Erweiterung Historisches Museum in Frankfurt am Main


Der Bauwirtschaftsfunktionalismus muss in Frankfurt am Main traumatisch gewirkt haben. Anders ist nicht zu ver­stehen, mit welchem Eifer an der neuen Altstadt gearbeitet wird. Bei der Erweiterung des Historischen Museums durch das Stuttgarter Büro Lederer Ragnarsdóttir Oei wurde der Konflikt von Moderne und Tradition mit einer detailfreudigen „Versöhnungsmaschine“ gelöst.


Text: Bachmann, Wolfgang, Deidesheim


    Die Erweiterung des Historischen Mu­seums mit Vorplatz
    Foto: Roland Halbe

    Die Erweiterung des Historischen Mu­seums mit Vorplatz

    Foto: Roland Halbe

    Blick vom Römerberg zum Main. Vorne: die Alte Nikolaikirche
    Foto: Roland Halbe

    Blick vom Römerberg zum Main. Vorne: die Alte Nikolaikirche

    Foto: Roland Halbe

    Der Vorplatz zwischen den beiden Neubauten
    Foto: Roland Halbe

    Der Vorplatz zwischen den beiden Neubauten

    Foto: Roland Halbe

    Gegenschuss auf das Haus Wertheym und die Evangeli­sche Akademie (hinten rechts)
    Foto: Roland Halbe

    Gegenschuss auf das Haus Wertheym und die Evangeli­sche Akademie (hinten rechts)

    Foto: Roland Halbe

    Rauten, Kreise, Rechtecke: Geometrische Formen prägen Fassaden- und Fenstergestaltung. Die goldene Skulptur mit Kerbe lässt ins Untergeschoss blicken.
    Foto: Roland Halbe

    Rauten, Kreise, Rechtecke: Geometrische Formen prägen Fassaden- und Fenstergestaltung. Die goldene Skulptur mit Kerbe lässt ins Untergeschoss blicken.

    Foto: Roland Halbe

    Eingangsbereich des Museums ...
    Foto: Roland Halbe

    Eingangsbereich des Museums ...

    Foto: Roland Halbe

    ... mit Blick über die Ausgrabungen und auf den Bestandsbau.
    Foto: Roland Halbe

    ... mit Blick über die Ausgrabungen und auf den Bestandsbau.

    Foto: Roland Halbe

    Im Dach­geschoss des Ausstellungsgebäudes ...
    Foto: Roland Halbe

    Im Dach­geschoss des Ausstellungsgebäudes ...

    Foto: Roland Halbe

    ... lässt ein Erker auf die Evangelische Akademie und die Frankfurter Skyline blicken.
    Foto: Roland Halbe

    ... lässt ein Erker auf die Evangelische Akademie und die Frankfurter Skyline blicken.

    Foto: Roland Halbe

    Die Erweiterung vom Mainufer aus, im Hintergrund: der Römer
    Foto: Roland Halbe

    Die Erweiterung vom Mainufer aus, im Hintergrund: der Römer

    Foto: Roland Halbe

Die städtebauliche Kontroverse um moderne Wiederherstellung oder traditionelle Rekonstruk­tion eines Gebäudes oder ganzen Stadtquartiers ist nicht neu. Der Soziologe Philipp Maaß sieht sie in Frankfurt als einen Lagerkampf, der sich „schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit [als] ein Gegensatz zwischen der Meinung der Fachleute und dem Wunsch innerhalb der Be­völkerung herauskristallisierte“. Fried Lübbecke vom „Bund tätiger Altstadtfreunde“ attackierte seinerzeit die Stadtplanung als „diktatorische Verlängerung der Ära May“. Im Geist seines „Neuen Frankfurt“ war 1972 der Neubau des Historischen Museums neben der gotischen Nikolaikirche errichtet worden, vis-à-vis das Massiv des Technischen Rathauses, vor dem ein höckeri­ger Tiefgaragendeckel die weiteren Eingriffe vorbereitete. Die Bauwelt nahm die fertigen Gebäude zum Anlass, die Planungsgeschichte aufzudröseln (Bauwelt 32.1973). Alle Autoren waren sich einig, dass man „vorbildlich“ gearbeitet und eine „hervorragende architektonische Qualität“ erreicht habe. Chefredakteur Ulrich Conrads schwärmte gar von „der kubischen Härte des Museumsbaus und der unprätentiösen Eleganz, um nicht zu sagen Baumasse verzehrenden Heiterkeit des Technischen Rathauses“. Bedauerlich sei allerdings die Menschenleere des Quartiers, weil sich „die Massen“ lieber im Kaufgraben der Zeil „verlustierten“. Dass die Abwesenheit des Publikums mit der Architektur zu tun haben könnte, kam den aufrechten Modernen nicht in den Sinn.
Schließlich wurde 1983 mit der Errichtung der „historischen Ostzeile“ auf dem Römerberg die Wende eingeläutet. Die postmoderne Saalgassenschließung war ein weiterer Schritt, bis ein Ideenwettbewerb 2005 erneut für Unruhe sorgte und die Planungen in eine andere Richtung lenkte. Sie mündeten nicht nur im Abriss des Technischen Rathauses, sondern auch der Betonerweiterung des Historischen Museums, nachdem eine Gutachter-Konkurrenz die Sanierungskosten für Brandschutz und energetische Haustechnik des Gebäudes analysiert hatte. Jan Gerchow, der Direktor des Hauses, war froh, den „Störfaktor im wieder geschlossenen Platzensemble“ loszuwerden und gab dem Abriss mit auf den Weg: „Der Betonbau des Historischen Museums war kurz nach seiner Eröffnung schon überholt.“

Klare Kante zum Römerberg

Den nichtoffenen Wettbewerb für den Neubau der Museumserweiterung hatten die Stuttgarter Architekten LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei 2008 gewonnen. Arno Lederer, der auch beim Wettbewerbsverfahren für das benachbarte Dom-Römer-Areal den Juryvorsitz innehatte, war mit den Frankfurter Verhältnissen bestens vertraut. Seit 2009 gehört er dem Gestaltungsbei­rat für die Altstadt an. Als einziger unter den prämierten Wettbewerbsteilnehmern teilte das Büro LRO die große Baumasse des Museumsgebäudes in zwei Häuser, zwischen denen sich ein Platz weitet. Der abgelöste lange Riegel an der Saalgasse erhielt zwei Satteldächer, was an den Giebelseiten an das Motiv mit Keilhieb drapierter Sofakissen erinnert, vor allem aber eine niedrigere Bauhöhe ermöglichte. Sie entspricht der Zackenlinie der benachbarten postmodernen Wohnhäuser. Das Ausstellungsgebäude wagt sich auch enger an die Nikolaikirche und bildet damit zum Römerberg eine deutliche Kante. Durch die Drehung des Baus erhält der Zwischenplatz einen trichterförmigen Sog.
Das im Sockel darunter verbundene Eingangsgebäude steht parallel zum historischen Ensemble des Museums, das seit 1878 mit seinen fünf Bauten 800 Jahre Stadtgeschichte repräsentiert. Als man beim Aushub auf die Fundamente einer Hafenmauer aus der Stauferzeit traf, erlaubte das einen offenen Tiefhof, in den man aus dem raumhoch verglasten Foyer blicken kann. Erstaunlich ist, wie sich das große Bauwerk in den Stadtgrundriss fügt, als hätten die Architekten jeden einzelnen Durchblick zwischen den vorhandenen Häusern und die sich einstellenden Perspektiven minutiös ermittelt. Weniger überzeugend gelang der Anschluss an den Altbau unterhalb der Treppe am Fahrtor. Statt eines Kupferblechs würde man sich lieber eine klassische Fuge oder sogar die Travestie des Zinnenfrieses wünschen.

Freundlich-Ironische Detailarbeit

Dass die in ihrer Struktur moderne Architektur, die keine Kleinparzellierung vortäuscht, so verträglich mit der herbeizitierten Altstadt anfreundet, liegt am Repertoire der Details – und am soliden Material. Beide Häuser der Erweiterung stehen auf einem Basaltsockel mit einem behä­bigen Wulst. Die ortstypischen roten Sandsteine der Außenwände sind glaubwürdig vermauert, ihre tiefen Lagerfugen und unauffälligen Stöße geben den Wänden und Pfeilern Leichtigkeit, selbst Fluchttore werden so kaschiert. Fenster und Türen sind aus Eichenholz, die großen Formate mit Deckprofilen aus Baubronze, die Eingangstür erhielt einen kunstvoll gefertigten Griff, um den sich die Finger wie um einen Handschmeichler schließen. Auch was weit entfernt ist, entging nicht der Spielfreude der Architekten: Das Schieferdach säumt eine Grabenrinne, die sich auf Winkelkonsolen stützt. Sie wird von offenen Fallrohren aus Kupferblech entwässert: Da macht ein Regenschauer richtig Theater. Es sind bekannte Motive, die man bei Lederer Ragnarsdóttir Oei schon Regeldetails nennen kann.
Neu ist die Behandlung der großen Außenflächen. Während das Ausstellungsgebäude seine Funktion unter dem Fenstergurt des Dachgeschosses mit Nischenfeldern für ausgesuchte Spolien abbildet, ist die Sandsteinfassade des Eingangsgebäudes mit einem Diagonalmuster scharriert. In der Mitte der Rauten liegen die Lamellenöffnungen der Lüftung, sie setzen sich als Tellerornament über die gesamte Fläche wie ein Teppichmuster fort. Solche Schmuckmotive aus der Knorpelmoderne kennt man sonst eher aus dem Münchner Büro Hild und K.
Was das Museumsgebäude von LRO vor allem auszeichnet, ist der Witz, der freundlich-ironische Umgang mit dem Notwendigen, auf den man immer wieder trifft. Wie lässt sich beispielsweise ein Treppenhaus belichten, ohne dass ein großes Fenster die Ansicht stört und man innen geblendet wird? Die Wand wird mit kleinen Öffnungen durchstanzt, davor spreizen sich die massiven Sandsteine wie kleine Läden, die den Passanten winken und neugierig machen.

Bedingt ausstellungsbereit

Im Innenraum beruhigt sich die Architektur, als wollte sie den Exponaten das Wort überlassen. Das Eingangsgebäude erschließt Alt- und Neubau, glatte Eichenflächen für Tresen und Regale geben das Thema vor, das sich zur Linken in einer Treppenskulptur für die Besucher des neuen Ausstellungshauses fortsetzt. In den drei Geschossen über dem Foyer ist die Verwaltung zuhause, sie ist in Einzelbüros mit Blick zum Innen­­hof organisiert, davor staffeln sich Arbeitsplätze in einem Großraum, der zum neuen Saalhof blickt. Linoleumbeläge in rot, blau und gelb unterscheiden die Ebenen.
Die Besucher passieren im Untergeschoss die Garderoben-Ebene, die von einer LRO-typischen langen Bank begleitet wird. Im spitzen Winkel schließt ein spärlich vom Tageslicht erhelltes Café an. Kleine Leuchtenpendel des Designers Poul Henningsen und rote Samtvorhänge vor den blinden Innenwänden persiflieren das Kaffeehaus. Man fühlt sich drinnen – und das ist gut so. Mit einem weißen Leistenspalier um einen von einem Messing-Periskop belichteten Rundbau für Stadtmodelle schließt die Innengestaltung der Stuttgarter Architekten ab.
Die drei Ebenen für Wechsel- und Dauerausstellungen haben sie als stützenfreie Großräume hinterlassen. Die Decken werden deshalb von einer engen Schraffur aus Betonunterzügen mit eingelassenen Ankerschienen bestimmt. Jeweils in der Raummitte setzt sich das Treppenthema fort, zwei gegensinnige Läufe, die als hölzernes Großmöbel bis unters Dach führen, das von einer Fensterbatterie in den Wänden und im innenliegenden Dachsattel belichtet wird. An beiden Enden kragt ein Erker aus der Stirnwand, nach Westen als gläserne Aussichtsvitrine zum Main und zum Römer. Im Altbau, der von dem Eichstätter Büro Diezinger & Kramer bis 2012 saniert wurde, ist die Museografie ein dienender Begleiter. Im neuen Haus dagegen passen die merkwürdig gezimmerten Ausstellungsbehältnisse nicht zur sonoren Eleganz der Räume.

Eine Versöhnungsmaschine

Die Stadtreparatur von LRO überzeugt. Sie ist kein Kompromiss, der alle bedienen will. Stattdessen gelingt der Erweiterung, die widersprüchlichen Einflüsse der Umgebung zu bändigen und in zeitgenössische Architektur zu übersetzen. Sie folgt augenzwinkernd einer Konven­tion, ohne die Gegenwart zu leugnen. Architekturtheoretiker Gerd de Bruyn schrieb einst, dass traditionelle Architektur „die zwei­fellos imposanteste Versöhnungsmaschine darstellte“. Beim Blick auf das neue Historische Museum von Frankfurt am Main dämmert uns, was er damit gemeint haben könnte.



Fakten
Architekten Lederer Ragnarsdóttir Oei, Stuttgart
Adresse Saalhof, 60311 Frankfurt am Main


aus Bauwelt 16.2017
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