Bürogebäude am Schinkelplatz in Berlin


Gegenüber das Humboldtforum und das Alte Museum, seitlich die Bauakademie, rückwärts die Friedrichswerdersche Kirche – inmitten dieser Architektur-Perlen war die Aufgabe für Staab Architekten so einfach wie kompliziert: ein tragfähiges Bindemittel entwerfen


Text: Weckherlin, Gernot, Berlin


    Nordwestecke des Gebäudes von Staab Architekten an der Niederlagstraße. Daran anschließend die Gebäude von Klaus Theo Brenner und Steidle, ganz hinten die Friedrichswerdersche Kirche.
    Foto: Marcus Ebener

    Nordwestecke des Gebäudes von Staab Architekten an der Niederlagstraße. Daran anschließend die Gebäude von Klaus Theo Brenner und Steidle, ganz hinten die Friedrichswerdersche Kirche.

    Foto: Marcus Ebener

    Haupteingang vom Schinkelplatz
    Foto: Marcus Ebener

    Haupteingang vom Schinkelplatz

    Foto: Marcus Ebener

    Das Innere wird nach Mieterwunsch ausgebaut. Oben ein Musterbüro, das die Innenwirkung der Fassade zeigt.
    Foto: Marcus Ebener

    Das Innere wird nach Mieterwunsch ausgebaut. Oben ein Musterbüro, das die Innenwirkung der Fassade zeigt.

    Foto: Marcus Ebener

    Gestalterische Details der Fassade wie der geschossweise Versatz und die sich nach oben hin verändernde Putzstruktur fallen erst auf den zweiten Blick auf.
    Foto: Marcus Ebener

    Gestalterische Details der Fassade wie der geschossweise Versatz und die sich nach oben hin verändernde Putzstruktur fallen erst auf den zweiten Blick auf.

    Foto: Marcus Ebener

Inzwischen stehen die ersten neuen Häuser am Berliner Schinkelplatz, gegenüber der Westfassade des seiner Fertigstellung entgegensehenden Humboldtforums. Den Platz, eine kaum zehn Jahre alte Replik der Lennéschen Schmuckanlage von 1837, ziert die Statue des Namensgebers aus dem Jahr 1869, flankiert von jenen Thaers und Beuths. Hinter ihrem Rücken erhebt sich bislang nur aus bedruckten Planen das „Allerheiligste“: die Bauakademie. Nach dem Abriss des Riegels des Außenministeriums der DDR an dieser Stelle im Jahr 1995 blieb lange Jahre nur eine öde Fläche zwischen Friedrichswerderscher Kirche und der Straße Unter den Linden. Nun ist diese zum „Carré am Schinkelplatz“ beziehungsweise zur ersten Adresse „Berlin-Schinkelplatz“ avanciert. Die Superlative der Immobilienprosa überschlagen sich: Das Projekt der Frankonia Eurobau direkt östlich der Kirche steht beispielsweise unter dem Leitmotiv: „Von Preußen nach Europa“. Die Büro- und Wohngebäude nach Plänen von Rafael Moneo, Schultes Frank Architekten und Hemprich Tophof wachsen gerade aus den Abgründen der Tiefgarage und werden in Kürze das neugotische Kirchenkleinod Schinkels gründlicher einhegen als die Vorgängerbauten noch zu Kaisers Zeiten.
Galt das Berlin des Jahres 2006, als der erste Bebauungsplan für das Areal von Klaus Theo Brenner in Kraft trat, der die Konzeption des 1999 verabschiedeten Planwerks Innenstadt für die Brache fortschrieb, noch als eine Stadt, die nur unter Aufbietung aller Städtebaufördermaßnahmen geeignete Investoren für ein solches „bürgerliches“ Vorhaben zu finden schien, gehören die nun angebotenen Wohnungen inzwischen zu den teuersten der Stadt mit Kaufpreisen von bis zu 22.000 Euro pro Quadtratmeter. Dies ist umso bemerkenswerter, als die Wohnungen auf einem ursprünglich der öffentlichen Hand gehören­-den Grundstück errichtet worden sind (Bauwelt 32.2012). Es wäre also auch möglich gewesen, anstelle des nun entstandenen Residenzghettos ein gewöhnliches Wohnviertel zu errichten, musste doch eine soziale und funktionale Mischung stets als Begründung für die Rekonstruktion einer kleinteiligen Parzellenstruktur herhalten. Solches war jedoch schon bei Verabschiedung des Bebauungsplans 2006 nicht wirklich intendiert; bereits damals war die Rede von „hochwertigen Wohn- und Gewerbeflächen“ und von „planungsrechtlichen Voraussetzungen für die Bildung besonderer innerstädtischer Wohnformen“, so die damalige Pressemitteilung der Senatsverwaltung.
Doch was ist nun hier Hochwertiges, der kulturellen Bedeutung des Ortes Angemessenes gebaut worden? Die Idee des Bebauungsplans war so schlicht wie umstritten, setzte aber den Rahmen: Festgelegt war ein Mischgebiet östlich der Friedrichwerderschen Kirche und eine Bebauung in sieben Einzelparzellen, die Traufhöhe blieb unterhalb jener der Kirche. Stand hier bis Kriegsende eine Mischung aus Repräsentations- und Wohngebäuden, so ermöglichte der Bebauungsplan, der den alten Baulinien folgt, mit Staffelgeschossen eine fünfgeschossige Bebauung. Die vermeintliche Vorkriegsidylle wurde von den einflussreichen Freunden der „Gesellschaft Historisches Berlin“ als Leitbild gepriesen, was deren vernichtende Kritik an den nicht diesem Idealbild folgenden Wettbewerbsergebnissen (2012 für den nördlichen Bauabschnitt, 2014 für den südlichen) erklären mag. Immerhin konnten Nostalgiekitsch und technische Katastrophen wie bei den westlich der Kirche gelegenen „Kronprinzengärten“ der Bauwert-Projektentwicklungsgruppe verhindert werden. Dort führte die Baugrube für die Tiefgarage des Neubaus bei der nur wenige Meter entfernten Kirche zu gefährlichen Rissbildungen, was sich auf der östlichen Seite zu wiederholen drohte.

Der nördliche Bauabschnitt

Der geladene Wettbewerb für den nördlichen Bauabschnitt wurde von der Münchener Moll Immobilien Holding veranstaltet (Bauwelt 32.2012). Hier, wie später im zweiten Bauabschnitt, sollte durch die Aufteilung in Planungslose eine gewisse architektonische Vielfalt gewährleistet werden. Das schmale Grundstück wurde in Parzellen aufgeteilt und an verschiedene Büros vergeben. Er ist nun nach Plänen von Staab Architekten, Steidle Architekten und Klaus Theo Brenner fertig gestellt worden. Das von den Teilnehmern zu beachtende enge Regelwerk umfasste von einheitlichen Staffelgeschossen, Dachformen, Trauflinien, Fassadenmaterialien und Fensterformaten sowie -größen bis zu Parzellenzuschnitt und Nutzungsmischung aus Büros, Gewerbe, Wohnungen alles, um für die Architek­turen Schinkels und Schlüters eine zeitgenössisch-authentische Hintergrundfolie aufzuspannen, die zur „unverwechselbaren Identität des Ortes“ (Pressemitteilung Senatskanzlei vom 16. Mai 2006) beitragen sollte.
Der „alten“ Kommandantur (Bauwelt 1-2.2004) rückt nun das neue Gebäude von Staab Architekten sehr nahe, das mit seinem um das Zehnfache vergrößerten Putz-Relief eine zeitgenössische Interpretation einer dreiteilig horizontal gegliederten Fassade versucht. Während sich die Fensteröffnungen nach oben hin leicht vergrößern und sich die Fensterebenen immer weiter an die Außenfassade schieben, verliert die zunächst in Sichtbeton konzipierte Reliefstruktur umgekehrt zur Traufe und zu den Fenstereinfassungen hin an Tiefe. Der Wechsel von tief in der Laibung liegenden Unterlichtern in den Obergeschossen zum bündig liegenden Oberlicht im Erdgeschoss unterstützt die Ausbildung eines Sockels. Der Effekt dieser zweischaligen Ortbetonfassade, die zudem geschossweise leicht geneigt und durch Gurtbänder horizontal gegliedert ist, ist so verblüffend wie reizvoll, zumal, wenn man die biederen vertikalen Putzfaschen der benachbarten Wohnhäuser von Steidle mit ihren französischen Fenstern betrachtet.
Die Grundrisse hingegen sind hier wie da konventionell, die erdgeschossigen Gewerbeeinheiten mögen den Platz hoffentlich bald beleben. Teilweise innenliegende Treppenhäuser wie an der Niederlagstraße bei Brenner erinnern an die DDR-Wohnungsbauserie P2. Immerhin soll der enge Gartenhof den gestressten Leistungsträgern – dank der Binnenstaffelung der Häuser – etwas weniger hinterhofartige Idylle am plätschernden Brünnlein verschaffen.
Kurz gesagt, wer hier als Mieter einzieht, re­sidiert mit Blick auf eine Postkartenwelt. Um­gekehrt bilden die Fassaden eine Hülle für ein artifizielles, neobiedermeierliches Wohnen mit Tiefgaragenlift. Man muss die Erläuterungstexte der verschiedenen Projektarchitekten genauer studieren, um zu verstehen, was gemeint ist. Hemprich und Tophof etwa beschreiben ihre Aufgabe im südlich Frankonia-Block so: „Wenn Schinkels Architektur zu einem bedeutenden Teil der neuen Wohnungen und Büros wird, verbindet sich Vergangenheit mit Zukunft“. Die Widersprüche der Gegenwart, so scheint es, wurden hier einfach abgeschafft.



Fakten
Architekten Staab Architekten, Berlin
Adresse Schinkelplatz Berlin


aus Bauwelt 5.2017
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