasbausteine.

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