Botschaft für Kinder in Berlin


In Laufweite zum Berliner Hauptbahnhof eröffnet SOS-Kinderdorf eine Botschaft der anderen Art: Hotelgäste, Konferenzteilnehmer und Auszubildende sollen sich dort auf Augenhöhe begegnen. Ludloff Ludloff Architekten haben ein offenes Haus entworfen, in dem die Nutzungen mutig verschränkt sind.


Text: Ballhausen, Nils, Berlin


    Die Elemente der textilen Hülle sind teilweise verschiebbar. Sie verbergen unterschiedliche Fassa­den: eine verglaste Pfosten-Riegel-Fassade ...
    Foto: Werner Huthmacher

    Die Elemente der textilen Hülle sind teilweise verschiebbar. Sie verbergen unterschiedliche Fassa­den: eine verglaste Pfosten-Riegel-Fassade ...

    Foto: Werner Huthmacher

    ... in den beiden unteren und Holz­tafelelemente in den obe­ren Geschossen
    Foto: Werner Huthmacher

    ... in den beiden unteren und Holz­tafelelemente in den obe­ren Geschossen

    Foto: Werner Huthmacher

    Offenes Haus: Die geschwungene Galerie der Konfe­renzebene ragt in den hohen Luftraum des Restaurants.
    Foto: Werner Huthmacher

    Offenes Haus: Die geschwungene Galerie der Konfe­renzebene ragt in den hohen Luftraum des Restaurants.

    Foto: Werner Huthmacher

    Die geschwungene Freitreppe führt durch das Raumkontinuum. Treppenverkleidung und Hand­lauf sind aus Eschenholz.
    Foto: Werner Huthmacher

    Die geschwungene Freitreppe führt durch das Raumkontinuum. Treppenverkleidung und Hand­lauf sind aus Eschenholz.

    Foto: Werner Huthmacher

    Blautöne und Sichtbeton prägen die Tagungs­ebene im 1. OG. Über die geschwungene Galerie geht es in den Konferenzsaal, der durch Faltwände dreigeteilt werden kann.
    Foto: Werner Huthmacher

    Blautöne und Sichtbeton prägen die Tagungs­ebene im 1. OG. Über die geschwungene Galerie geht es in den Konferenzsaal, der durch Faltwände dreigeteilt werden kann.

    Foto: Werner Huthmacher

    Mit ihrer doppelten Raumhöhe bildet die Bibliothek den Mittelpunkt des Verwaltungstrakts im 3. OG. Foto: Werner Huthmacher

    Mit ihrer doppelten Raumhöhe bildet die Bibliothek den Mittelpunkt des Verwaltungstrakts im 3. OG.

    Foto: Werner Huthmacher

    Die Möbel der Hotelzimmer wurden von den Architekten entworfen und in einer Werkstatt für behinderte Menschen von SOS-Kinderdorf angefertigt.
    Foto: Werner Huthmacher

    Die Möbel der Hotelzimmer wurden von den Architekten entworfen und in einer Werkstatt für behinderte Menschen von SOS-Kinderdorf angefertigt.

    Foto: Werner Huthmacher

    Die Tagungsräume in den oberen Geschossen sind in Rost- ...
    Foto: Werner Huthmacher

    Die Tagungsräume in den oberen Geschossen sind in Rost- ...

    Foto: Werner Huthmacher

    ... und Beigetönen gehalten und können mit Vorhängen verdunkelt werden.
    Foto: Werner Huthmacher

    ... und Beigetönen gehalten und können mit Vorhängen verdunkelt werden.

    Foto: Werner Huthmacher

    Dachterrasse mit Blick auf das derzeit entstehende Europaviertel nördlich des Hauptbahnhofs. Foto: Werner Huthmacher

    Dachterrasse mit Blick auf das derzeit entstehende Europaviertel nördlich des Hauptbahnhofs.

    Foto: Werner Huthmacher

    Hand anlegen: Jeder zweite Stahlrahmen kann von den Nutzern zur Seite geschoben werden.
    Foto: Werner Huthmacher

    Hand anlegen: Jeder zweite Stahlrahmen kann von den Nutzern zur Seite geschoben werden.

    Foto: Werner Huthmacher

Unter einem SOS-Kinderdorf stellte man sich lange Zeit ein Kinderheim in ländlicher Idylle vor. Der gemeinnützige Verein gleichen Namens hat sich jedoch seit seiner Gründung 1949 zu einer bedeutenden, global operierenden Nichtregierungsorganisation entwickelt. Weltweit betreibt er 571 Kinderdörfer und 2500 weitere Einrichtungen in über 130 Ländern. Nicht selten verhandelt SOS-Kinderdorf e.V. direkt mit Regierungen darüber, was vor Ort für Kinder, Jugend­liche und Familien getan werden kann – ob akut, zum Beispiel im Kriegsfall und nach Naturkatas­trophen, oder langfristig in Ländern, in denen die Krise ein Dauerzustand ist. 2005 entstand ein Kinderdorf im „schwierigen“ Stadtteil Berlin-Moabit – in erster Linie für „Sozialwaisen“, also Kinder, denen es vor allem an familiärer Bindung und Fürsorge mangelt. Bereits seit 1996 betreibt der Verein im benachbarten Wedding ein Berufs- und Ausbildungszentrum, das nun zusammen mit der Verwaltung und weiteren Nutzungen in einen Neubau umgezogen ist – in die „Botschaft für Kinder“.
Schon der Name gibt das gewachsene Selbst- und Sendungsbewusstsein des Vereins wieder. Neben dem Tagesgeschäft der sozialen Arbeit – hauptsächlich Beratung und Ausbildung – soll hier auch Informationsarbeit in Richtung Öffentlichkeit und Politik betrieben werden. Das Haus liegt allerdings nicht im Botschaftsviertel, sondern im heterogenen Stadtraum entlang der Lehrter Straße, die heute zwar zum Bezirk Mitte gehört, bis 1990 aber am Stadtrand von Berlin (West) lag. Um die Botschaft für Kinder einord­nen zu können, lohnt es sich, den Ort besser zu verstehen.

Soziale Stärkung fürs Quartier

Zunächst scheiterten die Hugenotten, angesiedelt vor drei Jahrhunderten auf Viehweiden vor den Toren der Stadt, mit ihren Maulbeerplantagen am dürftigen Boden des Moabiter Werders. Im 19. Jahrhundert wuchsen stattdessen mili­tärische Anlagen: Pulvermühlen, Kasernen, Exerzierplätze, Offizierswohnhäuser, im Osten begrenzt von den Trassen der Berlin-Lehrter Eisenbahn, im Westen von dichten Arbeitervierteln des „Zille-Miljöhs“. 1849 entstand das berühmt-berüchtigte Zellengefängnis, wodurch Moabit zum Synonym für „Haft“ wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg wichen die militärischen Flächen, es kamen sozialreformerische Sportanlagen wie das Poststadion. Nach 1945 modellierte man aus Trümmerschutt den Fritz-Schloß-Park, nebenan folgten Sozialwohnungen, Senioren­heime, das Leichenschauhaus. Das Quartier blieb ein Ort stiller Absonderung.
Spätestens mit der Eröffnung des Hauptbahnhofs im Jahr 2006 begann sich die Gegend zu wandeln. Das begriffen manche Investoren schneller als die zuständigen Ämter, die in der Seydlitzstraße trivialste Reihenhäuser genehmigten und meinten, ein privates Wellness-Resort im „Bali-Stil“ sei ein sinnvoller Ersatz für das öffentliche Sommerbad. An der Ecke Lehrter Straße standen zuletzt nur noch ein paar Robinien. Der Architekt Jens Ludloff kannte die Brache an der Lehrter Straße von seinem früheren Arbeitsweg (als Partner bei Sauerbruch Hutton), er habe sie aber nie als mögliches Bauland wahrgenommen. Der Bezirk musste das Areal nicht, wie in Berlin üblich, meistbietend verkaufen, weil der Nutzer SOS-Kinderdorf dem Quartier soziale Stärkung bot und bereit war, es in Erbpacht zu übernehmen.
2013 gewannen Ludloff Ludloff Architekten den eingeladenen Wettbewerb. Ihr Entwurf überzeugte, weil er aus den vielfältigen Nutzungen einen räumlichen und architektonischen Mehrwert für das Haus gewann. Dazu schüttelten die Architekten das ausgeschriebene Raumprogramm kräftig durch, krempelten es hier auf, stauchten es dort zusammen, pumpten da Luft hinein und pressten sie anderswo heraus. Die vertikale Durchlässigkeit wird dabei zum Mittel der Integration. Tagungsbetrieb, Verwaltung und Beratung wurden also nicht schichtweise separiert in den Obergeschossen abgelegt, sondern so eng wie möglich miteinander verschränkt, vor allem aber mit den öffentlichen Bereichen im Erdgeschoss verbunden. Die rund-um verglaste Lehrküche und das Ausbildungsrestaurant sind das Schaufenster des Hauses und das Lockmittel für die Öffentlichkeit. In den Luftraum ragt aber schon die Tagungsebene hin­ein, statisch aufwendig freigestellt, mit skulptural geschwungenen Balustraden, an den Außenseiten verkleidet mit einem akustisch wirksamen Stabwerk aus Eschenholzleisten. Die Blicke gehen nach oben. Eine Freitreppe führt die Restaurantgäste hinauf, wo die bemerkenswert gestal­teten WC-Räume im Obergeschoss ein Alibi bieten, um auch die nächsten Ebenen zu erkunden. In jedem Geschoss, so die Absicht der Architekten, ändert sich die Atmosphäre, unterstützt von Farben an Wand und Boden aus der Palette der Spätmoderne – hellblau, weinrot, safran, anthrazith – sowie den jeweils variierenden Geschosshöhen. Die Bewegung durch das Haus soll anregen und neugierig machen, wenn auch die Übergänge in der oberen Gebäudehälfte nicht mehr ganz so geschmeidig geraten sind wie in der unteren. In den beiden obersten Geschossen sind 28 Hotelzimmer und drei Tagungsräume entstanden, die auch an externe Besucher vermietet werden und von einem eigens dafür gegründeten gemeinnützigen Integrationsbetrieb geführt werden. Der Höhepunkt des Parcours ist die kleine „Skybar“ mit Loggia und beeindruckendem Ausblick auf den Hauptbahnhof und das Areal der künftigen Europacity.

Diskretion und Offenheit

„Schutzraum und Bühne“, so überschreiben die Architekten die wichtigsten Funktionen des Hauses. Diskretion ist beispielsweise in Bereichen gefragt, in denen benachteiligte Menschen in Ruhe lernen können sollen, ob Kochen oder Deutsch. Das alles umhüllende Glasfasergittergewebe, auf eigens entwickelte Stahlprofilrahmen aufgezogen, erklärt sich damit nur zum Teil. Es schützt außerdem die Fassade – vorgefertigt als Holztafelbau und in wenigen Wochen in den Stahlbetonrohbau eingehängt – vor Schlagregen und Sonnenstrahlung. Die Hülle verschleiert aber auch die „wilde“ Mischung aus Loch-, Band- und Ganzglasfassade, die der Nutzungsmischung geschuldet ist, und sie filtert die Bli­-cke bei Dunkelheit und künstlicher Innenbeleuchtung. Das textile Material verleiht dem Haus etwas Rätselhaftes, Diffuses. Ein ziseliertes Mitmach-Detail sind die manuell seitwärts zu verschiebenden Elemente, die punktuell den direkten Ausblick erlauben. Das System ist eine Weiterentwicklung der vorgesetzten Fassade am Sedus-Entwicklungszentrum in Dogern (Bauwelt 46.10), bei dem Ludloff Ludloff Architekten ebenfalls Rahmen mit bespanntem Glasfasergewebe verwendet hatten.

Gemeinnützige Organisationen, zumal, wenn sie auf Spendengelder angewiesen sind, müssen darauf bedacht sein, angemessen zu bauen statt verschwenderisch. Mit etwas mehr Geld aber wäre der Keller groß genug für die Haustechnik geworden und hätte Platz für einen Kräutergarten auf dem Dach gelassen, wie im Wettbewerb vorgeschlagen. Dennoch ist die Botschaft für Kinder angemessen. Sie ist gebaut mit Liebe zum Detail, mit Freude am unkonventio­nellen Materialgebrauch und mit Sinn für den klugen Einsatz von Ressourcen. Und sie ist in ihrer eigenwilligen Mixtur und Gestalt eine angemessene Antwort auf den eigentümlichen Stadtraum Moabit.



Fakten
Architekten Ludloff Ludloff Architekten, Berlin
Adresse Lehrter Str. 66, 10557 Berlin


aus Bauwelt 14.2017
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