Architekturstunde Null

Ulrich Brinkmann schreibt diese Woche über die Ernüchterungen nach dem Sommerurlaub

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin


Architekturstunde Null

Ulrich Brinkmann schreibt diese Woche über die Ernüchterungen nach dem Sommerurlaub

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

Neulich im Autoradio, Rückfahrt aus dem Urlaub, A7 auf Höhe Hammelburg, noch Baye­rischer oder schon Hessischer Rundfunk, ich weiß es nicht mehr, aber: Was haben sie sich beömmelt, die Moderatoren! Es ging um die neun­ziger Jahre. Für die Radioleute eine Zeit einzigartiger (musik-)stilistischer Entgleisungen – die Jahre von Boy Groups, Euro-Disco und NuMetall, und außerdem, die Menschen hatten noch keine Smartphones sondern – haha – „Festnetz“! Abgesehen davon, dass ich bei den neunzigern (musik-)stilistisch eher an Grunge, Trip Hop und Hamburger Schule denke und noch immer im Festnetz telefoniere – ja, sie sind schon ganz schön lange her, diese Jahre, das wurde mir in jenem Moment bewusst. Und noch viel stärker, als ich wieder in Berlin war, in „Neuteutonia“, wie es damals von links schrillte, wo angeblich ein Kartell rationalistischer Architekten die Stadt unter sich aufteilte. Seinerzeit wurde um Glas und Stein gestritten, um Traufhöhen und Parzellengrößen, um Hochhäuser und Staffelgeschosse. Und heute? Wird überhaupt noch über Architektur gestritten, in Berlin? Wer 2017 durch die Hauptstadt fährt, kann den Glauben daran verlieren. An der Grunerstraße, links neben dem Behrens-Bau am Alexanderplatz, ein „Styropor-Monster“: 16 Geschosse Hotelzimmer ohne jeden Anspruch, von einer Kette, die nur ein paar hundert Meter weiter, am Spittelmarkt, noch vor wenigen Jahren immerhin zu Sichtziegelmauerwerk griff. Architekten? Keine Ahnung. Etwas weiter westlich, am Petriplatz: Ein Neubau von O & O, sicher besser als das Styropormonster, aber für den Standort des einstigen Rathauses von Cölln doch etwas dürftig. In der City West banalisieren G & E gerade einen postmodernen Bankpalast zum Gewerbepark-Bürobau – Architekten, die mal einen deutschen Beitrag für Venedig besorgt haben! Der Tiefpunkt aber zeigt sich dem, der mit der Bahn von Norden zum Hauptbahnhof gelangt: Die Wohnbebauung an der Lehrter Straße kombiniert einen kruden Städtebau von S & H mit noch kruderer Architektur aus der Feder auch anderer prominenter Kollegen, H & S u. A, nps, KSV ... Ob in 20 Jahren Radiomoderatoren über die (architektur-)stilistischen Entgleisungen der zehner Jahre lachen? Für uns Heutige reicht es nur zum Weinen.

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