Plastic Spaceship in Plasencia


Das neue Kulturzentrum von José Selgas und Lucia Cano in Plasencia liegt in der Extremadura kurz vor der portugiesischen Grenze. Es wurde in diesem Sommer eröffnet und zeigt, wie mutig auch im Hinterland gebaut werden kann


Text: Cohn, David, Barcelona


    Als sei ein Fremdkörper vom Himmel gefallen liegt der Bau an der Kante von Stadt und freier Landschaft.
    15 Meter hohe Spundwände waren nötig, um die Kon­struktion an dieser Stelle zu sichern und fest im Boden zu verankern.
    Foto: Iwan Baan

    Als sei ein Fremdkörper vom Himmel gefallen liegt der Bau an der Kante von Stadt und freier Landschaft.
    15 Meter hohe Spundwände waren nötig, um die Kon­struktion an dieser Stelle zu sichern und fest im Boden zu verankern.

    Foto: Iwan Baan

    Über eine lange Rampe erreichen die Besucher den rot ausgefachten Eingang.
    Foto: Iwan Baan

    Über eine lange Rampe erreichen die Besucher den rot ausgefachten Eingang.

    Foto: Iwan Baan

    Der große Ausstellungsraum wird von oben belichtet.
    Foto: Iwan Baan

    Der große Ausstellungsraum wird von oben belichtet.

    Foto: Iwan Baan

    Das Eingangsfoyer ist ein 12 Meter tiefer Canyon quer durch das Gebäude.
    Foto: Iwan Baan

    Das Eingangsfoyer ist ein 12 Meter tiefer Canyon quer durch das Gebäude.

    Foto: Iwan Baan

    An seinem Ende dient es als Aussichtsplateau auf die semiaride Landschaft vor den Toren der Stadt.
    Foto: Iwan Baan

    An seinem Ende dient es als Aussichtsplateau auf die semiaride Landschaft vor den Toren der Stadt.

    Foto: Iwan Baan

    Große Teile der Erschließungsflure liegen in der äußeren Hülle des Baukörpers, ...
    Foto: Iwan Baan

    Große Teile der Erschließungsflure liegen in der äußeren Hülle des Baukörpers, ...

    Foto: Iwan Baan

    ... dazu kommt ein verzweigtes System von Rampen und Treppen.
    Foto: Iwan Baan

    ... dazu kommt ein verzweigtes System von Rampen und Treppen.

    Foto: Iwan Baan

    Foto: Iwan Baan

    Foto: Iwan Baan

    Das Tragwerk besteht aus Ortbeton, ...
    Foto: Iwan Baan

    Das Tragwerk besteht aus Ortbeton, ...

    Foto: Iwan Baan

    ... über das eine zeltartige Hülle aus Metallstreben und Zugseilen montiert ist, an der wiederum das ETFE befestigt wurde.
    Foto: Iwan Baan

    ... über das eine zeltartige Hülle aus Metallstreben und Zugseilen montiert ist, an der wiederum das ETFE befestigt wurde.

    Foto: Iwan Baan

    Der große Veranstaltungssaal befindet sich ganz unten auf dem Grund des Polyeders. Darüber liegen ein weiterer, teilbarer Veranstaltungsraum, die Lobby, Ausstellungshallen und ein Restaurantbereich.
    Foto: Iwan Baan

    Der große Veranstaltungssaal befindet sich ganz unten auf dem Grund des Polyeders. Darüber liegen ein weiterer, teilbarer Veranstaltungsraum, die Lobby, Ausstellungshallen und ein Restaurantbereich.

    Foto: Iwan Baan

    Eine Autobahn und eine Schnellstraße führen in der Ferne vorbei.
    Foto: Iwan Baan

    Eine Autobahn und eine Schnellstraße führen in der Ferne vorbei.

    Foto: Iwan Baan

    In der Nacht wird das grell beleuchtete Ufo zum rätselhaften Wahrzeichen für Plasencia.
    Foto: Iwan Baan

    In der Nacht wird das grell beleuchtete Ufo zum rätselhaften Wahrzeichen für Plasencia.

    Foto: Iwan Baan

Die lichtdurchfluteten, plastikverkleideten Bauten des Madrider Architekten-Duos José Sel­gas und Lucia Cano beziehen sich auf die Zeit der 1960er und 70er Jahre, als die technische Evo­lution der Architektur auf immer leichtere und immaterielle Materialien ausgerichtet war – Buckminster Fullers lichte, mit Kunststoff ausgefachte geodätische Kuppeln oder die weitgespannten Netzstrukturen von Frei Otto für die Olympischen Spiele 1972 in München kommen einem in den Sinn. Diese Strukturen repräsentierten damals die Spitze des technischen Fortschritts. An die Stelle der tragenden Mauern vormoderner Gebäude trat ein prozesshaftes Denken von Entwurf und Ausführung, das in Joseph Paxtons Crystal Palace von 1851 und später dann in der Entwicklung der Vorhangfassade seine Vorläufer hatte.
In zwei vorhergehenden öffentlichen Bauten, den Kongresszentren für die spanischen Städte Badajoz 40–41.2006 und Cartagena 8.2012 haben SelgasCano bereits damit experimentiert, ihre Bauten sowohl innen als auch außen mit Kunststoff zu verkleiden. Sie verwendeten außen Plexiglas, weil es UV-Strahlen absorbiert, und innen Polycarbonat aufgrund seiner Feuerbeständigkeit. Sie haben diese Materialien für ihren baulichen Einsatz zusammen mit lokalen Firmen weiterwickelt, die Kunststoffhüllen für Gewächshäuser liefern, unter denen in Land­strichen wie Almeria Gemüse gezogen wird. In Badajoz beispielsweise wurde das runde Audi­torium mit hinterleuchteten Polycarbonatstreifen verkleidet, sodass der Raum von innen her unterschiedlich leuchtet. In Cartagena wurden Farbstreifen in die äußere Acrylverkleidung so eingebettet, dass die Farben durch die im Querschnitt variierende Dicke des transluzenten Materials jeweils anders gebrochen wird.
Das Ende Juni eröffnete Kongresszentrum in Plasencia brauchte 12 Jahre für seine Realisierung. Der Wettbewerb fand 2005 statt, zwei Jahre später wurde mit dem Rohbau begonnen. Die spanische Finanzkrise hat die Fertigstellung dann aber unterbrochen – das Gebäude blieb zunächst eine Art Ruine. Verglichen mit Badajoz und Cartagena ist der Bau in Plasencia der radikalste. Er steht am Rande der Stadt als irregu­lärer, quasi fensterloser Polyeder, der ganz und gar in transluzentes ETFE (Ethylen-Tetrafluorethylen-Copolymer) gehüllt ist und dem es an jeder Ähnlichkeit mit konventionellen Bauformen gebricht.

Am äußersten Rand der Stadt

Plasencia ist eine abgelegene Stadt in der autonomen Region Extremadura und zählt 40.000 Einwohner. Die historisch gewachsene Stadt ist umgeben von den semiariden Landschaften an den Ausläufern der Sierra de Gata. Das Kultur- und Kongresszentrum steht am Rand der Stadt an einem steilen Abhang. Es ist siebzehn Meter unter Straßenniveau auf einem Terrain mit vereinzelten Büschen und hingestreuten Granitbrocken – einer Mondlandschaft gleich – auf dem Boden verankert. Ohne große Anstrengung kann man sich den Bau als eine Art Raumsonde vorstellen, als fremdes Objekt, das wie zufällig in unwirtlicher Umgebung gelandet ist und dann sei­-ne zeltartige Hülle aufschlagen musste. Weitere Bilder kommen einem in den Sinn: ein in weiße Hüllschichten eingesponnenes Kokon, ein weicher Felsen oder ein angedocktes Schiff, dessen orangegelbe Gangway den Eingangsbereich mit der Straße verbindet. Aber davon später, betrachten wir zuerst die Konstruktion.
Unter dem ETFE, das auf einen Rahmen aus Metallstreben und Zugseilen montiert ist, besteht das Tragwerk aus einer Ortbetonkonstruktion, welche die übereinander gestapelten Programmräume beherbergt. Das Auditorium mit 760 Sitzen liegt ganz unten, darüber liegen Mehrzweckräume, die Cafeteria und ein Raum für Bankette. Um diese Betonkonstruktion wickelt sich eine dünne äußere Erschließungsschicht, ein Netz aus Rampen, Treppen und Stegen, über das die verschiedenen Ebenen verbunden werden. Diese offene Schicht liegt zwischen den Betonwänden und der nach außen abschließenden ETFE-Hülle und weist selbst raumhohe, transparente Plexiglaspaneele auf. José Selgas erläutert, dass dieser Aufbau für die passive Klimaregulierung nützlich sei. Das ETFE hält 40 Prozent der solaren Einstrahlung ab, und die Erschließungsschicht schützt die Betonwände vor Temperaturschwankungen, sodass die inneren Räume wenig Heizung oder Kühlung benötigen. Die Korridore selbst müssen an sonnigen Tagen allerdings klimatisiert werden.
Das kompakte Gebäudevolumen wird ungefähr in der Mitte von dem hohen Eingangsportal durchstoßen, das eine eingeschossige Lobby beherbergt und auf der anderen Seite in einer Aussichtsterrasse mit Blick über die Landschaft endet. Dieser querende Raum liegt auf der Decke des darunterliegenden Auditoriums. Zusammen mit dem Bühnenturm des Auditoriums, der an einer Seite aufragt, teilt er auch die oberen Geschosse, die auf etwas umständliche Weise nur im obersten Geschoss miteinander verbunden sind.

Minimaler Footprint

Der Grund für die kompakte Anordnung der ganzen Anlage ist die Entscheidung der Architekten, so wenig Fläche des Grundstücks wie möglich zu belegen, um seinen Charakter an der Bruchkante zwischen Stadtrand und Landschaft beizubehalten. Die polyedrische Form ermöglicht auch eine Minimierung der Fundamente. In dieser Hinsicht zeigt dieser Bau auch Ähnlichkei­ten mit geodätischen Kuppeln, wie sie vom Whole Earth Katalog mit dem Mantra adaptiert wurden, nur so wenig und so leicht wie möglich den Boden zu berühren. SelgasCanos Plastikraumschiff ist also ironischerweise auch die Geste eines Architektenduos zweier überzeugter Ökologen.
Die Architekten sind engagierte Sammler von Designmöbeln aus den 1960er und 70er Jahren – das spielerische Entwerfen und der poppige Umgang mit intensiven Farben und Lichteffekten ist integraler Bestandteil ihrer Vision. In Plasencia bemalen sie Oberflächen mit einer dicken, plas­-tikartigen Polyurethanfarbe, in scharfen Kon­trasten, die auch abrupte Übergänge von einem Raum zum anderen hervorheben. Die blasse, bei Tag und Nacht schimmernde Außenhülle aus ETFE wird zur Stadt hin fast gewaltsam von dem starken Orange, Rot und Gelb des eingeschnittenen Eingangsportals unterbrochen – eine entwerferische Geste, die sich wie ein „Mund“ oder wie ein Schnitt in einen weichen, fleischigen Körper lesen lässt. Im Inneren setzt sich der starke Kontrast zwischen verschiedenen Raumformen fort. Einerseits gibt es die äußeren Erschließungsräume mit ihren durch das ETFE gebrochenen und verschieden reflektierenden Lichtreflexen; andererseits sind da geschlossene Räume wie das Auditorium mit dem schrill roten Teppichboden, ein Raum, den Lucia Cano als das „warme Herz des Gebäudes“ beschreibt.

Architektur und Plastiktüte

Es gab nach der Eröffnung eine Reihe von Beschwerden über die transluzente Materialwahl – die äußere ETFE- Folie würde die fantastische Aussicht nach draußen versperren und die Blicke, die man von dieser „Aussichtskugel“ eigentlich haben könnte, zu einem blassen, flachen Abbild reduzieren. Das Innere des Kongresszentrums wirke klaustrophobisch, so als ob man sich in einer Plastiktüte befände. Ich denke ganz im Gegenteil, dass diese Erzeugung eines Gefühls des Anders-Weltlichen und der Verrückung zu den stärksten Eigenschaften des Entwurfes gehört. Wenn Besucher die Gangway von der Stra­-ße zum Eingang hinauflaufen, lassen sie den mittelmäßigen, vorstädtischen Sprawl hinter sich und betreten eine glamouröse, schimmernde Geode, einen warmen Kokon, ein Luftschiff „lost in space“ – eine selbstreferentielle, geschlossene Welt, bestehend aus pulsierendem, schimmerndem, wie lebendig wirkendem Raum, der sich aus Licht und Farbe zusammensetzt.

Bildschirm und Weltwahrnehmung

Dieser Raum beeinflusst die Art, wie sich die Besucher selbst und gegenseitig wahrnehmen – Gesten bekommen transzendente Bedeutung, erscheinen als Teil einer exotischen Zeremonie. Die Effekte sind vergleichbar mit der Art und Weise, wie wir Leute und Räume auf den schimmernden Plasmabildschirm eines Computers erleben. Das Gebäude wird auf diese Weise zu einer Projektion unserer eigenen, unterbewussten Affäre im ständigen Vis-à-vis mit den Bildschirmen und allen Informationen der realen und künstlichen Welten, die wir aus ihnen herauslesen – jedoch um den Preis einer weiteren Deplacierung in Beziehung zu dem, was wir ständig wahrnehmen. SelgasCanos Entwurf spielt mit dem dialektischen Gegensatz zwischen diesen Wahrnehmungsebenen, die wir Tag für Tag bewohnen, ohne uns groß Gedanken zu machen, zwischen mittelbarer und unmittelbarer Realität und den dazwischenliegenden Grenzen.
Aus dem Englischen: Fabian Scholz



Fakten
Architekten SelgasCano, Madrid
Adresse Calle Luis Vélez de Guevara, 3, 10600 Plasencia, Cáceres, Spain


aus Bauwelt 23.2017
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