Welchen Bestand haben wir?

Anfang November findet der zweijährliche Baukultur-Konvent der Bundesstiftung Baukultur in Potsdam statt. Sabine Djahanschah, Architektin und seit 2012 Stiftungsrat-Mitglied, gibt einen Vorgeschmack.

Text: Flagner, Beatrix, Berlin

    Sabine Djahanschah ist in diversen Jurys und Beiräten.
    Foto: Deutsche Bundesstiftung Umwelt

    Sabine Djahanschah ist in diversen Jurys und Beiräten.
    Foto: Deutsche Bundesstiftung Umwelt

    Ein Diskussionsabend auf dem Baukultur-Konvent 2016 Foto: Till Budde für die Bundesstiftung Baukultur

    Ein Diskussionsabend auf dem Baukultur-Konvent 2016 Foto: Till Budde für die Bundesstiftung Baukultur

Welchen Bestand haben wir?

Anfang November findet der zweijährliche Baukultur-Konvent der Bundesstiftung Baukultur in Potsdam statt. Sabine Djahanschah, Architektin und seit 2012 Stiftungsrat-Mitglied, gibt einen Vorgeschmack.

Text: Flagner, Beatrix, Berlin

Frau Djahanschah, Sie sind eines der 13 Stiftungsrat-Mitglieder der Bundesstiftung Baukultur, welche Rolle spielt der Stiftungsrat beim kommenden Konvent?
Das ist unterschiedlich. Einige Stiftungsratsmitglieder moderieren Diskussionsrunden, andere bringen sich mit einem Vortrag ein. Da der Konvent interaktiv ist, diskutieren wir alle mit. Der Stiftungsrat war auch aktiv in die Erstellung des Baukulturberichts eingebunden.
Am ersten Tag des Konvents werden im sogenannten „Basislager der Baukultur“ in fünf
Foren aktuelle Themen behandelt – von der baukulturellen Bildung für Kinder bis zu Gestaltungsbeiräten. Wie werden diese Themen ausgewählt?
Im Basislager werden aktuelle Herausforderungen der Baukultur aufgegriffen und in Foren vertieft. Die Themensetzung entwickelt sich aus vorangegangenen Veranstaltungen und Diskus­sionsformaten, wie zum Beispiel den Baukulturwerkstätten. Die Bandbreite der Foren ist groß, denn der Baukultur-Begriff ist weit gespannt. Im Gegensatz zum engen Begriff der architekto­nischen Gestaltqualität, geht es bei „Baukultur“ unter anderem um Planungskultur, zu der auch Infrastrukturmaßnahmen gehören. Der Konvent soll unterschiedliche Personen und Berufsgruppen ansprechen und deutlich machen, dass der Begriff Baukultur weit zu fassen ist.
Fließen die Ergebnisse der fünf Foren „Basis­lager der Baukultur“ in den nächsten Baukulturbericht 2019/2020 mit ein?
Sie fließen in den nächsten Baukulturbericht ein, wenn sie zu dessen Thema einen Bezug haben. Das Thema des nächsten Berichts werden öffentliche Räume sein. Die Diskussionen, die in den Foren geführt werden, sind Impuls- und Ideen­geber für kommende Formate und regen zum darüber Nachdenken an, in welche Richtung man in Zukunft den Fokus lenkt: Wo gibt es Kommunikations- oder Projektbedarf? Pro Forum werden circa achtzig Teilnehmer erwartet – die Foren beinhalten Werkstattische mit kleineren Gruppengrößen, an denen die Teilnehmer mitdiskutieren können. Um konstruktiv damit wei­terzuarbeiten, wird mitgeschrieben und aufgezeichnet.
Der Baukulturbericht 2018/2019 trägt den Titel „Erbe – Bestand – Zukunft“. Die drei Worte sind eher allgemein. Was erwartet den Leser des Berichts?
Das Thema des Baukulturberichts orientiert sich an dem diesjährigen Europäischen Kulturerbejahr. Im Zentrum stehen die Fragen: Welchen Gebäudebestand haben wir eigentlich derzeit? Wie ist die Qualität dieses Erbes? Dies gilt natürlich nicht nur für den kleinen Bereich des denkmalgeschützten Bestands – der ja nur drei Prozent des Gebäudebestands ausmacht –, sondern den viel größeren Teil des baukulturell wertvollen Gebäudebestands der Jahrhundertwen­-de und der Nachkriegszeit. Dieser Bestand muss angeschaut und verantwortungsvoll in die Zukunft gebracht werden. Nicht vergessen darf man, dass das natürlich auch alles stoffliche Ressourcen sind, die sinnvollerweise weitergenutzt und nicht einfach nur abgerissen werden sollten.
Spielt denn das Thema Leerstand zurzeit eine Rolle?
Eine große Rolle. In Anbetracht des Drucks auf Wohnraum und die Neuausweisung von Flächen ist eine wichtige Frage: Was hat die Innenentwicklung von Städten und Kommunen eigentlich für ein Potenzial? Gerade Mittel- und Kleinstädte stehen unter Druck, sie weisen Neubaugebiete im Außenbereich aus und mit dem sogenannten „Donut-Effekt“ fällt letztendlich der Stadtkern leer. Wie kann man da vernünftige Kontrapunkte und Gegenentwicklungen initiieren? Das ist auch eines der Schwerpunkte des Baukulturberichts. Bestand sind ja nicht nur einzelne Gebäude, sondern auch die Infrastrukturen unserer Städte, die wir viel verdichteter nutzen könnten.
Bei dem Konvent formt die Bundesstiftung Baukultur ihre Meinung und will das aktuelle Stimmungsbild zur Lage der gebauten Umwelt in Deutschland ermitteln? Wie ist denn die derzeitige Lage?
Es gibt einen starken Druck auf den Neubau und die Schaffung von Wohnraum. Gerade durch die Möglichkeit, damit relativ schnell Geld zu machen, wird ein stückweit die Chance verpasst, die diese Marktsituation bietet. Durch zu schnelles Handeln und Reagieren werden Fehler aus der Vergangenheit wiederholt, statt sich Zeit zu lassen und vernünftige Konzepte für eine Innenverdichtung zu entwickeln und umzusetzen. Investoren benötigen Flächen, und Städte und Gemeinden vertun oft die Chance, daran Bedingungen zu knüpfen.
Welche Erwartung haben Sie an den Konvent?
Ich hoffe, dass genau zu diesem hochaktuellem Thema „Qualitätsvolle Innenverdichtung“ Anregungen kommen. Wodurch zeichnet sich eine qualitätsvolle Innenverdichtung aus? Welche Mechanismen und Instrumente brauchen wir, um zu besseren Lösungen zu kommen? Wie kann man das, was jetzt als Bauboom überall in Städ-ten und Gemeinden vorangetrieben wird, sinnvoll lenken und qualifizieren? Impulse aus der Praxis sind für die Arbeit der Bundesstiftung Baukultur und letztendlich auch im Hinblick auf unsere Förderaktivitäten hilfreich und wichtig.

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