Charité Campus Benjamin Franklin in Berlin


Am 9. Oktober vor 50 Jahren wurde das weit über die Berliner Gren­zen hinaus bekannt gewordene Universitätsklinikum Steglitz am Teltowkanal eröffnet. Heute ahnt hinter der grauen Fassade des monströs wirkenden Gebäudes niemand mehr, dass diese Klinik viele Jahre eine Vorbildfunktion für das europäische Krankenhauswesen haben sollte. Vieles ist schon lange nicht mehr in einem guten Zustand. Mit einer umfassenden Sanierung wurde begonnen.


Text: Jüttemann, Andreas, Berlin


    Der heutige Charité Campus Benjamin Franklin in Berlin-Steglitz: Das Klinikum besteht aus einem 233 Meter langen Flachbau, zwei über diesem Bau angeordneten Bettenhäusern und dem im Zentrum ebenfalls auf den Flachbau gestellten Behandlungstrakt mit den OP-Sälen.
    Foto: Mila Hacke

    Der heutige Charité Campus Benjamin Franklin in Berlin-Steglitz: Das Klinikum besteht aus einem 233 Meter langen Flachbau, zwei über diesem Bau angeordneten Bettenhäusern und dem im Zentrum ebenfalls auf den Flachbau gestellten Behandlungstrakt mit den OP-Sälen.

    Foto: Mila Hacke

    Die Bettenhäuser: Detail der lebendigen Fassade ...
    Foto: Mila Hacke

    Die Bettenhäuser: Detail der lebendigen Fassade ...

    Foto: Mila Hacke

    ... mit vorgesetzter Rasterkons­truktion, die auch als Sonnenschutz dienen sollte. Entworfen wurde der 1968 fertiggestellte Komplex von dem amerikanischen Architekturbüro Curtis & Davis.
    Foto: Mila Hacke

    ... mit vorgesetzter Rasterkons­truktion, die auch als Sonnenschutz dienen sollte. Entworfen wurde der 1968 fertiggestellte Komplex von dem amerikanischen Architekturbüro Curtis & Davis.

    Foto: Mila Hacke

    Die Bettenhäuser ruhen auf einem als Tragwerk ausgebildeten Installationsgeschoss, das zwei Innenhöfe überspannt.
    Foto: Erik-Jan Ouwerkerk

    Die Bettenhäuser ruhen auf einem als Tragwerk ausgebildeten Installationsgeschoss, das zwei Innenhöfe überspannt.

    Foto: Erik-Jan Ouwerkerk

    Blick von Süden mit der Rampe des Westeingangs.
    Foto: Mila Hacke

    Blick von Süden mit der Rampe des Westeingangs.

    Foto: Mila Hacke

    Rückblick in das Jahr der Fertigstellung 1968.
    Foto: CBF Bildarchiv

    Rückblick in das Jahr der Fertigstellung 1968.

    Foto: CBF Bildarchiv

    Der Flachbau hat sechs Innenhöfe.
    Foto: CBF Bildarchiv

    Der Flachbau hat sechs Innenhöfe.

    Foto: CBF Bildarchiv

    Sie werden sukzessiv hergerich­tet und die Bassins wieder mit Wasser gefüllt.
    Foto: CBF Bildarchiv

    Sie werden sukzessiv hergerich­tet und die Bassins wieder mit Wasser gefüllt.

    Foto: CBF Bildarchiv

    Die Studenten protestierten gegen die hierarchischen Strukturen in der Klinik.
    Foto: CBF Bildarchiv

    Die Studenten protestierten gegen die hierarchischen Strukturen in der Klinik.

    Foto: CBF Bildarchiv

    Isometrie des Gesamtentwicklungsplans 2017 von Heinle Wischer Gesellschaft für Generalplanung mbH (grün: in Bau, hellgrün: in Planung, rot: Bedarf mit Priorität)
    Zeichnung: Heinle Wischer Gesellschaft für Generalplanung mbH

    Isometrie des Gesamtentwicklungsplans 2017 von Heinle Wischer Gesellschaft für Generalplanung mbH (grün: in Bau, hellgrün: in Planung, rot: Bedarf mit Priorität)

    Zeichnung: Heinle Wischer Gesellschaft für Generalplanung mbH

    Die Patientenzimmer wurden teilweise saniert.
    Foto: Mila Hacke

    Die Patientenzimmer wurden teilweise saniert.

    Foto: Mila Hacke

    Die Holztüren ...
    Foto: Mila Hacke

    Die Holztüren ...

    Foto: Mila Hacke

    ... und Wandele­mente blieben erhalten.
    Foto: Mila Hacke

    ... und Wandele­mente blieben erhalten.

    Foto: Mila Hacke

    Eine Besonderheit bleibt die großzügige Verglasung.
    Foto: Mila Hacke

    Eine Besonderheit bleibt die großzügige Verglasung.

    Foto: Mila Hacke

    West-Eingangshalle mit großer Verglasung und der lange Flur im Flachbau.
    Foto: Mila Hacke

    West-Eingangshalle mit großer Verglasung und der lange Flur im Flachbau.

    Foto: Mila Hacke

    Für eine bessere Orientierung kam in den sanierten Bereichen auch Farbe zum Einsatz.
    Foto: Mila Hacke

    Für eine bessere Orientierung kam in den sanierten Bereichen auch Farbe zum Einsatz.

    Foto: Mila Hacke

    Einer der großen Hörsäle auf der Südseite.
    Foto: Mila Hacke

    Einer der großen Hörsäle auf der Südseite.

    Foto: Mila Hacke

    Sanierte Bereiche der Klinik ...
    Foto: Wibke Peitz

    Sanierte Bereiche der Klinik ...

    Foto: Wibke Peitz

    ... mit einem neuen OP-Saal im Behandlungstrakt von Ludes Architekten, Recklinghausen.
    Foto: Wibke Peitz

    ... mit einem neuen OP-Saal im Behandlungstrakt von Ludes Architekten, Recklinghausen.

    Foto: Wibke Peitz

    Einer der Bettenaufzüge.
    Foto: Wibke Peitz

    Einer der Bettenaufzüge.

    Foto: Wibke Peitz

    Die alte Leit- und Schaltzentrale der gesamten Gebäudetechnik der Klinik.
    Foto: Mila Hacke

    Die alte Leit- und Schaltzentrale der gesamten Gebäudetechnik der Klinik.

    Foto: Mila Hacke

    Die „Wirbelsäulen“ des Screens besonders auf der Westseite des Gebäudes weisen erhebliche Schäden auf. Eine Sanierung und Wiederherstellung gestaltet sich weiterhin als schwierig. Mehr zum Klinikum in Berlin-Steglitz in der Bauwelt 20.2018.
    Foto: Erik Jan Ouwerkerk

    Die „Wirbelsäulen“ des Screens besonders auf der Westseite des Gebäudes weisen erhebliche Schäden auf. Eine Sanierung und Wiederherstellung gestaltet sich weiterhin als schwierig. Mehr zum Klinikum in Berlin-Steglitz in der Bauwelt 20.2018.

    Foto: Erik Jan Ouwerkerk

Mit dem Krankenhausbau in Steglitz sollten neue Wege beschritten werden: Bereits Ende der 50er Jahre ergab sich die Chance, mit amerikanischer Unterstützung eine zukunftsweisende Konzeption zu verwirklichen. Ausschlaggebend für die Planung war u.a., dass nach dem Zweiten Weltkrieg die Bettenversorgung in West-Berlin unzureichend war und die benachbarte Freie Universität für die medizinische Ausbildung kein eigenes Universitätsklinikum besaß.
Im Frühjahr 1958 richtete der damalige Regierende Bürgermeister Willy Brandt während eines Amerika-Besuchs an die US-Regierung die Frage, ob erwogen werden könne, in West-Berlin ein großes Krankenhaus zu errichten, und zwar als Zeichen der Freundschaft und des politischen Interesses an der Zukunft der Stadt. Sein Vorstoß war erfolgreich: Das Vorhaben kam zustande und seine Realisierung wurde durch die Washingtoner Benjamin-Franklin-Stiftung vorbereitet. Es dauerte aber noch zehn Jahre, bis das Gebäude fertiggestellt werden konnte. Mit der Eröffnung 1968 übergab die Stiftung die Klinik an das Land Berlin und es folgte die Anbindung an die Freie Universität.
Die Entstehungszeit der Klinik war stark von der Studentenbewegung geprägt. In diesem Kontext bildeten vor allem Forderungen der Medizinstudierenden nach Entmachtung der Ordinarien und einem Abbau der hierarchischen Strukturen in deutschen Kliniken zentrale Ansatzpunkte für den Protest. Mit dem Klinikum sollte ein in Amerika erfolgreich erprobtes Modell auf deutsche Verhältnisse übertragen werden. Dazu gehörte vor allem das Ziel, auf dem Wege einer hausinternen Vereinigung aller medizinischen Fachrichtungen eine möglichst enge Zusammenarbeit zu erreichen.
Der Leitgedanke „Alles unter einem Dach“ kam unmittelbar zum Ausdruck. Es galt, Krankenversorgung, Forschung und Lehre räumlich in idealer Weise miteinander zu verbinden und zu einem „arbeitenden Organismus“ auszugestalten. Tatsächlich konnten nahezu alle Kliniken und Institute der Medizinischen Fakultät in den Gebäudekomplex aufgenommen werden. In den inte­grierten Bereichen standen für die Diagnostik Labore und Röntgentechnik sowie Operationssäle und Apparate für die Therapie, u.a. die Strahlenbehandlung, bereit. Die Einrichtungen konnten von den medizinischen Teildisziplinen gleichberechtigt genutzt werden. Voraussetzung für diese damals in Europa einmalige räumliche Konzentration medizinischer Anlagen - für die Praxis, Ausbildung und Forschung - war die Unterbringung aller Abteilungen in einem einzigen mehrgeschossigen Block.

Der Entwurf

Für das Steglitzer Projekt übernahm man gleich mehrere Leitlinien aus dem US-amerikanischen Krankenhausbau jener Zeit. Der Entwurf beruhte auf dem „Departementsystem“, das sich von der Pavillonstruktur durch das Konzept eines zusammenfassenden, möglichst kompakten Gebäudes mit kurzen Wegen unterscheidet. In Berlin wurden zwei fünfgeschossige Pflegetrakte mit einem neuartigen Doppelflursystem errichtet. Vorgesehen waren 1238 Betten, verteilt auf 40 Pflegeeinheiten und sieben sogenannten Sonderabteilungen in einer Größenordnung von 130 Betten.
Das Projekt war das erste Großklinikum Deutschlands, ausgelegt für jährlich 30.000 Patienten. Um die Umsetzung der neuen konzeptionellen Orientierung sicherzustellen, wurde eine „Klinik-Konferenz“ eingesetzt, an der sowohl Architekten als auch Mediziner mitwirkten. Die Konferenz kam unter der Leitung des Architekten Franz Mocken und dem Steglitzer Arzt Paul Rößing regelmäßig zusammen. Insbesondere wurde am komplexen Raumprogramm des Neubaus lange gefeilt.
Die Auffassungen der Medizinstudierenden kamen erst bei der Eröffnung des Klinikums ins Spiel, die 1968 auf dem Höhepunkt der Studentenproteste stattfand. Zahlreiche Kritikpunkte betrafen das Gesamtkonzept, das als mangelhaft angesehen wurde. Die Studierenden bestanden auf einer Mitgestaltung. Selbst einige Jahre nach der Einweihung war – auch aus Sicht der Ärzte – das Ziel einer Auflösung oder zumindest einer Relativierung der bestehenden hierarchischen Strukturen innerhalb der Betriebsabläufe durch die bauliche Neuorientierung noch nicht erreicht worden.

Die Architekten

Die Benjamin-Franklin-Stiftung erteilte dem in New Orleans ansässigen Architekturbüro Curtis & Davis den Auftrag, den endgültigen Entwurf eines „Berlin Medical Centers“ zu erarbeiten. Der Partnerarchitekt Franz Mocken (1913-1973) hatte bereits an der Gestaltung der Berliner Kongresshalle von Hugh Stubbins (heute Haus der Kul­­turen der Welt) mitgewirkt, die ebenfalls von der Stiftung finanziert und errichtet worden war.
Sowohl Nathaniel Cortlandt Curtis Jr. (1917–1997) als auch Arthur Quentin Davis (1920–2011) hatten in den 40er Jahren an der Tulane Universität, einer Privatuniversität in New Orleans, Architektur studiert. Davis wechselte anschließend nach Harvard, wo er auch mit Walter Gropius zusammenarbeitete. Die beiden gründeten 1947 in New Orleans ein gemeinsames Büro, das bis 1978 existierte. Etwa 400 Projekte auf der ganzen Welt wurden von den Architekten betreut. Dazu gehörten der „Superdome“ in New Orleans (Stadtbauwelt 36.2006), oder die US-Botschaft in Saigon, die während des Vietnamkriegs zu einem politischen Schauplatz wurde, weil von dessen Dach die Hubschrauber starteten, um nach der Niederlage der US-Armee zahlreiche Amerikaner und Südvietnamesen zu evakuieren. In­teressanterweise ist in der Fassadengestaltung eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Botschaftsgebäude und den Bettenhäusern des Klinikums Steglitz zu erkennen.
Der Architekt Franz Mocken konnte bereits kurz nach Kriegsende eine Zusammenarbeit mit amerikanischen Architekten aufbauen und einige US-Bauvorhaben in Deutschland realisieren. Parallel zur Betreuung des Steglitzer Klinikprojekts verwirklichte er ein zweites Krankenhausvorhaben in Essen mit 177 Betten.

Ziele des Vorhabens

Eine zentrale Zielsetzung des Projekts bestand darin, dass im Haus sowohl klinische als auch poliklinische Einrichtungen untergebracht werden sollten. Es galt ferner, Einsparungen bei den Wegen von stationären und ambulanten Patienten zu erzielen. Das waren die beiden tragenden Ideen. Eine weitere Forderung betraf die bereits erläuterte gemeinsame Nutzung zentraler Einrichtungen durch mehrere Kliniken. Infrastrukturellen Überlegungen dieser Art wurden im Planungszusammenhang ein besonderes Gewicht beigemessen. Vor diesem Hintergrund entstanden das Raumbedarfsprogramm und ein Flächenschema, die von Mocken und seinem Team ausgearbeitet wurden (Bauwelt 11.1964). Eine Begrenzung des Projekts ergab sich aus dem Umstand, dass einerseits für die Errichtung aller Gebäudeteile insgesamt nur 180.000 Quadratmeter zur Verfügung standen. Es blieb den Architekten nur die Möglichkeit, die vorgegebene Leitlinie „Alles unter einem Dach“ streng zu beachten.

Der Baukörper

Das Hauptgebäude besteht aus zwei Bettenhäusern, die sich nordöstlich und südwestlich über einen Flachbau erheben. In der Mitte zwischen den beiden Bettenhäusern ragt ein Behandlungstrakt hervor, der ebenfalls dem Flachbau aufge­lagert ist. Der Flachbau umfasst einen Tiefkeller, ein durchgängig tagesbelichtetes Untergeschoss, ein Erdgeschoss und ein erstes Obergeschoss. Er ist 233 Meter lang und 113 Meter breit und gliedert sich in sechs Innenhöfe. In der mittleren Längsachse verläuft aus dem Tiefkeller heraus ein Versorgungsweg vom Hauptgebäude zu den externen Wirtschaftseinrichtungen. Diese Verbindung sollte – wäre es zu weiteren externen Klinikbauten auf dem Gelände gekommen – unterirdisch verlängert werden.
Die auf den Flachbau aufgesetzten Bettenhäuser sind rund 130 Meter lang, 30 Meter breit und fünf Geschosse hoch. Um den Abstand zwischen Bettenhäusern und Behandlungsbau zu vergrößern, wurden die Gebäude in einem leichten Winkel angeordnet. Die Bettenhäuser sind auf einem Tragwerk mit 14 Betonstützen errichtet und überspannen zwei Innenhöfe. Jedes Geschoss der beiden Bettenhäuser wird in der Mitte durch die Erschließungshalle unterbrochen. Es gab jeweils vier Pflegestationen, die 65 Meter lang waren, in einer Größenordnung von 34 Betten. Privat- bzw. Intensivstationen (mit ausschließlich Ein- und Zweibettzimmer) umfassen demgegenüber nur 19 Betten.
Der zentral angelegte Behandlungsbau, der fünf Geschosse hoch ist, bildet ein 75 x 100 Meter großen Block und besitzt zwei Innenhöfe. Zu beiden Bettenhäusern bestehen Verbindungen durch verglaste Korridore. Das Erdgeschoss des Nordteils vom Flachbau beherbergt die Notaufnahme, das erste Obergeschoss die Röntgenabteilung. Im Südteil liegen Kursräume und Hörsäle. Im Kellergeschoss sind die „Central Supply“, das Versorgungszentrum mit der Wäscherei, der Klinik-Apotheke, der Küche und der Mensa für Mitarbeiter und Studenten untergebracht. Speise- und Wäscheförderanlagen sind mit den oberen Geschossen verbunden. In den Geschossen 2 bis 5 im zentralen Behandlungsblock wurden außen die Polikliniken und in der Mitte die den Chefärzten zugeordneten Privatstationen eingerichtet. Im südlichen Teil liegen die Labore. Im sechsten Obergeschoss befindet sich die zentrale Operationsabteilung mit 16 OP-Sälen und im siebten die Räume der Anästhesie. Angegliedert sind OP-Beobachtungstribünen für Studierende. Das Dachgeschoss enthält Be- und Entlüftungsanlagen.

Zugangswege

Die vier Zugänge zum Klinikum waren in der Planung nach Nutzergruppen aufgeteilt: Den Westeingang zum Hindenburgdamm hatte man für die Besucher vorgesehen. Heute ist er einer der beiden Haupteingänge, da die beiden wichtigsten Buslinien dort verkehren. Ursprünglich war vor dem Westeingang ein eigener U-Bahnhof geplant gewesen, aber die Linie 10 wurde dann nicht gebaut.
Der Nordeingang war für die Aufnahme der Patienten gedacht. Hier befindet sich sowohl die Rampe für die Rettungsfahrzeuge als auch die Anmeldung für ambulante Behandlung. Für das Personal war der Osteingang bestimmt. Im Süden – in der Nähe der Hörsäle – entstand der Zugang für die Studierenden. Direkt davor befindet sich der Hubschrauberlandeplatz. Mittlerweile benutzen alle Gruppen fast ausschließlich die beiden verkehrsgünstiger gelegenen Nord- bzw. Westzugänge. Neben dem Hauptgebäude befindet sich ein kleineres Wirtschaftsgebäude. Hier sind u.a. auch die Leit- und Schaltwarte für die technischen Einrichtungen des Klinikums untergebracht. Auf dem Gelände gibt es außerdem noch Gebäude, die ursprünglich als Schwesternwohnheim und -schule dienten, heute aber als Verwaltungsgebäude genutzt werden.

Fassaden als „Screen“

Das Klinikum Steglitz besitzt eine architektonische Besonderheit, die es mit mehreren Gebäuden in den USA gemeinsam hat: das Bauelement „Screen“. Darunter ist eine Verblendung zu verstehen, die vor allem dem Sonnenschutz dient und die von den Architekten Curtis & Davis häufig verwendet wurde. Sie findet sich zum Beispiel beim Caribe Building und dem Hauptgebäude der städtischen Bibliothek von New Orleans sowie beim IBM-Verwaltungsgebäude (heute United Steelworkers Building) in Pittsburgh. In Steg­litz ist die Struktur des Screens allerdings etwas abgewandelt worden.
Das 1958 erbaute Caribe Building wurde 2016 unter Denkmalschutz gestellt. Der Screen ist hier aus Terrakotta gefertigt und soll an ein maurisches Stilelement erinnern. Curtis & Davis unterhielten eine Zeit lang ein eigenes Architekturbüro im Gebäude. Der Screen galt damals als modern und kann sogar als Beginn eines zunehmenden Energiebewusstseins gewertet werden, da er sich auf die Klimatisierung entlastend auswirkte. Man stellte fest, dass der Terrakotta-Screen im Sommer ein Drittel der Kühlkosten einsparte, die bei einem fünfgeschossigen Gebäude mit vielen Fensterflächen insgesamt sehr groß sind. Am Gebäude der öffentlichen Bibliothek New Orleans hatten Curtis & Davis mit einem Aluminium-Screen experimentiert.
Beim Klinikum kamen alle drei Aspekte Ästhetik, Sonnenschutz und Sichtschutz zum Tragen. Außerdem sollten hier sensible Patientenbereiche neugierigen Blicken entzogen werden. Der Screen ermöglichte neben der ästhetischen Wirkung in den Behandlungs- und Unterrichtsräumen eine gedämpfte Belichtung. Die Kompaktheit des Flachbaus wird durch den Screen unterstrichen. Die Musterbildende, geflechtartigen Betonspitzen lassen andeutungsweise die formale Darstellung einer Wirbelsäule erkennen. Das Gestaltungselement erstreckt sich auf einer Fassadenfläche von etwa 10.000 Quadratmetern und besteht aus über 200.000 Betonspitzen. Heute, nach 50 Jahren, ist etwa ein Zehntel des Screens nicht mehr vollständig erhalten.
Der Screen-Entwurf geriet bereits vor Fertigstellung des Gebäudes in die Kritik. In einem Gutachten des Bundesgesundheitsamts von 1961 wurde konstatiert, dass die Installation der Fassade die Lichtverhältnisse in den Untersuchungsräumen in ungünstiger Weise beeinträchtigen: „Wird am Flachbau und am Behandlungstrakt ein ‚Screen’ gemäß Zeichnung angebracht, so wird keiner der dahinterliegenden Räume den Mindestwert des Tageslichtquotienten bei ‚hohen Ansprüchen an die Beleuchtung’ erfüllen (...). Dies lässt sich mit der vorgesehenen und erforderlichen Zweckbestimmung der Räume eines Krankenbehandlungstraktes nicht vereinbaren“.
In dem Gutachten wird außerdem gerügt, dass die neuartige Fassadengestaltung gegen Indus­trienormen verstoße: „Die Anordnung des ‚Screen’ würde auch gegen Ziff. 5.6 der Leitsätze für Innenraumgestaltung mit Tageslicht (DIN 5034) verstoßen, in der auch für Behandlungsräume ungehinderter Ausblick ins Freie gefordert wird. Schließlich darf in einer hygienischen Beurteilung der psychische Eindruck, den ein solches Gitterwerk mit einem Öffnungsverhältnis von nur rund 50 Prozent auf eine repräsentative Mehrzahl gesunder und kranker Rauminsassen machen würde, nicht unerwähnt bleiben“. Für eine Neustrukturierung war es zu diesem Zeitpunkt aber bereits zu spät. Damit ging auch die Chance einer erheblichen Kosteneinsparung verloren, wie Franz Mocken hervorhob. Die Architekten entwickelten einen Alternativvorschlag, um trotz der Installation des Screens den Lichteinfall in die Räume nicht zu sehr zu begrenzen. Die Empfehlung wurden an vielen Stellen auch realisiert. Im Augenblick wird im Zusammenhang mit dem Screen eine Maßnahme zur Gewährleistung der Verkehrssicherheit durchgeführt. Sie wurde erforderlich, weil das Abbrechen von Betonteilen Mitarbeiter und Patienten gefährdete. Wünschenswert wäre eine komplette Sanierung der Elemente, die aber unverhältnismäßig große Kosten verursachen würde.

Ausblick

Das Klinikum hat materielle, betriebliche sowie strukturelle Änderungen hinnehmen müssen. Im Rückblick fällt die Gesamteinschätzung positiv aus. Es erreichte trotz einiger berechtigt erscheinender kritischer Stimmen, die im Laufe der Zeit laut wurden, eine beachtliche Akzeptanz in der Bevölkerung. Im Südfoyer des Klinikums ist vom 10. Oktober bis Ende März 2019 eine Ausstellung zur Geschichte und Architektur des Hauses zu sehen.
Nach dem Zusammenschluss mit der Berliner Charité im Jahr 2003 erhielt das Universitätsklinikum Benjamin Franklin in Steglitz den Namen „Charité Campus Benjamin Franklin.“



Fakten
Architekten Curtis & Davis, New Orleans; Mocken, Franz, Berlin; Ludes Architekten, Recklinghausen; Heinle Wischer Gesellschaft für Generalplanung mbH, Berlin
Adresse Hindenburgdamm 30, 12203 Berlin


aus Bauwelt 20.2018
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