Umbau ist leiser

Stadtbaukultur NRW und die Bundesstiftung Baukultur widmeten sich der „Umbaukultur“

Text: Escher, Gudrun, Xanten

Die ehemalige St.-Marien-Kirche in Bochum dient heute als Foyer für die beiden Säle des Anneliese-Brost-Musikforums
Foto: Brigida González

Die ehemalige St.-Marien-Kirche in Bochum dient heute als Foyer für die beiden Säle des Anneliese-Brost-Musikforums

Foto: Brigida González


Umbau ist leiser

Stadtbaukultur NRW und die Bundesstiftung Baukultur widmeten sich der „Umbaukultur“

Text: Escher, Gudrun, Xanten

Bestandsgebäude für neue und flexible Misch­nutzungen um-, an- und ausbauen – und zwar so, dass Menschen in ihrer gebauten Umgebung dauerhaft leben wollen: Das wäre Umbaukultur. Ähnlich wie das datengestützte Planen, Bauen und Betreiben von Gebäuden braucht Umbaukultur zwingend eine „Phase 0“, in der die Weichen gestellt werden, und diese Phase 0 muss in eine Vorstellung davon münden, wie Weiternutzung über einen Horizont von zehn oder mehr Jahren hinaus möglich ist. Zum Beispiel indem man die Charakteristik eines Gebäudes erhält und möglichst wenig irreversible Maßnahmen vornimmt. Oder indem man Leute einbezieht, die in übrig gebliebenen Häusern arbeiten und leben wollen. Oft genügt es, Räume nutzbar zu machen (statt sie auf allerneusten Stand zu bringen), Verkehrssicherheit und Infrastruktur herzustellen und den Ausbau den Mietern zu überlassen. Wichtig: Den öffentlichen Raum mitdenken und in ein Nutzungs- und Pflegekonzept einbeziehen. Erbpacht und Teileigentumsmodelle können den Einstieg erleichtern.
Die anstehenden Aufgaben sind gewaltig. In Deutschland wurden allein 38 bis 40 Prozent der vorhandenen Bausubstanz in den 1960er und 1970er Jahren hergestellt, oft genug nach dem Abriss von Altbauten, die als „veraltet“ diffamiert wurden. Aber den Menschen war ihre „veraltete“ Umgebung damals nicht egal – und ist es auch heute nicht. Als eine Folge wurden seinerzeit die Denkmalschutzgesetze erlassen, weshalb Erwerber von geschützter Bausubstanz von der Denkmal-AfA profitieren können. Auch Mittel der Städtebauförderung für Sanierungsgebiete und viele andere Möglichkeiten eröffnen sich, wenn man sich auf Altsubstanz einlässt. Das ist zugegebenermaßen mühsam, macht aber glücklich!
Davon ist jedenfalls die Bundesstiftung Baukultur überzeugt, die für ihren nächsten Baukulturbericht dem vielschichtigen Thema der Umbauten nachspürt. Eine zu diesem Zweck gemeinsam mit der Initiative Stadtbaukultur NRW einberufene Arbeitstagung fand kürzlich in Bochum statt, in der (für 10 Prozent der Kosten der Elbphilharmonie) zum Anneliese-Brost-Musikforum um- und ausgebauten früheren St.-Marien-Kirche. Städtebau, Architektur und Materialien, aber auch Organisationsformen, Finanzierungsmodelle, wo funktioniert Top-down besser, wo Bottom-up – das waren Themen, die bei der „Baukultur Werkstatt“ zum Stichwort Umbaukultur zur Sprache kamen. Praxisbeispiele spannten einen Bogen von Einzelgebäuden wie dem Kulturpalast in Dresden oder der Kita auf einem Parkhaus in Nürnberg zu Bauensembles wie der Bauhaussiedlung Schlieper in Iserlohn oder der Nachbarschaft Samtweberei in Krefeld. Umbaukultur betrifft nicht nur alte Scheunen, Kirchen (bald stehen rund 10.000 denkmalgeschützte Kirchen leer) und Industriearchitektur, sondern viel häufiger Relikte der jüngeren Vergangenheit.
Das alles wegzuräumen, weil heute mit anderem Maß gemessen wird, wäre ebenso kurzsichtig wie die darin gebundene „graue Energie“ durch Abriss zu verschleudern, von Bestandsschutz in Flächennutzungsplänen und ähnlichen Optionen ganz zu schweigen. Allerdings würden den Praktikern etliche Regelungen einfallen, die im Baurecht verändert werden müssten, wenn Umbau zum Normalfall werden soll. Der „Umbauzuschlag“ in der HOAI könne nur ein Anfang sein. Tim Rieniets von der Initiative Stadtbaukultur NRW, die sich seit vier Jahren mit sogenannten Schrottimmobilien beschäftigt, meint: Umbaukultur komme einer neuen Architektursprache gleich. Die Antithese von Neubau und Altbau müsse aufgehoben werden.

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