Die Barenboim-Said Akademie in Berlin


Im ehemaligen Bühnenlager der Staatsoper Unter den Linden wird am 4. März eine außergewöhnliche Musikhochschule eröffnet: Studierende aus Israel und arabischen Ländern musizieren dort gemeinsam. Auch architektonisch treffen Welten aufeinander: Hinter der neoklassizistischen Fassade verbirgt sich ein Umbau von HG Merz mit einem Konzertsaal von Frank Gehry.


Text: Kleilein, Doris, Berlin


    Das preußische Erbe als Kulisse: Die Barenboim-Said Akademie ist im ehemaligen Bühnenlager der Staatsoper untergebracht, einem Gebäude von Richard Paulick von 1952–55.
    Foto: Till Schuster

    Das preußische Erbe als Kulisse: Die Barenboim-Said Akademie ist im ehemaligen Bühnenlager der Staatsoper untergebracht, einem Gebäude von Richard Paulick von 1952–55.

    Foto: Till Schuster

    Das 20 Meter hohe Foyer ist von der Treppenanlage geprägt - und von den original belassenen Schiebetoren.
    Foto: Till Schuster

    Das 20 Meter hohe Foyer ist von der Treppenanlage geprägt - und von den original belassenen Schiebetoren.

    Foto: Till Schuster

    Das Foyer mit dem sechs Meter hohen Teppich „Rivers and Rights“ von Christine Meisner.
    Foto: Till Schuster

    Das Foyer mit dem sechs Meter hohen Teppich „Rivers and Rights“ von Christine Meisner.

    Foto: Till Schuster

    Foyer vor dem Umbau: Die Bühnenbilder wurden beidseitig in Schotten gefahren.
    Foto: Volker Kreidler

    Foyer vor dem Umbau: Die Bühnenbilder wurden beidseitig in Schotten gefahren.

    Foto: Volker Kreidler

    Der Rang ist mit Stoff bespannt, ...
    Foto: Roland Halbe

    Der Rang ist mit Stoff bespannt, ...

    Foto: Roland Halbe

    ... die Hohlkammern dahinter sind Teil des akustischen Konzepts.
    Foto: Till Schuster

    ... die Hohlkammern dahinter sind Teil des akustischen Konzepts.

    Foto: Till Schuster

    Eine von elf möglichen Konfigurationen des Saals.
    Modellfoto: Gehry Associates

    Eine von elf möglichen Konfigurationen des Saals.

    Modellfoto: Gehry Associates

    Die Nischen vor den Bestandsfenstern nehmen Schallschutz, Verdun­­ke­lung, Heizung und Lüf­tung auf.
    Foto: Till Schuster

    Die Nischen vor den Bestandsfenstern nehmen Schallschutz, Verdun­­ke­lung, Heizung und Lüf­tung auf.

    Foto: Till Schuster

    Der orangefarbene Kautschukboden verbindet das Foyer ...
    Foto: Till Schuster

    Der orangefarbene Kautschukboden verbindet das Foyer ...

    Foto: Till Schuster

    ... mit den Räumen der Akademie ....
    Foto: Till Schuster

    ... mit den Räumen der Akademie ....

    Foto: Till Schuster

    ... und endet an den Türen des Pierre Boulez Saals.
    Foto: Till Schuster

    ... und endet an den Türen des Pierre Boulez Saals.

    Foto: Till Schuster

    Die Probeboxen stehen akustisch entkoppelt in den ehemaligen Schotten. Die schräg verlaufenden Weitspann­träger aus Stahl nehmen die Lasten auf, die die Decke nicht tragen konnte.
    Foto: Till Schuster

    Die Probeboxen stehen akustisch entkoppelt in den ehemaligen Schotten. Die schräg verlaufenden Weitspann­träger aus Stahl nehmen die Lasten auf, die die Decke nicht tragen konnte.

    Foto: Till Schuster

    Die Akademie hat den Betrieb bereits im Herbst 2016 aufnommen. Im Bild der Probensaal im 3. Obergeschoss.
    Foto: Till Schuster

    Die Akademie hat den Betrieb bereits im Herbst 2016 aufnommen. Im Bild der Probensaal im 3. Obergeschoss.

    Foto: Till Schuster

„In einer idealen Welt würde diese Akademie im Nahen Osten ihre Pforten öffnen“, erklärte Da­niel Barenboim im Sommer 2016 bei einer Vorbesichtigung. Soweit ist es nicht gekommen, doch der reale Standort ist auch nicht schlecht. Klaus Wowereit hatte der Barenboim-Stiftung 2012 kurzerhand einen Teil des leerstehenden Opernmagazins in Erbpacht überlassen – um Geld zu sparen. Während die Neueröffnung der Staatsoper Jahr um Jahr verschoben wird und die Kosten auf 400 Millionen Euro gestiegen sind, hat das aus Bundesmitteln und privaten Spenden finanzierte Bauvorhaben Barenboim-Said Akademie Kosten und Termine gehalten. Bereits seit September studieren dort junge Musikerinnen und Musiker aus der Konfliktregion des Nahen Ostens, ganz wie es sich die Initiatoren Daniel Barenboim und Edward W. Said in Fortführung ihres Orchesters des West-Östlichen Divans erträumt hatten. Neben Cello und Klavier üben die Studierenden auch gegenseitiges Verständnis – und das in einem der prestigeträchtigsten Probensäle, den eine Akademie wohl je hatte: dem von Frank Gehry entworfenen „Pierre Boulez Saal“ – ein Kammermusiksaal, der nicht nur zu akademischen Zwecken genutzt werden soll, sondern mit einem Programm aus zeitgenössischen, persischen und arabischen Werken bis hin zu Jazz ein Publikum erreichen will, das bislang nicht zu den Abonnenten der Philharmo­nie gehört.

Industriearchitektur hinter Neoklassik

Die Barenboim-Said Akademie definiert eine neue Adresse an der Französischen Straße. Ein grauer, aus Gründen des Denkmalschutzes im Sockelbereich gehaltener Eingang führt in ein Gebäude, das viele Berliner nur vom Vorbeifahren kennen und nichtsahnend dem preußischen Erbe zuordnen würden. Es handelt sich jedoch nicht um einen echten Knobelsdorff, sondern um einen Bau aus den 50er Jahren. Der Architekt Richard Paulick, einst Bauhausschüler, dann Bauleiter der Stalinallee, hatte ab 1953 den Auftrag, das Ensemble der Staatsoper unter den Linden wieder aufzubauen. Mit dem Bühnenla­-ger hat er eine der skurrilsten Fake-Architekturen Ost-Berlins errichtet: Hinter der Knobelsdorff-Light-Fassade mit zurückgesetzer Attika und Sans-Soucis-Nachbildungen auf dem Dach verbirgt sich eine imposante Industriearchitektur. Zu beiden Seiten einer 20 Meter hohen zentralen Halle wurden komplette Bühnenbilder in 25 Me­-ter lange und fünf Meter breite Schotten eingefahren, die Anlieferung erfolgte über das rückwär­tige Ladedock. Bis 2009 war das Hochregallager der Staatsoper noch in Betrieb. Heute schlüpfen die Besucher durch den bescheidenen neuen Eingang und stehen unvermittelt im haushohen Foyer: Rechts geht es in den Kammermusiksaal, links liegen die Räume der Akademie. Die Saalseite wurde komplett entkernt, auf der Akademieseite ist die rigide Schottenstruktur weitgehend erhalten geblieben. Auch wenn das Innen­leben durch den Umbau an industriellem Charme verloren hat: Der Effekt des unerwarteten, ex­tremen Raumerlebnisses hinter bürgerlicher Fassade ist geblieben und wird durch die ins Foyer gestellte Treppenanlage noch verstärkt. Die im Original belassenen Schiebetore aus Stahl zeugen von der früheren Nutzung.

Entworfen hat den Umbau der Architekt und Museumsgestalter HG Merz, der seit 2010 auch für die Dauerbaustelle Staatsoper verantwortlich ist. Als sich herausstellte, dass die Barenboim-Said Akademie ihre Heimat im Hinterhaus der Staatsoper finden würde, hat er das Konzept gleich mitgeliefert. Ab Leistungsphase 5 wurde dann neu ausgeschrieben und das Berliner Büro rw+ hat Ausführungsplanung und Bauüberwachung übernommen – auch für den Saal von Frank O. Gehry.

Der Pierre Boulez Saal

Für den Kammermusiksaal gab es keinen Wettbewerb. Frank Gehry hat, so will es der Gründungsmythos, den Entwurf ohne Architektenhonorar für seinen Freund Daniel Barenboim erarbeitet, ebenso wie der Akustiker Yasuhisa Toyota – ehrenamtliches Engagement auf höchster Ebene. Die Skizzen zeigen ein Oval in der Schuhschachtel: Der Rang ist eine zweifach geschwungene Ellipse, die im Altbau zu schweben scheint. Was mühelos wirkt, war ein konstruk­tiver Kraftakt: Die Gebäudehälfte wurde entkernt und ein Raum im Raum implantiert, der die unter Denkmalschutz stehende Paulick-Fassade akustisch entkoppelt. Die ste­henden Fenster des Altbaus lassen an zwei Seiten Tageslicht herein. Der Blick fällt auf die gegenüberliegende Häuserreihe, von der viel befahrenen Französischen Straße ist jedoch nichts mehr zu hören. Entstanden ist ein in sich gekehrter Saal, dem Akademiebetrieb und der Straße völlig entrückt. Bis zu 682 Sitzplätze (davon 180 auf dem Rang) können untergebracht werden. Die Betreiber sind begeistert von der Wandelbarkeit – und das, obwohl man auf Hubpodeste verzichtet hat, um die bestehende Bodenplatte nicht anfassen zu müssen. Mittels einer Teleskoptribüne lässt sich die Bestuhlung horizontal in Schubladen ausziehen oder unter der Eingangs­ebene verstauen.
Dass Gehry die Oberflächen des Saals komplett mit Holz verkleiden ließ, unterstreicht die Introvertiertheit des Saals: Mit dem industriellen Charakter des Hauses hat die Materialität eben so wenig zu tun wie mit der Putzfassade. Die hölzernen Oberflächen wirken dabei nicht etwa rustikal, sondern perfekt und glatt, vielleicht ein wenig zu glatt. Auf Wunsch des Architekten wurden die Hölzer aus Übersee importiert: Dougla­-sie für die Wandpanele, Roteiche für das Parkett, gelbe Zeder aus Alaska für den Bühnenboden. Die handverlesenen Hölzer ohne Einschlüsse, die grauen Metallgeländer und die blau-rot gemusterte, ebenfalls von Gehry entworfene Bestuhlung lassen den Saal fast zu nüchtern wirken – ein Eindruck, der durch die Proportionen und die Dynamik des Rangs allerdings wieder aufgewogen gemacht wird.
Die Akustik soll hervorragend sein: Toyoto, der jüngst auch für die Elbphilharmonie die Akustik konzipiert hat, hat die Struktur und den Boden des Raums „als Teil eines Instruments begriffen“. Der Boden ist wie ein Feng-Shui-Bett komplett aus Holz aufgebaut, eine Zimmermannskonstruktion, die mitschwingt. Die gewellten Glasschürzen werfen den Schall zurück zu den Mu­sizierenden, die stoffbespannten Hohlräume des Rangs erlauben Feintuning.

Die Barenboim-Said Akademie

Das Foyer trennt zwei Entwurfswelten: Während der Saal auf sich selbst konzentriert ist, bleibt auf der Akademieseite die Atmosphäre des Altbaus erhalten. Die rigide Struktur der Schotten wurde nur dort unterbrochen, wo es für das neue Raumgefüge notwendig war. An den Fassaden reihen sich Seminar- und Verwaltungsräume auf, die innenliegenden Schotten wurden zu breiten Gängen mit eingestellten Probeboxen, deren Wände leicht schräg verlaufen und fein verputzt sind, um sich vom Altbau abzu­setzen. Die Bestandswände blieben roh und wurden ebenfalls weiß gestrichen. Die schlichten Einbauten, die offen verlaufende Haustechnik, die Neonröhren, die an Weitspannträgern un­ter der Decke hängen – all dies gibt der Akademie eine produktive Arbeitsatmosphäre, wie die einer umgebauten Fabrik. Die stattliche Raumhöhe von fünf Metern lässt die biedere Fas­­sa­de vergessen. Verbindendes Element ist der warme, orangefarbene Kautschukboden, der sich durch alle Räume der Akademie und durch das Foyer zieht; eine kraftvolle Farbe, die teilweise auch in den Einbaumöbeln aufgegriffen wurde.
Direktor Michael Naumann, der sein Büro im dritten Geschoss bezogen hat, nannte die Aka­demie „eine Art utopisches Projekt“. In der Französischen Straße hat sie einen Ort gefunden, der Spannungen gut aushalten kann.



Fakten
Architekten Gehry Partners, LLP, Los Angeles; rw+, Berlin
Adresse Französische Straße 33, 10117 Berlin


aus Bauwelt 4.2017
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