Braunau. Grenzstadt mit Aluminium

Wenn man in Deutschland von Braunau spricht, kommt – auch in Kreisen von Architekten und Stadtplanern – die Rede meist schnell auf das Geburtshaus einer furchtbaren Person, die das Schicksal Europas im 20. Jahrhundert entscheidend geprägt hat, zumal in den letzten zwei, drei Jahren Gerüchte und Absichten die Runde machten, die vom Abriss des unschuldigen Hauses bis hin zu seiner weitgehenden Überformung reichten (Bauwelt 31.2016). Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe das Thema nicht vertieft bei meinem Termin im Rathaus am Braunauer Stadtplatz, wo mich Bürgermeister Johannes Waidbacher, seit 2011 im Amt, und Baudirektor Karl Schug Mitte Mai empfingen: Es ist schließlich unfair, die Stadt am Inn immer wieder mit diesem einen Objekt in Verbindung zu bringen, und es gibt auch genug andere Themen, über die sich mit Blick auf ihre Entwicklung sprechen lässt.

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

    Der langgestreckte Braunauer Stadtplatz öffnet sich im Norden zum Inn und wird überragt vom Turm der spätgotischen Stadtkir­che St. Stephan.
    Foto: Udo Meinel

    Der langgestreckte Braunauer Stadtplatz öffnet sich im Norden zum Inn und wird überragt vom Turm der spätgotischen Stadtkir­che St. Stephan.

    Foto: Udo Meinel

    Der Haupteingang des 1939 in Betrieb gegangenen Aluminiumwerks im Ortsteil Ranshofen wurde nach der Krise 2009 neu gestaltet.
    Foto: Udo Meinel

    Der Haupteingang des 1939 in Betrieb gegangenen Aluminiumwerks im Ortsteil Ranshofen wurde nach der Krise 2009 neu gestaltet.

    Foto: Udo Meinel

    Mit den leicht verdreht zuein­ander platzierten Gebäuden – sind es kurze Zeilen, sind es niedrige Türme? –
    ist die Siedlung Mozartstraße aus dem Jahr 1958 ein ungewöhnliches Beispiel fürden Wohnungsbau ihrer Zeit.
    Foto: Udo Meinel

    Mit den leicht verdreht zuein­ander platzierten Gebäuden – sind es kurze Zeilen, sind es niedrige Türme? –
    ist die Siedlung Mozartstraße aus dem Jahr 1958 ein ungewöhnliches Beispiel fürden Wohnungsbau ihrer Zeit.

    Foto: Udo Meinel

    Neubaugebiet „Defantgründe“ der Braunauer Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft GEWOG und IGWSG im Süden der Stadt, im Hintergrund der Turm der Stadtkirche.
    Foto: Udo Meinel

    Neubaugebiet „Defantgründe“ der Braunauer Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft GEWOG und IGWSG im Süden der Stadt, im Hintergrund der Turm der Stadtkirche.

    Foto: Udo Meinel

    Der im letzten Jahr eröffnete Motorikpark gleich westlich der Altstadt steht für der Braunauer Stadtentwicklung nach neuen Funktionen im Zentrum.
    Foto: Udo Meinel

    Der im letzten Jahr eröffnete Motorikpark gleich westlich der Altstadt steht für der Braunauer Stadtentwicklung nach neuen Funktionen im Zentrum.

    Foto: Udo Meinel

Braunau. Grenzstadt mit Aluminium

Wenn man in Deutschland von Braunau spricht, kommt – auch in Kreisen von Architekten und Stadtplanern – die Rede meist schnell auf das Geburtshaus einer furchtbaren Person, die das Schicksal Europas im 20. Jahrhundert entscheidend geprägt hat, zumal in den letzten zwei, drei Jahren Gerüchte und Absichten die Runde machten, die vom Abriss des unschuldigen Hauses bis hin zu seiner weitgehenden Überformung reichten (Bauwelt 31.2016). Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe das Thema nicht vertieft bei meinem Termin im Rathaus am Braunauer Stadtplatz, wo mich Bürgermeister Johannes Waidbacher, seit 2011 im Amt, und Baudirektor Karl Schug Mitte Mai empfingen: Es ist schließlich unfair, die Stadt am Inn immer wieder mit diesem einen Objekt in Verbindung zu bringen, und es gibt auch genug andere Themen, über die sich mit Blick auf ihre Entwicklung sprechen lässt.

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

Zum Beispiel die für die Stadtentwicklung bedeutsame Grenzlage: Der Stadtplatz des gut 17.000 Einwohner zählenden Braunau öffnet sich an seiner nördlichen Schmalseite direkt auf die nach dem Zweiten Weltkrieg neu erbaute Brücke über den Inn, und am jenseitigen Ufer steht man auch schon im niederbayrischen Simbach. Der Bürgermeister und sein Baudirektor sind sich ziemlich einig darin, dass der Stadt und dem gesamten oberösterreichischen Innviertel kaum etwas Besseres hätte widerfahren können als der Wegfall der Grenzkontrollen durch das Schengener Abkommen vor zwanzig Jahren: Damit habe Braunau endlich jenes Hinterland wiedergewonnen, das seit dem Frieden von Teschen im Jahr 1779, als die baye­rischen Gebiete östlich von Inn und Salzach an Österreich fielen, jenseits einer Staatsgrenze lag. Die Zusammenarbeit mit der „Vorstadt“ Simbach ist längst alltäglich gewordene Normalität, sichtbar für jeden im gemeinsamen Stadtmarketing. Doch auch weitere Kreise zieht die Kooperation: Die mit rund 330.000 Besuchern erfolgreiche oberösterreichische Landesausstellung 2012 etwa hat Braunau gemeinsam mit der 25 Kilometer inn- und salzachaufwärts liegenden, oberbayerischen Stadt Burghausen organisiert. Vor allem aber hat sich seit dem Wegfall der Grenzkontrollen eine wirtschaftliche Dynamik entfaltet, die das in Österreich lange etwas abschätzig betrachtete Braunau zu neuer Blüte gebracht hat. Die Arbeitslosenquote des Bezirks Braunau wie Oberösterreichs lag im April 2018 knapp unter 5 Prozent, der mit Abstand niedrigste Wert in Österreich. „Die Entwicklung in Oberösterreich hat sich vom Rest des Landes abgekoppelt, diedes Innviertels von Oberösterreich und die des Bezirks Braunau vom Innviertel“, bricht der Bürgermeister die Entwicklung anschaulich herunter, und: „Wo früher eine Firma war, sind heute hundert.“ Und wo noch gar keine war, ist heute ein ganzes Gewerbegebiet, ließe sich ergänzen: Einen Geländestreifen zwischen der B 148 und der Geländekante im Süden hat die Stadt in den neunziger Jahren entwickelt, um Firmen anzulocken.
Zugmaschine Aluwerk
Größter Arbeitgeber ist mit heute rund 1800 Mitarbeitern (weitere 1200 in den inzwischen abgespaltenen Bereichen könnten noch hinzugerechnet werden) noch immer das Aluminiumwerk im Ortsteil Ranshofen, gut drei Kilometer südlich vom Braunauer Rathaus, und wer dort mit Leopold Pöcksteiner spricht, seines Zeichens Leiter Strategie, Kommunikation und Marketing der AMAG, bekommt Ähnliches zu hören wie im Rathaus: Seit 2008, als im Zuge der Weltwirtschaftskrise quasi über Nacht sämtliche Aufträge weggebrochen seien, hat das Werk mit der B&C Industrieholding GmbH nicht nur einen neuen Mehrheitsanteilseigner gefunden und ein neues Management, 2011 erfolgte auch der Börsengang, und seitdem wurden beträchtliche Summen in die Erneuerung des 1939 für den Auf- und Ausbau der deutschen Luftwaffe gebauten Werks investiert: insgesamt rund eine Milliarde Euro. Wo das Geld geblieben ist? Vom Werkstor an der B 156, die das Werk im Westen tangiert, erschließt sich das nicht zur Gänze. Wer es nicht zum nächsten Tag der offenen Tür schafft, kann mit Google Maps immerhin einen Eindruck des Umfangs der Neubauten gewinnen: Neu entstanden ist der gesamte Bereich, der sich östlich der vom Verkehrskreisel nach Süden führenden Werksstraße in den Wald schiebt. Es handelt sich dabei um das neue Warmwalzwerk, seit 2014 in Betrieb und erst im letzten Jahr erweitert. Hinzu kamen Neu- und Umbauten von Gießerei, Recyclinghof und Plattenfertigung. 450 Arbeitsplätze wurden dadurch geschaffen, so dass die Mitarbeiterzahl längst wieder auf Vor-Krisen-Niveau liegt – Rationalisierung und Digitalisierung zum Trotz.
Das ist insofern nicht selbstverständlich, als nicht nur die Krise von 2008 und die danach erfolgte Neuaufstellung den Standort in Frage gestellt haben – bevor in Ranshofen so umfangreich investiert wurde, sind mögliche Standorte auf der ganzen Welt untersucht worden –, sondern das Werk schon früher gefährdet war. 1987 erging ein Schließungsbefehl für die Elektrolyse aus Gründen des Umweltschutzes, die nicht ganz einfa­che Organisation der Logistik aufgrund der grenzbedingt mangelhaften Verkehrsinfrastruktur war lange ein weiteres Hindernis. Andererseits, so der Marketingleiter, sei die Lage trotz der Grenze so peripher auch wieder nicht, schließlich gehe der Großteil der Produktion, 85 Prozent nämlich, sowieso in den Export – und viele wichtige Kunden seien gar nicht so weit entfernt. Die Luftfahrtindustrie ist noch immer ein wichtiger Abnehmer, Airbus am Bodensee etwa, doch ebenso zählen die Automobilindustrie in Süddeutschland und in der Slowakei, die Bauindustrie mit ihrem Bedarf an Fassadenelementen aus Aluminium und die Wintersportausrüster zu den Kunden. Wenn nicht gerade eine Krise vom Ausmaß der letzten ausbricht, lassen sich konjunkturelle Schwankungen jedenfalls ganz gut ausgleichen, so Pöcksteiner. Für den baugeschichtlich Interessierten noch zu er­wähnen ist, dass prägende Teile des Werks aus seiner Gründungszeit im Zuge der Erweiterung und Erneuerung abgebrochen wurden: darunter das traditionalistische Verwaltungsgebäude, das den Werkseingang auf der Nordseite begrenzte, vor allem aber die prägnanten Silotürme und ebenso die kuppelüberdeckten Tiefsilos. Die Hallen aus den dreißiger Jahren sind hingegen überwiegend erhalten geblieben, manche verstecken sich zwar unter einer neuen Fassadenbekleidung, verraten ihre Herkunft aber mit den charakteristischen Oberlichtern.
Entwicklungsschwerpunkt Stadtzentrum
Doch zurück ins historistische Rathaus, wo Bürgermeister Waidbacher undBaudirektor Schug noch auf weitere Aspekte der Braunauer Stadtentwicklung hinweisen können: etwa den überschaubaren Bestand an verfügbarem Bauland für neue Wohngebiete, für die Braunau aufgrund der nach vier Jahrzehnten Stagnation nun wieder wachsenden Einwohnerzahl Bedarf hätte. Außer den kleinen, von der Braunauer Wohnungsgesellschaft GEWOG entwickelten Neubaubereichen in den Defant- und Maiergründen im Süden der Stadt gibt es wenig Möglichkeiten zur Expansion. Im aktuellen Flächenwidmungsplan, der für einen Zeitraum von fünf Jahren gilt, sind zwar Gebiete dafür ausgewiesen, geknüpft an eine Bebauung innerhalb von fünf Jahren, um Spekulation zu unterbinden. Da der Grund aber in privater Hand liegt, hat die Stadt nur begrenzt Einfluss auf die tatsächliche Entwicklung dieser Bereiche. Braunau muss sich also verdichten, kompakter werden, vielleicht auch etwas höher, sich jedenfalls auf den Geschosswohnungsbau konzentrieren, der in der Neustadt im südlichen Stadtgebiet sowieso schon prägend vorhanden ist: Von den kurzen Zeilenbauten der späten fünfziger Jahre an der Mozartstraße über die langen Zeilenbauten der sechziger an der Sebastianistraße bis hin zu den Hochhäusern aus den frühen siebziger Jahren an der Sparkassenstraße. Mit dem, was heute dort entsteht, ist Karl Schug nicht vollauf zufrieden; die oberösterreichische, von ÖVP und FPÖ gestellte Landesregierung habe die Förderfähigkeit im Wohnungsbau an so niedrige Ausführungsstandards geknüpft, dass die Architekturqualität nicht nachhaltig sei. Dort draußen, so Schug, gehe es der Stadt deshalb vor allem darum, das Schlimmste zu verhindern; mit einer Gestaltungssatzung konzentriert sich die Stadtplanung dagegen auf eine gute Entwicklung des historischen Kerns. Dieser soll in den nächsten Jahren breiter aufgestellt werden, es gilt, Funktionen zurück in die Stadtmitte zu holen, auch im Handel. Dabei ist das Braunauer Zent­-rum schon jetzt attraktiv. „Im Grunde gibt es alles, was es auch in Innsbruckgibt, nur kleiner“, beschreibt der Baudirektor, der selbst einige Jahre in der Tiroler Landeshauptstadt gelebt hat, das Angebot. Zusammen mit der Nähe zu Freizeit- und Erholungsorten, den moderaten Lebenshaltungskosten und dem breiten Arbeitsplatzangebot ist die Attraktivität von Braunau insbesondere für junge Familien verständlich – und wird inzwischen auch jenseits der Grenze wahrgenommen. Das Pendeln über die Grenze jedenfalls, vor zwanzig Jahren überwiegend nur in eine Richtung spürbar, hat sich mittlerweile ausgeglichen.
Ein Beispiel für die anvisierte funktionale Aufwertung des Stadtkerns und für Schug ein großer Erfolg der Stadtentwicklung findet sich gleich außerhalb der Altstadt: der „Motorikpark“. Hinter der Stadtkirche führt ein steiler Pfad hinab auf den Inn-Damm, und von dort ist das neue Betätigungsfeld direkt erreichbar. Allerlei Turn- und Kletterobjekte regen zum Training unterschiedlicher Muskulaturen an, und tatsächlich hangeln sich an einem regnerischen Maiennachmittag vorwiegend jüngere Besucher durch den Parcours. Das Krankenhaus, mit rund 1600 Beschäftigten größter Arbeitgeber im inneren Stadtgebiet – das Foyer habe eine Frequenz wie der Stadtplatz, scherzt Waidbacher – liegt gleich benachbart.
Renate Mann schöpft im Kampf um ein Frauenhaus für Braunau neue Hoffnungen. Über zehn Jahre engagiert sie sich mit ihrem Verein bereits für das Projekt. Nun wurde ein wichtiger Schritt gesetzt: Landesrätin Birgit Gerstorfer (SP) brachte einen Dringlichkeitsantrag im Landtag ein, demzufolge sollen drei neue Frauenhäuser in Oberösterreich gebaut werden. Das erste Bauprojekt sieht die Landesrätin bereits für 2021 vor. Die Standortfrage ist noch nicht geklärt. Aber: Braunau ist im Gespräch.
(www.nachrichten.at, 17. 05.2018)
Zukunftsmusik: eine bessere Verkehrsanbindung
Abgesehen von solchen, im Standortwettbewerb wichtigen „soft facts“ spielen aber auch sehr grundlegende Fragen noch eine Rolle für die Braunauer Stadtentwicklung, zum Beispiel, wie erwähnt, der Verkehr. Infrastruktur für Radfahrer lässt sich seitens der Stadt in Angriff nehmen und ist angesichts der kurzen Entfernungen und des eher symbolischen ÖPNV-Angebots auch naheliegend. Für eine bessere Anbindung ans Schienennetz gibt es einen Plan für das Innviertel, der in Braunau auch Entwicklungen im Umfeld des noch ziemlich verschlafenen Bahnhofs anstoßen könn­-
te. Für das Fernstraßennetz blickt man notgedrungen nach Deutschland und hofft, dass 2019 tatsächlich die A94 bis Marktl freigegeben wird. Statt Grenzlage also eine neue Zentralität im Mittelpunkt eines Vierecks, das von Salzburg, München, Deggendorf und Linz abgesteckt und bald von der neuen Autobahn München–Passau gequert werden wird.
Und das Geburtshaus? „Kommen Sie in zwanzig Jahren wieder und fragen noch mal danach – dann ist aber immer noch nichts geschehen“, ist der Inhaber eines „Trafik“-Ladens in der Sparkassenstraße im Süden der Stadt überzeugt. Gleich mehrere Ansichtskarten des Hauses in der Salzburger Vorstadt aus unterschiedlichen Jahrzehnten finden sich in seinem Regal. Bis 2040 hat sich vielleicht für alle ein Käufer gefunden.

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