Vier Grundschulen in München


Keine Angst vor Wiederholung: München versucht, einen Teil seines Bedarfs an neuen Schulen mit einem modularen Typenbauprogramm zu decken. Wulf Architekten gewannen vor viereinhalb Jahren einen Wettbewerb dazu. Vier Schulen haben sie realisiert.


Text: Paul, Jochen, München


    Ein Grundprinzip – vier verschiedene Grundschulen in Münchner Neubau­­-ge­bie­­ten. V.l.n.r.: Bauhausplatz
    in Schwabing-Freimann, Ruth-Drexel-Straße in Bo­gen­hausen, Gustl-Bayrhammer-Straße und Aubinger Allee in Freiham-Nord
    Grafiken: Wulf Architekten

    Ein Grundprinzip – vier verschiedene Grundschulen in Münchner Neubau­­-ge­bie­­ten. V.l.n.r.: Bauhausplatz
    in Schwabing-Freimann, Ruth-Drexel-Straße in Bo­gen­hausen, Gustl-Bayrhammer-Straße und Aubinger Allee in Freiham-Nord

    Grafiken: Wulf Architekten

    Mittelpunkt des Moduls, das die Architekten aus dem Prinzip des „Münchner Lernhauses“ entwickelt haben, ist ein über einen Lichthof belichteter, frei bespielbarer Mehrzweckbereich. Blick vom Mehrzweckbereich in den Teamraum ...
    Foto: Brigida González

    Mittelpunkt des Moduls, das die Architekten aus dem Prinzip des „Münchner Lernhauses“ entwickelt haben, ist ein über einen Lichthof belichteter, frei bespielbarer Mehrzweckbereich. Blick vom Mehrzweckbereich in den Teamraum ...

    Foto: Brigida González

    ... bzw. die beiden Lernnischen.
    Foto: Brigida González

    ... bzw. die beiden Lernnischen.

    Foto: Brigida González

    Foto: Brigida González

    Foto: Brigida González

    Blick in einen der Lichthöfe, ...
    Foto: Brigida González

    Blick in einen der Lichthöfe, ...

    Foto: Brigida González

    ... einen Unterrichtsraum ...
    Foto: Brigida González

    ... einen Unterrichtsraum ...

    Foto: Brigida González

    ... und einen Flur.
    Foto: Brigida González

    ... und einen Flur.

    Foto: Brigida González

    In der Grundschule Aubinger Allee wurde die Sporthalle, um ein Geschoss abgesenkt, ins Schulgebäude integriert.
    Foto: Brigida González

    In der Grundschule Aubinger Allee wurde die Sporthalle, um ein Geschoss abgesenkt, ins Schulgebäude integriert.

    Foto: Brigida González

    Sie ist über vier große Fenster vom Speisesaal aus einsehbar.
    Foto: Brigida González

    Sie ist über vier große Fenster vom Speisesaal aus einsehbar.

    Foto: Brigida González

    Blick von der freistehenden Haupttreppe in den Lichthof ...
    Foto: Brigida González

    Blick von der freistehenden Haupttreppe in den Lichthof ...

    Foto: Brigida González

    ... und ins Foyer im Erdgeschoss.
    Foto: Brigida González

    ... und ins Foyer im Erdgeschoss.

    Foto: Brigida González

    Durch die umlaufenden Lau­bengänge und die Fluchttreppen an den Stirnseiten des Hauses konnte auf eine innenliegende Entfluchtung verzichtet werden.
    Foto: Brigida González

    Durch die umlaufenden Lau­bengänge und die Fluchttreppen an den Stirnseiten des Hauses konnte auf eine innenliegende Entfluchtung verzichtet werden.

    Foto: Brigida González

    Die Außenaufnahmen zeigen die Schule Gustl-Bayrhammer-Straße, ...
    Foto: Brigida González

    Die Außenaufnahmen zeigen die Schule Gustl-Bayrhammer-Straße, ...

    Foto: Brigida González

    ... bei der die Lernhausmodule in Form eines Winkels zusammengeschaltet wurden.
    Foto: Brigida González

    ... bei der die Lernhausmodule in Form eines Winkels zusammengeschaltet wurden.

    Foto: Brigida González

In der E-Mail für den Besichtigungstermin war zu lesen: „Wir treffen uns in der Grundschule in der Aubinger Allee. Die Adresse ist Aubinger Allee 152.“ Zum Glück stand da auch noch die Mobilfunknummer von Tobias Wulf. Weil mein Navigationssystem zwar eine Aubinger Straße, nicht aber die Aubinger Allee kannte, vor Abfahrt also per SMS die Frage, wie man am besten dorthin komme. Kurz darauf die Antwort: „Geben Sie Wiesentfelser Straße 174 ein.“ Die immerhin kannte mein Smartphone.
Dort angekommen, am überraschend scharfen westlichen Münchner Stadtrand, blickt man, die Wohnzeilen und Punkthäuser aus den späten 1960er Jahren im Rücken, auf einen Mix von Wiesen, Feldern und Baugruben, durchzogen von einem rechtwinkligen Raster aus asphaltierten, aber noch nicht für den Verkehr freigegebenen Erschließungsstraßen, neu angelegten Grünflächen und frisch gepflanzten Bäumen, dazwischen ein gutes Dutzend Baukräne.
Vom Wettbewerb zur Schlüsselübergabe in knapp vier Jahren: Die Grundschule und das Förderzentrum, die Wulf Architekten aus Stuttgart in Freiham-Nord errichtet haben, sind so schnell fertig geworden, dass von dem Stadtteil, für dessen Kinder sie geplant und gebaut wurden, noch kaum etwas zu sehen ist, geschweige denn, dass Google Maps die Adresse schon kennt. Was in Freiham-Nord in den nächsten Jahren geschehen soll, das beschreibt das Referat für Stadtplanung und Bauordnung im Faltblatt „Freiham – Entwicklung eines neuen Stadtteils“ so: „Auf einer Fläche von 350 Hektar entsteht am westlichen Stadtrand von München ein neuer Stadtteil, in dem in Zukunft über 25.000 Menschen leben und fast 15.000 Menschen arbeiten werden. Das Gut Freiham, eine denkmalgeschützte Anlage mit Schloss und Hofmarkkirche, wird als Ensemble mit seinen prächtigen Alleen erhalten bleiben. Die Neuplanungen halten dazu einen respektvollen Abstand ein.“
In Freiham wird für rund 3000 Schüler auch der größte Bildungscampus der Stadt gebaut: ein Gymnasium, eine Realschule, ein sonderpädagogisches Förderzentrum und eine Grundschule. Während der Bildungscampus insgesamt erst 2019/20 in Betrieb gehen wird, wurden das Förderzentrum an der Aubinger Allee und die Grundschule an der Gustl-Bayrhammer-Straße bereits zum Schuljahr 2017/2018 eröffnet.

Ein modularer Typenbau

Im Frühjahr 2013 hatte die Stadt München einen nichtoffenen Realisierungswettbewerb für die Errichtung von vier Grundschulen mit Ganztagsbetreuung in modularer Bauweise ausgelobt, den Wulf Architekten zusammen mit den Landschaftsarchitekten Planstatt Senner für sich entschieden (Bauwelt 4.2018). Abgeleitet aus dem pädagogischen Konzept des „Münchner Lernhauses“ – einer besonderen Raumorganisation, die eine neuartige und inklusive Pädagogik ermöglicht – entwickelten sie ein Modul, das sich aus je vier Unterrichtsräumen, zwei zwischengeschalteten Räumen für die Ganztagsbetreuung, einem Teamarbeitsraum für Lehrer und Betreuer, einer Sanitäreinheit und einem Abstellraum zusammensetzt. Ziel der Architekten war es, Räume zu entwerfen, die „heimatbildend und charakteristisch“ sind.
Die Räume sind um einen Pausen-/Gemeinschaftsbereich angeordnet, der sich auf seiner Längsseite zu einem Lichthof öffnet. Über den Lichthof werden auch die innenliegenden Be­reiche des Moduls mit Tageslicht versorgt. Lieblingsplatz der Schüler aber sind die quadratischen Holzpodeste links und rechts des Teamarbeitsraums, die mit Sitzsäcken und großen Kissen als „Chill Out Zones“ möbliert sind.
Das von Wulf Architekten entwickelte Lernhausmodul basiert auf einem Stützenraster im Abstand von 10,50 Metern und einer Raumtiefe von bis zu 7,50 Metern. Vier Reihen à vier Stützen übernehmen die vertikale Lastabtragung des von Tonnenschalen überspannten Moduls, vier Durchlaufträger koppeln die vier Stützenreihen und die dazwischenliegenden Tonnenschalen im Fugenverguss. Die auf diese Weise erzeugte Rahmenwirkung steift das Modul in Längs- und Querrichtung aus. Das gesamte Tragwerk ruht auf 16 Punktfundamenten. Während die Primärstruktur komplett aus Stahlbeton besteht, sind alle raumbildenden Elemente der Sekundärstruktur (Fassaden, Wände und Böden) in Holzbauweise ausgeführt.
Je nach den genauen Anforderungen des Raumprogramms und den Besonderheiten des Grundstücks lassen sich die Lernhausmodule zu unterschiedlichen Kubaturen kombinieren, die Sporthalle kann integriert oder freistehend ausgeführt werden. Auf diese Weise bauten Wulf Architekten noch je eine weitere Schule auf ehemaligen Kasernenstandorten in München-Bogenhausen und in Schwabing-Nord.
Der längsrechteckige Neubau an der Aubinger Allee beherbergt eine fünfzügige Grundschule mit Ganztagsbetreuung. Hinzu kommen Räume für die Schulverwaltung, ein Speisesaal, eine Bibliothek, ein Mehrzweckraum, Außensportanlagen, die an den begrünten Pausenhof anschließen, und eine doppelgeschossige Zweifach­sport­halle im Untergeschoss des Hauses.
Betritt man die Schule über einen der beiden einander gegenüberliegenden Eingänge, gelangt man zunächst in ein großzügiges Foyer, das von der Decke über zwei halbtonnenförmige Sheds zusätzlich belichtet wird. Eine gerundete, zweiläufige Treppenskulptur, die unwillkürlich an die „Weiße Moderne“ denken lässt, erschließt die beiden Obergeschosse und das Untergeschoss. Zur einen Seite grenzt das Lernhausmodul an das Foyer an, zur anderen Seite der Speisesaal mit Blick in die Sporthalle.
Alle Räume der Schule haben über raumhohe Fenster und die umlaufenden Laubengänge einen direkten Ausgang ins Freie. Fluchttreppen an den Stirnseiten des Gebäudes ermöglichten es, auf eine innenliegende Entfluchtung zu verzichten, wodurch sich das gesamte Lernhaus frei bespielen lässt. Außen rhythmisieren die Holzlamellen der Lüftungsflügel zwischen den Fenstern und paarweise angeordnete Holzstaketen vor der umlaufenden Absturzsicherung die Fassade, innen prägen Beton, Glas, Holz, Linoleum, Putz und Werkstein das Erscheinungsbild.
Teilweise geschosshoch verglaste Wände zu den Korridoren und den angrenzenden Räumen sowie bewegliche Trennwände zwischen den Räumen der Ganztagsbetreuung und dem Pausenbereich sorgen für Transparenz, eine natür­liche Belichtung der Pausenbereiche und eine hohe Nutzungsflexibilität. Trotzdem sind die Räume sowohl im getrennten als auch im gekoppelten Zustand klar strukturiert.

Ein Standardbauprogramm für ­Münchner Schulen

Die Landeshauptstadt München erwarb mit dem Wettbewerb das Urheberrecht an den Grundrissen und hat daraus ein Standardprogramm für Schulbauten in München abgeleitet. Eine Besonderheit der Schulen von Wulf Architekten wurde nicht in das Standardbauprogramm übernommen: die Tonnengewölbe aus (im Fall der Schule an der Aubinger Allee brettergeschalten) Sichtbeton-Fertigteilen.
Das ist bedauerlich. Die Tonnengewölbe haben nicht nur raumakustische und wegen der größeren Deckenhöhe klimatische Vorzüge, sondern integrieren auch elegant die direkte und indirekte Beleuchtung – und sie schaffen vor allem eine räumliche Qualität, die das nach wie vor weit verbreitete Vorurteil, modularer Typenbau sei unweigerlich stereotyp und monoton, sinnlich erfahrbar widerlegt.



Fakten
Architekten Wulf Architekten, Stuttgart
Adresse München


aus Bauwelt 18.2018
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