Alles, was Recht ist

Die Ausstellung „Form folgt Paragraph“ am Architekturzentrum Wien visualisiert den Einfluss von Normen und Gesetzen auf die Architektur. Und leistet damit beispielhafte Aufklärungsarbeit.

Text: Novotny, Maik, Wien

Aktenordner, Gesetzestexte und Treppenparcours: „Form folgt Paragraph“
Fotos: Lisa Rastl

Aktenordner, Gesetzestexte und Treppenparcours: „Form folgt Paragraph“

Fotos: Lisa Rastl


Alles, was Recht ist

Die Ausstellung „Form folgt Paragraph“ am Architekturzentrum Wien visualisiert den Einfluss von Normen und Gesetzen auf die Architektur. Und leistet damit beispielhafte Aufklärungsarbeit.

Text: Novotny, Maik, Wien

Bei uns kann das nicht passieren!“ So lautete das eilige Urteil aus Kontinentaleuropa nach der fatalen Brandkatastrophe im Londoner Grenfell Tower im Juni 2017. In Deutschland und Österreich verwies man auf die scharfen Brandschutzbestimmungen. Zweifellos zu Recht. Doch warum ist der Brandschutz in einem europäischen Land so viel schlechter als in einem anderen? Und kann es auch ein „Zuviel“ an Schutz geben? Bedeutet die kontinuierliche Verschärfung der entsprechenden Normen, dass es alle fünf Jahre „anders brennt“?
Der Brandschutz ist nur ein Aspekt der seit einiger Zeit anschwellenden Klagen über „Normenflut“ und Regulierungswut im Bauwesen. Absturzsicherungen, die immer höher werden, Barrierefreiheit ohne Ausnahmen, Sicherheits­paradigmen, die von immer absurderen Worst-Case-Szenarien ausgehen, Angst vor ruinö­sen Rechtsverfahren. Architekten und Investoren stöhnen. Juristen und Gutachter freuen sich.
Wenn sich die Ausstellung „Form folgt Paragraph“ im Wiener Architekturzentrum (AzW) genau diesen Themen widmet, hat sie also den Nerv der Gegenwart getroffen. Ihr Ziel ist es jedoch keineswegs, alle Gesetzgeber in Bausch und Bogen an den Pranger zu stellen. Vielmehr will sie illustrieren, welchen Einfluss Normen und Gesetze auf die Gestalt des Gebauten haben und welche Freiheiten den Architekten dabei noch bleiben.
Solche abstrakten Zusammenhänge anschaulich darzustellen und die textlastige Trockenheit von Paragrafen in eine Architekturausstellung zu transferieren, das ist keine leichte Aufgabe. Die Ausstellungsarchitektur aus Aktenordnern (Konzept: Planet Architects) mag fast zu naheliegend wirken, ergibt aber ein einladendes Labyrinth, in dem man auf Entdeckungsreise gehen kann. Diagramme, Texte, Bilder, Objekte und Einladungen zu Selbstversuchen bringen die nötige Abwechslung in die Wissensvermittlung. Das auffälligste Element der Ausstellung ist eine Reihe von Treppen aus verschiedenen Ländern, gebaut im jeweils dort zulässigen Steigungsverhältnis – Handläufe inklusive. Ein Erlebnisparcours „Baugesetz“, dessen Erkenntnisgewinn von Beginn an durch erstaunte Schreie von zu japanischen Balanceakten gezwungenen Besuchern ersichtlich war.
Auch die Aufarbeitung des historischen Hintergrunds fehlt nicht: Am Anfang steht die Geschichte der Wiener Bauordnung, die seit der Erstauflage im Jahr 1829 von 30 auf 140 Paragraphen angeschwollen ist. War ihre Intention im 19. Jahrhundert vor allem der ästhetisch motivierte Schutz des Stadtbilds, rückte der Schutz vor Katastrophen immer mehr in den Vordergrund. Jedes Desaster, wie etwa der Ringtheaterbrand von 1881, war Anstoß für eine Verschärfung der Regeln. Der Verdacht, dass diese Verschärfungen immer schneller passieren, bestätigt sich. Heutzutage sind es weniger gesamtgesellschaftliche Werte als vielmehr Partikularinteressen, die die Gesetzgebung bestimmen. Ein Werkzeug, das jede Bürgerinitiative, die einen Neubau verhindern will, zu bedienen weiß.
Welche Auswirkungen diese Regeln tatsächlich haben, wird didaktisch-plakativ an Fallbeispielen gezeigt. Die eigenartige Geometrie eines Mehrfamilienhauses am Wiener Stadtrand wird durch rote Linien als direkte Umsetzung des maximal Zulässigen, als „gebautes Gesetz“ erkennbar. Auf noch extremere, geradezu surreale Weise sichtbar macht dies eine Auswahl der 2006 vom Architekten Yasutaka Yoshimura dokumentierten „Super Legal Buildings“ in Japan. Denn auch wenn der Fokus der Ausstellung auf Österreich liegt, wird an internationalen Beispielen nicht gespart: die im Maßstab 1:1 das Volumen eines Bauvorhabens abzeichnenden Baugespanne in der Schweiz, die Lärmschutzwand um einen Kinderspielplatz in Berlin-Zehlendorf, und natürlich darf auch der Grenfell Tower nicht fehlen.
Es sei wichtig zu zeigen, dass Regularien gesellschaftliche Konstrukte seien, die sich von Kultur zu Kultur unterscheiden, betonte AzW-Direktorin Angelika Fitz anlässlich der Eröffnung. Die Tatsache, dass die Kuratorinnen Martina Frühwirth, Karoline Mayer und Katharina Ritter sich dennoch nicht zu kulturpessimistischer Larmoyanz verführen ließen und auch vermeintlich schildbürgerhafte Kuriosa nur wohldosiert vorkommen, resultiert in einer Schau, die so vergnüglich wie lehrreich daherkommt. Schließlich kapitulieren auch Architekten nicht vor der Normenflut, und die Work­arounds und Tricks, mit denen sie entweder subversiv gegen die Gesetzesintentionen arbeiten, ungeahnt freie Lichtungen im Paragraphen­dschungel entdecken oder sich bemühen, die Regeln zu ändern, werden ebenfalls gezeigt. So vermeidet die Ausstellung, dass die Architekten im Spiel der Regeln als passive Erfüllungsgehilfen erscheinen. Die Frage, ob man die Architektur nicht auch entzaubert, wenn man ihre Grenzen zeigt, beantwortet das AzW mit: „Ja, und warum auch nicht?“
Für Architektur gibt es keine Gebrauchsanweisung, sie erklärt sich nicht von selbst, erst recht nicht in Zeiten, in denen immer mehr Kräfte an ihrer Entstehung und Gestalt mitwirken. „Form folgt Paragraph“ ist daher als beispielhafte Aufklärungsarbeit in der Architekturvermittlung zu begrüßen, die nebenher den schon eröffneten Dialog zwischen Architekten, Bauherren und Behördenvertretern intensiviert. Letztere haben sich bereits zu Sonderführungen durch die Visualisierung ihrer eigenen Gesetze angemeldet. Möge auch an ihnen die Erkenntnis nicht vorbeigehen, dass das, was Recht ist, nicht in Stein gemeißelt ist.

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