Ab in den Keller

Benedikt Crone begrüßt es, dass sich die High Society in den Untergrund zurückzieht

Text: Crone, Benedikt, Berlin


Ab in den Keller

Benedikt Crone begrüßt es, dass sich die High Society in den Untergrund zurückzieht

Text: Crone, Benedikt, Berlin

Das Hochhaus löst nicht das Wohnraumproblem. Das ist ernüchternd, aber auch eine Erkenntnis. Zu teuer und zu aufwändig ist das Stapeln, als dass hierdurch günstige Mietpreise zustandekommen könnten. In London, wo sogar Kleiderschränke als „Micro Living“ teuer vermietet werden, geht man nun den entgegengesetzten Weg: in die Tiefe. Wobei „man“ in diesem Fall tatsächlich in der Regel ein Mann ist, der nicht nur viel Geld hat, sondern auch ein Haus, in dem es eng für seine Schätze wird. Da solch ein Mann sein viktorianisches Heim selten nach oben oder zur Seite ausbauen kann, versucht er sich an der Erweiterung des Kellers. Fast 5000 Bauanträge für Kellerausbauten sollen in den Innenstadtbezirken Londons in den letzten zehn Jahren gestellt worden sein. Bis zu drei Geschosse tief. Was im Dunkel dieser Eisberghäuser verborgen liegt, dringt gerüchteweise an die Oberfläche: Swimmingpools, Yogastudios, Tanzflächen, Kinosäle, Kletterwände, selbst ein Dampfbad mit mehrgeschossigem Wasserfall soll jemand da unten entdeckt haben.
Nun ist das Luxusbuddeln nicht nur eine Gefahr für die alte Bausubstanz oberhalb. Es ist auch teuer – und leider ebenfalls keine Antwort auf den Wohnraummangel. Es sei denn, man würde im Sinne der Raumökonomie zwei Schritte weiterdenken: Wenn allerorten Eigentümer in ihren Kellern verschwinden, was geschieht dann mit den Geschossen darüber?
Da dauerhafter Leerstand zumindest hierzulande verboten ist, müssten die Räume von Rechts wegen der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden. Ein separater Zugang wäre schnell eingerichtet, sodass Reich und Weniger-Reich sich nicht begegnen müssten. Wer findet, dies komme einem bolschewistischen Enteignungsversuch gleich, sei beruhigt: Die neuen Nutzer kümmern sich im Gegenzug um Pflege und Erhalt der dänischen Sitzgarnitur und der eingestaubten Mahagonitische in Wohn- und Esszimmer. Unvermeidlich wird es wohl sein, dass der eine oder andere Bewohner unterhalb des Straßenniveaus sich in den Tiefen seines Kellerreiches verirrt und den Bewohnern oberhalb nicht immer klar ist, ob sich der vielreisende Mitbewohner gerade in Berlin, London, Dubai oder einem seiner anderen Anwesen aufhält. Dann gilt Ruhe vor Panik: Er wird schon wiederauftauchen.

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