Viel freie Sicht und mehr Sitzungskomfort

Text: Redecke, Sebastian, Berlin; Brinkmann, Ulrich, Berlin; Crone, Benedikt, Berlin

Viel freie Sicht und mehr Sitzungskomfort

Text: Redecke, Sebastian, Berlin; Brinkmann, Ulrich, Berlin; Crone, Benedikt, Berlin

Die Kunst- und Kulturstiftung von Prada im Süden Mailands hat ihr Domizil in einer ehemaligen Gin-Brenne­-rei gegenüber von Dutzenden meist zugewachsener Gleisen eines Güterbahnhofs. Miuccia Prada, die das Modeunternehmen seit 1978 erfolgreich zu einem Weltkonzern ausgebaut hat, sucht auch bei ihrer Stiftung fast missionarisch immer das Außergewöhnliche, mitunter Provozierende, und das mit großer Intensität und Hartnäckigkeit. In den ersten drei Jahren seit der Eröffnung der Fondazione an diesem Standort war ein etwas höherer Bau der Brennerei das Wahrzeichen, dessen Fassaden der mit Miuccia befreundete Hausarchitekt Rem Koolhaas komplett in Blattgold gekleidet hat. Das Understatement am Güterbahnhof paart sich hier mit einem gewissen Luxusgebahren, das der Besucher wohl erwartet.
Seit Ende April ist nun ein 60-Meter-Turm mit weiteren Ausstellungsflächen der Stiftung hinzugekommen. Die Werke moderner und zeitgenössischer Kunst sind fast alle vor einer großen Glasfront zur Stadt ausgestellt. Koolhaas hatte für den Turm eine komplexe Raumorganisation vor Augen. Jedes Geschoss variiert in seiner Konzeption und hat eine andere Raumhöhe. So ist der Eintritt in die Säle für die Besucher immer wieder überraschend, und die Kunst wird so vielleicht intensiver wahrgenommen. Durch die freien Ausblicke ist die Stadt im Hintergrund präsent. Rückseitig hält eine Strebe den Bau aufrecht.
Viel freie Sicht – sogar in alle Richtungen – war auch die Entwurfsidee von Dominique Rerrault für die neue Tribüne der Galopprennbahn Longchamp in Paris. Nachdem die Besucherzahlen zurückgingen, trat man die Flucht nach vorne an. Die Tribüne ist wie ein breites Regal mit einzelnen Ebenen konzipiert, auf denen man auch umherwandeln kann, immer mit weiten Ausblicken: eine Galopprennbahn-Tribüne als Attraktion, die auch für andere Veranstaltungen genutzt wird. Das Konzept scheint aufgegangen zu sein.

Landtage

Der Sitz der beiden Landesparlamente in Schwerin und Hannover könnte unterschiedlicher nicht sein – ein gebauter Traum von Loire-Renaissance hier, ein Granitkubus aus den 1960er Jahren dort. Die Erneuerung der Plenarsäle führt trotz der Unterschiede in beiden Fällen zu der gleichen Frage: Welcher Wert wird dem gebauten Erbe von Seiten der Politik zugesprochen, die, sei es mit Förderprogrammen, sei es mit Personalplänen etwa in den Denkmalämtern, das Gesicht der gebauten Umwelt, der derzeit so infla­tionär beschworenen „Heimat“, direkt mitbestimmt?

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