Eine alte Freundschaft

Bauhausgebäude und Van-Nelle-Fabrik – zwei Ausstellungen in Dessau und Rotterdam unter­suchen die Gemeinsamkeiten

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

    Simultanität der Moderne: Bauhausgebäude in Dessau ...
    Foto: © Stiftung Bauhaus Dessau; © 2006 CV

    Simultanität der Moderne: Bauhausgebäude in Dessau ...

    Foto: © Stiftung Bauhaus Dessau; © 2006 CV

    ... und Van-Nelle-Fabrik in Rotterdam
    Foto: Van Nellefabriek/Rotterdam, ­Foto: Robert Aarts

    ... und Van-Nelle-Fabrik in Rotterdam

    Foto: Van Nellefabriek/Rotterdam, ­Foto: Robert Aarts

Eine alte Freundschaft

Bauhausgebäude und Van-Nelle-Fabrik – zwei Ausstellungen in Dessau und Rotterdam unter­suchen die Gemeinsamkeiten

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

Was das Bauhaus-Gebäude in Dessau für die Architektur der klassischen Moderne in Deutschland bedeutet, ist für die Niederlande die Van-Nelle-Fabrik in Rotterdam. Die beiden Ikonen der 20er Jahre entstanden aus Reformbestrebungen, die weit über eine technisch konstruktive oder ästhetische Erneuerung der Architektur hinauswiesen. Die Verantwortlichen beider Bauten – Auftraggeber, Architekten, Verwaltung – standen in persönlichem Austausch. Und beide Bauten erklären sich nur im Kontext eines jeweiligen Neubauprogramms, das den elementaren Nöten der Zwischenkriegszeit mit sozial vorbildlichen Lösungen zu Arbeit, Wohnen und Stadterweiterung begegnen wollte.
Zwei zeitgleiche Ausstellungen in Dessau und Rotterdam würdigen am jeweiligen historischen Ort diese geistige Partnerschaft. Ihre Inhalte sind fast identisch, ein einfaches Ausstellungssystem aus farbigen Latten zitiert die Proportionen der Glasfassaden des jeweils anderen Baus. Bereits 1996 wurde das Bauhausgebäude in die Welterbeliste der Unesco aufgenommen, die Van-Nelle-Fabrik folgte 2014. Der wechselseitige Besuch soll nun nicht nur eine alte Freundschaft wiederbeleben, so die Kuratoren Werner Möller (Dessau) und Leonhard Kooy (Rotterdam), sondern auch den Grundgedanken der Unesco nach einem Wissensaustausch aufgreifen, denn ­etwa die Bau- und Denkmalpflege folgt in beiden Ländern unterschiedlichen Auslegungen.
Als sich Walter Gropius 1925 aus politischen Gründen gezwungen sah, das von ihm 1919 in Weimar gegründete Bauhaus nach Dessau zu verlegen, fand er dort ein liberales, kulturell aufgeschlossenes Klima vor. Eine große Modernisierungsoffensive im heutigen Sachsen-Anhalt knüpfte an den industriellen Aufbruch der Vorkriegsjahre an. Nach nur einem Jahr Bauzeit konnte Gropius Ende 1926 das Bauhausgebäude in Dessau beziehen. Das Bauhaus institutiona­lisierte sich, es entstand etwa die Architekturabteilung. Ihr Zeichensaal im Obergeschoss der Verbindungsbrücke zwischen Werkstättentrakt und Unterrichtsräumen dient derzeit der Ausstellung, in Rotterdam ist sie im siebten Obergeschoss der Fabrik, direkt unter dem runden Dachaufsatz des Direktorenbüros zu finden.
Gropius pflegte intensiven Austausch in andere Länder, so in die Niederlande zu J. J. P. Oud, der ab 1925 in Rotterdam die Siedlung Kiefhoek baute. Die dortigen Wohnungen richteten sich zwar an eine ganz andere Zielgruppe als die kleinen Eigenheime für Angestellte in Törten, die Gropius in Dessau errichtete, sie mussten mit winzigen Größen den Bedürfnissen des Existenzminimums dienen, der konstruktive Baustandard war geringer. Das soziale Anliegen eines rationalisierten, preiswerten Wohnungsbaus aber war beiden gemein.
Gropius kam auch in Kontakt mit dem Unternehmer Cees van der Leeuw, der 1916 die Leitung der Tabak-, Kaffee- und Teewarenfabrik Van Nelle übernommen hatte und seitdem den Neubau einer modernen Fabrik organisierte. Durch den unerwarteten Tod seines Hausarchitekten Michiel Brinkman befasste sich van der Leeuw ab 1925 persönlich mit den Fragen einer modernen Architektur. Er besichtigte das Bauhaus und übernachtete im Direktorenhaus, das Ehepaar Gropius fuhr 1927 auf Gegenbesuch. Auf Wunsch van der Leeuws reorganisierte sich das Büro Brinkman, Leendert van der Vlugt wurde als Partner installiert, er stellte wiederum Mart Stam als entwerfenden Mitarbeiter ein.
Die Van-Nelle-Fabrik wurde bis 1930 in mehreren Bauabschnitten fertiggestellt, anders als das Bauhausgebäude in konsequent durchgängiger Skelettkonstruktion. Die vorgehängten Glasfassaden künden von der Kraft einer reifen, eleganten Moderne, die Philip Johnson 1932 zum International Style adelte. Bereits 1928 hatte jedoch der Konflikt über die Autorschaft des Baus zur Kündigung Mart Stams geführt, Nachwehen ­flackern bis heute durch die Forschung. Der radikale, zeitlebens eine Anti-Monumentalität verfechtende Stam distanzierte sich später vehement von Änderungen und Hinzufügungen wie dem runden Glasaufsatz für Büro und Teeraum Cees van der Leeuws.
Es war die simultane zeitgenössische Rezep­tion von Bauhaus und Tabakfabrik, der Siedlungen Törten und Kiefhoek, der Meisterhäuser in Dessau wie der Villen van der Vlugts, so für die Familien van der Leeuw oder Sonneveld in Rotterdam, die mehr als nur eine formale Verwandtschaft thematisierte. Pläne oder fertige Bauten erschienen gemeinsam in Veröffentlichungen, nicht nur, wie naheliegend, in den Bauhaus­büchern, sondern auch 1927 in einer Moskauer Zeitschrift oder 1929 durch Sigfried Giedion in Zürich in seinem Buch „Befreites Wohnen“.
Verschieden jedoch begegnete man in Deutschland und den Niederlanden den Kriegszerstörungen und Erosionen aufgrund fehlenden Bauunterhalts. In Rotterdam wurde das Haus Sonneveld originalgetreu rekonstruiert, die Siedlung Kiefhoek in den 90er Jahren im Grunde neu errichtet, da ihre mangelhafte Gründung nicht zu halten war. Das Bauhausgebäude wurde nach provisorischen Sicherungen der Nachkriegsjahre in mehreren Etappen bis 2006 restauriert. Die Stahl-Glasfassade des Werkstättentrakts, 1976 in Aluminiumprofilen rekonstruiert, ist als zwar nicht bauzeitlicher, aber doch geschichtlicher Bestand einer frühen Sanierung gehalten.
Für die zerstörten Meisterhäuser entschied man sich ab 2011 zu einer künstlerischen Interpretation ihrer vormaligen Volumen und städtebaulichen Setzung (Bauwelt 22.2014). Laut den Berliner Architekten Bruno Fioretti Marquez operiert sie mit der Präzision der Unschärfe, einer abstrahierenden, um Details bereinigten Spielart des Erinnerns.

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