Stalllandschaft


Die Zersiedlung stoppen oder den Tieren mehr Fläche zur Verfügung stellen? Eine architektonische Antwort auf dieses Dilemma steht am Ortsrand der Schweizer Gemeinde Schiers.


Text: Aicher, Florian, Leutkirch


    Zwei Gesichter des einen Gebäudes: die Nord- und ...
    Foto: Andrea Badrutt

    Zwei Gesichter des einen Gebäudes: die Nord- und ...

    Foto: Andrea Badrutt

    ... die eingeschossig wirkende Südseite des Stall Palottis vor Schweizer Alpenkulisse
    Foto: Andrea Badrutt

    ... die eingeschossig wirkende Südseite des Stall Palottis vor Schweizer Alpenkulisse

    Foto: Andrea Badrutt

    Foto: Andrea Badrutt

    Foto: Andrea Badrutt

    Liegefläche der Schafe und, weiter hinten, der Kühe. An der Wand links verläuft das Fensterband, am Stalende ist die Verbindung zum Melkstand im alten Stall.
    Foto: Andrea Badrutt

    Liegefläche der Schafe und, weiter hinten, der Kühe. An der Wand links verläuft das Fensterband, am Stalende ist die Verbindung zum Melkstand im alten Stall.

    Foto: Andrea Badrutt

    Schafe und Kühe verfügen über einen nicht überdachten Auslauf.
    Foto: Andrea Badrutt

    Schafe und Kühe verfügen über einen nicht überdachten Auslauf.

    Foto: Andrea Badrutt

Schön ist anders. Die Rasanz, mit der die Umwälzung der Moderne die Landwirtschaft umpflügt, hinterlässt deutlich Spuren: Hochbergehallen, Bioraffinerien, Großhallen. Strukturwandel sagt man, doch weniger euphemistisch wäre: Agro­industrie, Bürokratie, Bauernlegen. Alles nur zum Besten, etwa für das Tierwohl. Noch vor 50 Jahren wurden für eine Kuh, fachlich „Großvieheinheit“ (GVE), im Anbindestall 3 bis 4 Quadratmeter veranschlagt, nun sind es im Laufstall 10 Qua­dratmeter oder mehr. Bei einem Viehbesatz von 75 GVE ergibt das Hallen, die dem ganzen Dorf als Zweifachturnhalle reichen würden.
Besuch beim Landwirt Roger Schneider in Schiers, wo am Ortsrand eine Halle solchen Ausmaßes steht. Doch halt. Dort ist – staunenswert – einiges anders. Wir betreten die Halle durch den Melkstand. Schneider hält 60 Schafe und 15 GVE. Dafür so eine Halle? Reinster Flächenluxus! Überschlägig das Doppelte des heute Üblichen (Jungvieh, Schafe und Funktionsflächen ein­ge­rechnet). Die Rinder sind original Schweizer Braunvieh, behornt und die meiste Zeit draußen, denn „am wirtschaftlichsten ist, Futter und Wiederkäuer beieinander zu lassen“, sagt Landwirt Schneider. Sind die Tiere im Stall, laufen sie frei. „Das braucht viel Platz, die Hierarchie der Herde muss sich entwickeln können; und das wiederum braucht Geduld, die Tiere müssen dich kennen, sonst wird’s kritisch.“ Es braucht schattige und sonnige Plätze, frei zugänglich als Außenliegeplätze. Viel Bewegungsraum – die wenigen kräftigen V-Stützen auf Betonstümpfen sichern ihn. Die Liegeplätze sind mit Stroh eingestreut; gut für Tier und Mensch, denn Mist reduziert durch aerobe Oxidation die CO2-Belastung erheblich.
Wir schauen vom Futtergang in den Stall. Gegenüber, an der Traufseite des Pultdaches, geht es auf ganzer Länge hinaus in die Außenliegeplätze, die durch eine Lattenwand begrenzt werden. Licht und Luft zirkulieren ungehindert und ziehen am First über dem Futtergang ab. Dieser ist befahrbar, angehoben und steigt leicht an. Damit kann der heute übliche Spaltenboden vermieden werden, zum Wohl der Tiere, zur ungehinderten Bewegung und zur Trennung von Mist und Gülle, die dank Gefälle durch wenige Öffnungen in den Jauchekasten abfließt. Der Mist wird gesondert über Klappen in den Mistkeller befördert, um ihn dort zu bewirtschaften. Außerdem befinden sich in dem Geschoss unter dem Stall Spezialräume sowie Stellplätze für Traktor und Gerät.
Wir gehen den Futtergang entlang und zu den Außenliegeplätzen. Die begrenzende Lattenwand ist hier am höchsten. Wir kehren um, der Windschild nimmt an Höhe ab, während der Holzschild, der über den Ausgängen bis zur Traufe reicht, ansteigt. Die Traufe mit innenliegender Dachentwässerung neigt sich vom alten Stall weg, der Stallboden dagegen ihm zu. Der alte Stall vom Ende des 19. Jahrhunderts wurde schon mehrfach saniert. Heute enthält er im gemauerten Sockel Melkstand, Milchkammern und Technik und im gezimmerten Ober­geschoss den Bergeraum. Diesem Stall ist der angedockte Neubau in seiner Materialwahl verpflichtet: konsequenter Holzbau über einem Sockel aus Beton.
Die Räume sind in Lage und Größe bestens aufeinander abgestimmt – und auf die Art Landwirtschaft, die für Schneider „extensiv sein muss, nur verbrauchen darf, was auf den eigenen Flächen wächst. Für Kraftfutter brauchen wir keinen Platz.“ Seit 2012 betreibt er den Hof in Pacht vom Verein Bildungszentrum Palottis, nachdem er in Zürich einen Betrieb mitgeführt hatte. 2013 begann er mit Architekt Gusti Egli von Hartmann Architekten aus einem Nachbarort mit der Planung, 2016 folgte der Abbruch des kleineren Vorgängerstalls samt Nebengebäude, Neubau und Sanierung. Seit zwei Jahren läuft der Betrieb. Ungestörte Betriebsabläufe waren oberste Maxime; zwei Jahre Praxis haben diese Planung bestätigt.
Der Bauherr, der Verein Bildungszentrum Palottis, betreibt eine Bildungseinrichtung, die aus einer Landwirtschaftsschule hervorging. Da war es wichtig, dass der Stall in Nähe von Schule und Dorf bleibt – somit schied die Aussiedlung auf die grüne Wiese aus. Doch nicht nur ein Bezug zum Dorf zeigt sich, sondern vor allem zum alten Stall. Dieser wird freigestellt, indem der Baukörper abgedreht und das Dach abgeschleppt wird. Der Holzschirm des neuen Stalls steigt auf das Maß der alten Holzbergehalle an; die Latten des Windschutzes dagegen fallen und geben so den Blick auf den steinernen Sockel frei. Der alte Stall ist Blickpunkt wie nie zuvor.
Ein janusköpfiges Gebilde
Der Neubau erhielt eine Silhouette, der eine ungewöhnliche Dynamik eigen ist. Man könnte von einer Referenz an die bewegte Landschaft sprechen. Die Eindrehung des Bauwerks gegenüber den Altbauten folgt einer Landschaftszäsur,
die sich Maßnahmen des 18. Jahrhunderts zum Hochwasserschutz verdanken: Über einige Kilometer zieht sich eine Böschung, die ehemalige Flussaue von bewirtschafteten Flächen scheidet. Der Stallbau lehnt sich so an die Böschung, dass er mit seinem Pultdach als eingeschossiger Bau erscheint; ein Großteil des Bauwerks verschwindet unter der Erde. Das erlaubt, dass der Stall von oben dank großzügiger Verglasung einsehbar ist – und dadurch dem Bildungsauftrag des Vereins gerecht wird. Der First ist also horizontal. Die Traufe dagegen ansteigend zum Altbau, was eine windschiefe Dachfläche ergibt, die sich ins Tal senkt und so die Topografie der umgebenden Hügel nachahmt. Das Spiel der schrägen Holzwände über dem betonierten Sockel, der im Gelände versinkt, wird verstärkt durch die fensterlose Flächigkeit der Schalung. Die noch vorgesehene Belegung des Dachs mit Photovoltaik wird den kristallinen Effekt steigern.
Ein Bau wie ein janusköpfiges Gebilde zwischen den Häusern des Dorfes und den Gebäuden des Gewerbes – Schicksal des Bauens für die moderne Landwirtschaft? Ist die skulpturale Gestalt die Antwort auf die Frage nach Dimension und Maßstab des Bauens am Ort? Die sichtbare Integration in den bäuerlichen Betrieb wurde im Dorf zumindest als Gewinn für den Ortszugang begrüßt. Schließlich hat der Anbau einen Gewerbekomplex, gehüllt in dunkles Holzimitat, weit in die zweite Reihe gerückt.



Fakten
Architekten Hartmann Architekten
Adresse Palottisweg 1, 7220 Schiers, Schweiz


aus Bauwelt 24.2018
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