Amsterdam Centraal


Der Bahnhof in Rotterdam wurde von Presse und Passagieren gefeiert. Auch für den Bahnhof in Amsterdam stellten Benthem Crouwel Architects nun eine Erweiterung fertig – und stapelten zahlreiche Verkehrsträgern unter einem Dach.


Text: Crone, Benedikt, Berlin


    Unter dem 365 Meter langen Glasdach der Bahnhofserweiterung: oben Busterminal, ebenerdig der Radweg, links der Zugang zur Fähre.
    Foto: Jannes Linders

    Unter dem 365 Meter langen Glasdach der Bahnhofserweiterung: oben Busterminal, ebenerdig der Radweg, links der Zugang zur Fähre.

    Foto: Jannes Linders

    Blick nach Süden auf den Hauptbahnhof, dahinter die Amsterdamer Innenstadt
    Luftaufnahme: WAA

    Blick nach Süden auf den Hauptbahnhof, dahinter die Amsterdamer Innenstadt

    Luftaufnahme: WAA

    Der auf Obergeschoss-Niveau verlaufende Busterminal, dahinter schimmert Amsterdam-Noord.
    Foto: Jannes Linders

    Der auf Obergeschoss-Niveau verlaufende Busterminal, dahinter schimmert Amsterdam-Noord.

    Foto: Jannes Linders

    Ausblick wie aus einem Flughafentower: Innenraum des Wartehäuschens für die Busfahrer
    Foto: Jannes Linders

    Ausblick wie aus einem Flughafentower: Innenraum des Wartehäuschens für die Busfahrer

    Foto: Jannes Linders

    Die Erweiterung kurz vor Fertigstellung
    Foto: Jannes Linders

    Die Erweiterung kurz vor Fertigstellung

    Foto: Jannes Linders

    Blick entlang der Halle nach Westen mit neuer Uferpromenade
    Foto: Jannes Linders

    Blick entlang der Halle nach Westen mit neuer Uferpromenade

    Foto: Jannes Linders

    Eine neue 110 Meter lange Passage verbindet die Nord- mit der Südseite des Bahnhofs.
    Foto: Jannes Linders

    Eine neue 110 Meter lange Passage verbindet die Nord- mit der Südseite des Bahnhofs.

    Foto: Jannes Linders

    Die Farben aus Delft, die Schlachtszene aus Rotterdam: Gestaltung der Unterführung mit 77.700 Fliesen durch die Designerin Irma Boom
    Foto: Jannes Linders

    Die Farben aus Delft, die Schlachtszene aus Rotterdam: Gestaltung der Unterführung mit 77.700 Fliesen durch die Designerin Irma Boom

    Foto: Jannes Linders

Dass Xavier in ganz Norddeutschland gerade den Schienenverkehr durcheinanderwirbelte wie kaum ein Sturm zuvor, davon ist am Amsterdamer Hauptbahnhof nichts zu spüren. Weder versiegen die Touristenströme von der Innenstadt zum 1889 fertiggestellten Bahnhofsgebäude des Amsterdam Centraal, noch stehen die blau-gelben Züge in den tonnenförmig gewölbten Hallen still – zwei Erweiterungen aus den Zwanziger und Neunziger Jahren. Die für den Ausländer immer wieder beeindruckend chaotisch-fluiden Abläufe im niederländischen Verkehrswesen scheinen von einer Wind- und Wetterfestigkeit, die ihre Personifikation im selbst bei Regen fröhlich radelnden Klischee-Holländer findet.

Für einen Bahnhof überraschend belebt ist auch die informelle Rückseite des Gebäudes. Vor wenigen Jahren tummelte sich dort, was Amsterdam neben rotem Backstein und weißen Fensterrahmen zu Ruhm und Reichtum verhalf, aber lieber im Hintergrund stattfinden sollte: Schiffsverkehr, Drogenhandel, Prostitution. Seit einem Umbau des Amsterdamer Büros Benthem Crouwel wölbt sich an dieser Stelle ein Glasdach über eine von Hängepflanzen bewachsene Hochstraße mit Busterminal, die im Erdgeschoss von Glaskuben mit Burger-Bude, Kyoto-Sushi und Julia’s Pasta-Bar unterlaufen wird. Wo eine Straße Passanten an die Rückwand des Bahnhofs oder mit Stolpergefahr zur Wasserseite drängte, schiebt sich nun eine Landerweiterung ins Wasser und lenkt den Blick der Reisenden ans andere Ufer, zum für die Stadt wichtigen Entwicklungsgebiet Amsterdam-Noord.

Stapeln, trennen, verschwinden lassen

Parallel zum Wasser schießen Rad- und Mopedfahrer über einen zweispurigen Fahrradstreifen, biegen durch eine Unterführung zur Innenstadt ab oder halten auf einer der kostenlosen Fähren. Der Automobilverkehr ist weitgehend aus dem Sicht- und Geräuschfeld verschwunden, indem er in einen neu angelegten Tunnel unterhalb des Busterminals abgeleitet wird.
„Verkehrsgebäude müssen sich aus dem Verkehrsfluss entwickeln – ohne ein Hindernis für einen der Verkehrsträger zu werden“, sagt Architekt Jan Benthem. In der Erweiterung des Amsterdam Centraal zeigt sich dieser einfach klingende Ansatz in einem ausgeklügelten Stapeln, Verbinden und Trennen von Schienen, Wegen und Straßen.
Den schnellen Verkehr lassen die Architekten unterirdisch (Autos, und leicht versetzt die U-Bahn) und obergeschossig (Busse) verlaufen. Auto- und Busverkehr trennen sich dafür jeweils bei der Einfahrt in die Halle und werden durch Rampen von der ebenerdigen Straße in den Tunnel oder zum erhöhten Busterminal geführt – um auf der anderen Hallenseite wieder zusammenzufließen. Dadurch behält die Erweiterung im Erdgeschoss nicht nur Platz für Geschäfte und Gastronomie, sondern auch eine ungestörte Verbindung für Fußgänger von der Innenstadt, durch das Bahnhofsgebäude bis zum Wasser und der Fähre. Den einzigen Weg, den Passanten dafür kreuzen müssen, ist der in einer durchaus hohen Geschwindigkeit befahrene Radweg: Zebrastreifen sollen eine Querung vereinfachen und zwei Shared-Space-Bereiche östlich sowie westlich der Halle die vorbeiziehenden Radfahrer für Fußgänger sensibilisieren.

Kinder der Neunziger

Mit der Erweiterung endet ein wesentliches Etappenziel bei der Umgestaltung des Amsterdamer Bahnhofs. Seit 18 Jahren arbeitet das 1979 von Jan Benthem und Mels Crouwel gegründete Büro an dem Masterplan für Amsterdam Centraal, um den Bau für eine Auslastung von bis zu 300.000 Passagieren am Tag zu rüsten. Abschnitt für Abschnitt hinterließen die Architekten ihre Spuren: bei der Sanierung der Eingangshalle, beim Bau von drei der fünf Passagen, die zu den Bahnsteigen führen, bei der Erweiterung mit Busterminal und beim Ausbau der U-Bahn-Sta­tion für die seit 14 Jahren im Bau befindliche, ebenfalls von Benthem Crouwel Architects geplante Linie Noord-Zuidlijn. Wird diese im Sommer 2018 in Betrieb genommen, verfügt Amsterdam erstmals über eine direkte Verbindung vom Stadtteil Noord über Amsterdam Centraal bis zum Bahnhof Amsterdam Zuid.
Viele der aktuellen Verkehrsbauprojekte in den Niederlanden sind Kinder der spendablen Neunziger Jahre, als die öffentliche Hand bereit war, Geld in Infrastrukturprojekte zu stecken. Sechs Bahnhöfe wurden als „Schlüsselprojekte“ auserwählt, die mit Unterstützung der Regierung für ein Hochgeschwindigkeitsnetz und als konsumanregende Durchlaufstationen aufgerüstet werden sollten. Drei der neuen Gebäude – in Utrecht, Rotterdam und Den Haag – stemmten Benthem Crouwel (Amsterdam Centraal lief unabhängig von den Schlüsselprojekten). Die Architekten verantworteten in den Neunziger Jahren bereits die Gesamtplanung für die Erweiterung des Flughafens Schiphol – und bewiesen sich damit erstmals als Planer für lang­atmige Verkehrsbauprojekte. Berühmt und von Preisen überschüttet wurde zuletzt das Bahnhofsgebäude in Rotterdam (Bauwelt 12.2014), das die Messlatte für alle folgenden Verkehrsprojekte so hoch hängte, dass Enttäuschungen fast programmiert sind.
Amsterdam Centraal enttäuscht nicht. Allerdings feiert die Erweiterung weniger sich selbst als die angrenzende und gegenüberliegende Uferbebauung und das mit Hoffnungen beladene Entwicklungsgebiet Noord. Zwei Hochhäuser und das weiße, von Delugan Meissl Architekten entworfene Filminstitut Eye profitieren besonders von der Inszenierung der anderen Seite. Kleine Aufmerksamkeitserreger in eigener Sache gelingen den Architekten dennoch: durch Farbtupfer – wie der spacig-neonroten Innengestaltung eines Busfahrerwartehäuschens oder dem orange-rötlichen Schriftzug „Amsterdam“ entlang der Glashalle.
Auffällig ist auch die neue Unterführung unter den Bahngleisen, die progressiv wirkt, obwohl sie mit einem Traditionsmaterial gestaltet wurde. Die 110 Meter lange Querung, die den Weg von der Innenstadt zur Bahnhofsnordseite verkürzt, wurde im Längsschnitt zweigeteilt: Eine Hälfte wurde zum Radweg, die andere Hälfte von der Designerin Irma Boom mit 77.700 teils handbemalten Fliesen verfliest, die eine historische Seeschlacht nachbilden. Dass die blau-weißen Farbtöne aus Delft und die dargestellte Flotte, die einem Werk des Fliesenmalers Cornelis Boumeester nachempfunden wurde, aus Rotterdam stammen, war dabei nicht weiter tragisch. Irma Boom tauschte kurzerhand das Rotterdamer Stadtwappen am Heck des größten Schiffes aus gegen die „X-X-X“ von Amsterdam. „Graffiti und Klagen blieben bisher aus“, sagt Jan Benthem und lächelt.



Fakten
Architekten Benthem Crouwel Architects
Adresse Amsterdam Centraal, Stationsplein, 1012 AB Amsterdam, Netherland


aus Bauwelt 22.2017
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