Volkwin Marg im Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig

Volkwin Marg hat mit seinem Enkel das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig besucht, kurz nachdem wir es in Bauwelt 11 veröffentlichten. In seinem Text, den er uns geschickt hat, erinnert er sich nicht zuletzt an seine Kindheit in Danzig.

Text: Marg, Volkwin, Hamburg

Das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig, Arch.: Kwadrat Studio, Gdynia
Foto: Wojtek Jakubowski

Das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig, Arch.: Kwadrat Studio, Gdynia

Foto: Wojtek Jakubowski


Volkwin Marg im Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig

Volkwin Marg hat mit seinem Enkel das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig besucht, kurz nachdem wir es in Bauwelt 11 veröffentlichten. In seinem Text, den er uns geschickt hat, erinnert er sich nicht zuletzt an seine Kindheit in Danzig.

Text: Marg, Volkwin, Hamburg

Als das Schlachtschiff „Scharnhorst“, getarnt als Schulschiff, auf „Höflichkeitsbesuch“ in der Hafeneinfahrt des damaligen Freistaates Danzig am 1. September 1939 mit dem Feuerüberfall auf das von 218 polnischen Soldaten verteidigte Militärdepot auf der Westerplatte den Zweiten Weltkrieg eröffnete, war ich noch zu jung, um mich an den Kanonendonner zu erinnern. Aber von Hitlers Besuch beim Gauleiter Forster in der Jopengasse Anfang der 40er Jahre unweit unseres Pfarrhauses Frauengasse Nr. 51 erinnere ich mich an die von Hakenkreuzfahnen überflutete Altstadt und das Skandieren der versammelten Massen: „Lieber Führer sei so nett, zeig dich mal am Fensterbrett.“
Meine Mutter brachte es nach ersten vereinzelten Fliegerangriffen fertig, ihre fünf Kinder und sich noch vor dem Inferno mit Bombenregen und Artilleriebeschuss und völliger Vernichtung der Altstadt 1945 nach Thüringen in Sicherheit zu bringen. Mein Vater, Pfarrer an der Marienkirche – als „Deutscher Christ“ ein Nationalsozialist und eingezogen zur Marineflak –, wurde in der bald folgenden Kesselschlacht verwundet und überlebte, nach Dänemark ausgeschifft, die Apokalypse im Lazarett.
Mit meinem politisch interessierten Enkel Julius hatte ich bereits das KZ Auschwitz und in Warschau das Museum des Warschauer Aufstandes sowie jüngst mit allen Enkeln in München das NS-Dokumentationszentrum besucht. Julius wollte wissen, wie sein Großvater diese für ihn in die Vergangenheit versunkene Zeit erlebt und was ihn damals geprägt habe. Also fuhren wir von Pommern nach Westpreußen – Stettin, Danzig, Elbing, Marienburg, Thorn – und besuchten in meiner Heimatstadt Danzig das neu eröffnete Kriegsmuseum.
Es erhebt sich nahe der Altstadt über deren Silhouette und fällt schon vom mittelalterlichen Hafenkai an der Mottlau ins Blickfeld – just von dort, wo meine heimatliche Frauengasse, die heutige Mariacka, mit ihren Beischlägen mündete und das signifikante Krantor steht. Die Architektur des Museums will ein Mahnmal sein, oberirdisch skulptural ein deutliches Zeichen setzend, mit stürzendem Quader und in die Unterwelt einschneidender Schlucht, dort wo einmal die „Große Gasse“ gestanden hatte, die sich unten wiederfindet.
Der stellvertretende Direktor Grzegorz Gerendt nahm sich drei Stunden Zeit, das überbordende Ausstellungskonzept zu erläutern, das für 16 Millionen Euro in die riesige unterirdische und aufwendig in das Grundwasser versenkte Blackbox hineininszeniert wurde. Es geht der Ausstellung nicht um einen einzelnen Aspekt der NS-Gewaltherrschaft oder des Zweiten Weltkriegs – wie zum Beispiel um das Entstehen der Hitlerei in der „Hauptstadt der Bewegung“ im Münchner NS-Dokumentationszentrum oder um den heroischen und vergeblichen „Warschauer Aufstand“ als mahnende nationale Beschwörung in Polens Hauptstadt –, sondern um das grauenhafte und unermessliche Leiden der Bevölkerungen in­folge von Terror und Zweitem Weltkrieg schlechthin, von Japan bis Europa.
Acht Jahre lang wurden Fakten und Materialien gesammelt, um teils chronologisch, teils thematisch gegliedert und auf unterschiedlichste Weise in allen denkbaren Techniken präsentiert zu werden. Eine ungeheure und in tiefe Abgründe führende Sammlung, in der die belgischen Ausstellungsinszenatoren den von unterschiedlichsten Wahrnehmungen alsbald überwältigten Besucher den Irrweg durch die Geschichte(n) selbst finden lassen. Die Museumsarchitektur spielt hierbei keine Rolle, außer dass sie die geforderte hohe Blackbox liefert, in der leider auch das Personal im Dunklen bleiben muss.
Zwischen Polens nationalistischem Präsidenten Kaczyński, dem Erfinder des Museums „Warschauer Aufstand“, und seinem Vorgänger, dem Europäer Donald Tusk, Initiator des „Danziger Kriegsmuseums“, herrscht politischer Streit. Der kürzlich entlassene Gründungsdirektor des Dan­ziger Museums, Pawel Machcewicz, war Opfer dieses Streits. Sein Vermächtnis, die eindrucksvolle und teure Ausstellung, wird es hoffentlich nicht. Es stehen noch Tausende Quadratmeter Blackbox zur freien Disposition für Wechselausstellungen – die harren ergänzender inhaltlicher Füllung, womit und von wem auch immer.
Terror, Mord, Krieg, Flucht, Vertreibung, diese apokalyptische Generationserfahrung besonders in Osteuropa – von Litauen, Weißrussland über die Ukraine nach Polen und Deutschland –, haben bis heute trotz allen würdigen Wiederaufbaus Wunden und Narben hinterlassen. Die Generation meiner Enkel empfindet sich naturgegeben ohne Schuld, ihre Eltern, d.h. unsere Kinder und auch wir Großeltern – als damalige Kinder dieser katastrophalen Zeit – zu Recht auch.
Was wir alle zu verantworten haben, ist nicht die Vergangenheit der Urgroßeltern, sondern unsere Gegenwart, damit sich Vergangenes in Zukunft nicht wiederholt. Hinweise auf wachsende Gefahren mehren sich.

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