Albert Speer

1934–2017

Text: Santifaller, Enrico, Frankfurt am Main

    Albert Speer, 2013
    Foto: AS+P Albert Speer + Partner GmbH/Robert Fischer

    Albert Speer, 2013

    Foto: AS+P Albert Speer + Partner GmbH/Robert Fischer

Albert Speer

1934–2017

Text: Santifaller, Enrico, Frankfurt am Main

Eines vorweg: Architekt, Star-Architekt gar, war er nicht. Auch wenn das dieser Tage vielfach kolportiert wurde. Zwar studierte er – nach einer Schreinerlehre – von 1955 bis 1960 Architektur und Stadtplanung in München, zwar hatten seine Büros, erst „speerplan“, dann „Albert Speer & Partner“, unter anderem auch eine Architekturabteilung, zwar werden einige sehr gelungene Bauwerke – etwa der Frankfurter Holbeinsteg – mit seinem Namen verbunden, doch Albert Speer war mit Leib und Seele Stadtplaner. Entwerfen, so bekannte er öffentlich, das konnte er nicht. Mochten andere Monumente zeichnen, sein Herz hing an jenem komplexen Gebilde, das wir Stadt nennen. Da stritt er, da argumentierte er, da vermittelte er.
In Deutschland, in der Welt und in seiner Wahlheimat Frankfurt am Main: Am Museumsufer hatte er großen Anteil, am ersten Hochhausrahmenplan, zuletzt im Europaviertel. Auch, heute längst vergessen, an der Bewerbung Frankfurts für die Olympischen Sommerspiele 2000. Die war eben­so gescheitert wie die Olympiabewerbung Leipzigs 2012, für die er verantwortlich zeichnete. Das ärgerte ihn, das ärgerte ihn mächtig, doch er akzeptierte es. „Leben ist Risiko“, war sein Lebensmotto. Risiko bedeutet manchmal scheitern, Risiko bedeutet bisweilen gewinnen: Der Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover lag ein Plan von Speer zugrunde, er erstellte ein Konzept für die Weltausstellung 2010 in Schanghai, und dass sich Ka­tar bei der Konkurrenz um die Austragung der Fußballmeisterschaft 2022 durchsetzte, war der von Speer verantworteten Bewerbung geschuldet.
Albert Speer musste in die Welt. 1958 knatterte er mit seiner Lambretta bis nach Ankara – ohne Sturzhelm. Er arbeitete in Büros in Schweden, in der Türkei, bereiste halb Nordamerika. Sein erster internationaler Auftrag führte ihn nach Libyen, nach West-Tripolitanien, das er erst vermessen, dann beplanen sollte. 1971 erstellte er einen Tourismusplan für Nepal, 1973 arbeitete er in Algerien und erarbeitete Pläne für 15 Städte, 1977 plante er das Diplomatenviertel in Riad. Schon 1994 erhielt er seinen ersten Auftrag aus China: In der 12-Millionen-Stadt Tianjin sollte er ein Stadtviertel planen. Albert Speer war neugierig, vielfältig und breit interessiert – das brachte nicht nur der Beruf mit sich. Wenn man heute seine 2009 publizierte Denkschrift „Frankfurt für Alle“ liest, so fällt auf, dass er zunächst alle schon bestehenden Planungen auf den unterschiedlichsten Gebieten zusammenführte.
Speer war kein Dogmatiker, der sich auf seine Vision als einzige von allen möglichen versteifte. Speer war offen – für andere Interessen, andere Meinungen, andere Vorstellungen, auch wenn die sich widersprachen. Und er war bescheiden. Er fuhr Bahn, die Wochenenden verbrachte er am liebsten am oberbayerischen Riegsee, wo er ein kleines Häuschen besaß, das er mit dem Geld seines ersten gewonnenen Wettbewerbs baute (Verlegung des Hauptbahnhofs in Ludwigshafen). Und als die Stadt Frankfurt Albert Speer 2003 mit der Goethe-Plakette auszeichnete, nahm er das gerne und dankbar an. Sagte aber, er sei nur die Symbolgestalt, die Medaille verdienten ebenso seine Mitarbeiter und Auftraggeber.
Peter Eisenman sagte einmal über die Planungen seines Freundes Albert Speer, diese seien im Gegensatz zur bombastischen Rhetorik und den martialischen Utopien des Vaters Marksteine sozialer Verantwortung und ein Plädoyer für die Entwicklung einer bürgerlich-vernünftigen Gemeinschaft. Hier war er wieder, der Schatten des gleichnamigen Vaters. Der 1934 in Berlin geborene Albert Speer versuchte sein ganzes Leben, sich vom Lieblingsarchitekten Hitlers, dem späteren Rüstungsminister und dem in Nürnberg zu 20 Jahren Haft verurteilten Kriegsverbrecher, zu distanzieren. Aus dessen Schatten zu treten. Und doch war Albert Speer immer, so eigenartig das klingen mag, ein Doppelter. Trotz aller seiner Leistungen, Ehrungen und Verdienste, trotz seiner über 25 Jahre währenden Lehrtätigkeit als Professor für Stadt- und Regionalplanung an der Universität Kaiserslautern, trotz Ehren- und Gastprofessuren, den Medien galt Albert Speer als Synonym seines Vaters.
Kaum ein Interview, in dem man ihn nicht auf seinen Vater angesprochen hat. „Das nervt“, sagte er in einem Gespräch 2014 mit der Süddeutschen Zeitung. Und wurde weiter zu seinem Vater gefragt. An dessen strenger Erziehung leidend, waren die Ausflüge zu Hitler – Speer wuchs auf dem Obersalzberg, dem Feriendomizil der NS-Größen, auf – „fast schon ein fröhliches Ereignis“. Er saß auf dem Schoß des „Führers“, bekam Bonbons von ihm, durfte mit dessen Hunden spielen. Hitler war, so Speer in der SZ, „aus der Kinderperspektive ein netter Onkel“. Albert Speer trug nach damals guter Tradition den Vornamen des Vaters, ein anderer Bruder wurde „Adolf“ getauft, was dieser später in „Arnold“ gesetzlich umwandeln ließ. Darüber hinaus: Speer und sein Großvater. Der auch Albert Speer hieß, der auch Architekt war. Doch niemand hätte die Traute gehabt, den Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt, den Architekten der Neuen Reichskanzler „Junior“ zu nennen. Wie dessen Sohn noch in den Nachrufen.
Leben ist Scheitern, Leben ist Gewinnen, Leben ist alte Einsichten durch neue Erkenntnisse zu erweitern, zu ändern, bisweilen zu ersetzen. Manche mögen das für Risiko halten, Albert Speer mitnichten. „Die hu­mane Stadt“ hieß ein Vortrag, den Albert Speer 1965 hielt. „Die intelligente Stadt“ hieß eine Aufsatzsammlung, die er 1992 veröffentlichte. „Ein Manifest für nachhaltige Stadtplanung“ hieß das Buch, das sein Büro 2009 publizierte. Die Titel reflektieren Veränderung und Weiterentwicklung im Denken über die Stadt. In Speers Denken, im Denken der Planerzunft allgemein – und, gottlob, weit darüber hinaus. Speer bekannte sich zu die­-ser Veränderung, die stets ein Lernen aus früheren Fehlern ist. Gemischt mit neuen Herausforderungen, Einsichten von anderen – auch im Widerspruch.
Als sich in den späten 60ern und frühen 70ern die Branche an Stadtentwicklungsplänen berauschte, die jedes nur erdenkliche Detail regeln soll­ten, betrieb Speer offene, begleitende Stadtplanung. Nicht strenge Theorie, sondern pragmatisches Denken: Das hatte er in Amerika gelernt und früh bei etlichen Dorf- und Regionalentwicklungsplänen in Rheinland-Pfalz verwirklicht. Besagtes Diplomatenviertel in Riad: Schon bevor die Ökolo­giebewegung ihre ersten Erfolge hatte, trug dieses Züge regionaler Architektur und kam in weitgehender Unabhängigkeit von Strom und Klima­anlage aus. In China plante Speer, obwohl damals im Riesenreich Ökologie kein Thema war, ökologische Modellstädte. Sein Büro vernetzte Energie- und Wasserkreisläufe mit Haustechnik und Städtebau, entwarf integrierte Verkehrsinfrastrukturen, verband Grünareale mit Handels- und Dienstleistungsflächen. Als man die 80.000-Einwohner-Stadt Anting dann auch realisierte, wurden seine ökologischen Standards in vielen Provinzen verbindlich.
Schließlich: Geschichte. Albert Speer war kein Freund der Frankfurter neuen Altstadt. Und doch erkannte er in der „Geschichtslosigkeit des Wiederaufbaus“ ein großes Problem. Und äußerte doch Verständnis für die Kollegen, die „nach dem Nazi-Debakel ganz neu anfangen“ wollten. Dem Verfasser dieser Zeilen erzählte er mit großer Freude einmal von chinesischen Mitarbeitern und Kollegen, die versuchen, regionale, traditionelle Architektur mit westlicher zu verbinden. „Zur Schönheit einer Stadt gehört, dass ihre Bauten verschiedene Epochen spiegeln“, das galt ihm für Frankfurt, das galt ihm für die Welt. Es ging ihm um die Vielfalt, um das Zusammenspiel von Altem und Neuem: „kein Schwarz, kein Weiß“, sagte er. Dass daraus kein Grau wurde, dass Städte in all ihren möglichen Farben strahlen, daran arbeitete er Zeit seines Lebens. Am 15. September 2017 ist Albert Speer im Alter von 83 Jahren in Frankfurt an den Folgen eines Sturzes gestorben.

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