Gasteig Generalsanierung

Der Münchner Kulturpalast wird für rund 400 Millionen Euro saniert. Nach dem Wettbewerb gehen drei Preisträger in die Überarbeitung. Den temporären Konzertsaal für die Bauphase liefern gmp.

Text: Matzig, Katharina, München

    Manche forderten sogar seinen Abriss: Der Gasteig ist eines der größten Kulturzentren Deutschlands.
    Foto: Johannes Seyerlein

    Manche forderten sogar seinen Abriss: Der Gasteig ist eines der größten Kulturzentren Deutschlands.

    Foto: Johannes Seyerlein

    ein 1. Preis Auber Weber und Grabner Huber Lipp reduzieren die Saaltiefe ...
    Abb.: Architekten

    ein 1. Preis Auber Weber und Grabner Huber Lipp reduzieren die Saaltiefe ...

    Abb.: Architekten

    ... und überhöhen den philarmonischen Baukörper.
    Abb.: Architekten

    ... und überhöhen den philarmonischen Baukörper.

    Abb.: Architekten

    ein 1. Preis Henn mit Rainer Schmidt setzen ihren Fokus auf die Erschließung: Der zweigeschossige und gläserne Einschnitt soll als „Kulturbühne“ und Schaufenster funktionieren.
    Abb.: Architekten

    ein 1. Preis Henn mit Rainer Schmidt setzen ihren Fokus auf die Erschließung: Der zweigeschossige und gläserne Einschnitt soll als „Kulturbühne“ und Schaufenster funktionieren.

    Abb.: Architekten

    Der Saal der Philarmonie bleibt räumlich weitgehend unverändert.
    Abb.: Architekten

    Der Saal der Philarmonie bleibt räumlich weitgehend unverändert.

    Abb.: Architekten

    ein 1. Preis Wulf Architekten mit Club L94 und Theapro überzeichnen den Gasteig durch die zinnenartige Überhöhung.
    Abb.: Architekten

    ein 1. Preis Wulf Architekten mit Club L94 und Theapro überzeichnen den Gasteig durch die zinnenartige Überhöhung.

    Abb.: Architekten

    Im Innern werden alle Funktionen über ein weites Foyer miteinander verbunden.
    Abb.: Architekten

    Im Innern werden alle Funktionen über ein weites Foyer miteinander verbunden.

    Abb.: Architekten

    Anerkennung Boltshauser Architekten mit Sergison Bates und Maurus Schif­ferli gehen sehr feinfühling mit dem Bestand um.
    Abb.: Architekten

    Anerkennung Boltshauser Architekten mit Sergison Bates und Maurus Schif­ferli gehen sehr feinfühling mit dem Bestand um.

    Abb.: Architekten

    Das eingefasste Podium im Saal der Philarmonie sorgt für eine gute Akustik.
    Abb.: Architekten

    Das eingefasste Podium im Saal der Philarmonie sorgt für eine gute Akustik.

    Abb.: Architekten

    Anerkennung Peter Haimerl mit LUDES und Keller Damm Kollegen wollen den Saal der Philarmonie erhalten und als Biblio­theks­saal nutzen.
    Abb.: Architekten

    Anerkennung Peter Haimerl mit LUDES und Keller Damm Kollegen wollen den Saal der Philarmonie erhalten und als Biblio­theks­saal nutzen.

    Abb.: Architekten

    Der neue Saal der Philarmonie überzeugt die Jury nicht: die Balkone im Rechtecksaal wirken überlanden, „die akustische Qualität ist zu hinterfragen.“
    Abb.: Architekten

    Der neue Saal der Philarmonie überzeugt die Jury nicht: die Balkone im Rechtecksaal wirken überlanden, „die akustische Qualität ist zu hinterfragen.“

    Abb.: Architekten

    gmp - Gerkan Marg und Partner konnten das zweistufige Verhandlungsverfahren für sich entscheiden.
    Abb.: Architekten

    gmp - Gerkan Marg und Partner konnten das zweistufige Verhandlungsverfahren für sich entscheiden.

    Abb.: Architekten

    Mit 1.800 Sitzplätzen bietet die Interimsbühne wäh­rend der fünfjährigen Sanierung des Gasteigs genug Platz.
    Abb.: Architekten

    Mit 1.800 Sitzplätzen bietet die Interimsbühne wäh­rend der fünfjährigen Sanierung des Gasteigs genug Platz.

    Abb.: Architekten

Gasteig Generalsanierung

Der Münchner Kulturpalast wird für rund 400 Millionen Euro saniert. Nach dem Wettbewerb gehen drei Preisträger in die Überarbeitung. Den temporären Konzertsaal für die Bauphase liefern gmp.

Text: Matzig, Katharina, München

München von Osten“ heißt eine der berühmtesten Ansichten der Stadt, gemalt von Canaletto. 1761 war der Maler zu Besuch in München, für sein Gemälde, Gastgeschenk des sächsischen Thronfolgerpaares an den bayerischen Kurfürst Max III Josef, suchte er sich einen besonderen Aussichtspunkt aus: den Gasteig. Tatsächlich verdankt der Gasteig seinen Namen dem „gachsteig“, dem starken Anstieg vom Isarhochufer zwischen der Ludwigsbrücke und der St. Nikolai-Kirche. Einst gehörte er zum Burgfrieden der Stadt und wurde als Truppenaufmarschplatz genutzt, in friedlichen Zeiten war er beliebtes Ausflugsziel. 1971 fiel die Entscheidung, die attraktive Anhöhe zum Ort der Kultur zu entwickeln: Da die großen Konzertsäle der Stadt im 2. Weltkrieg zerstört wurden und die Münchner Philharmoniker ebenso wie die Stadtbibliothek und die Volkshochschule kein eigenes Haus hatten, sollte auf dem Gasteig ein „Volksbildungshaus mit Konzertsaal“ entstehen. Den Architekturwettbewerb gewann das Büro Raue, Rollenhagen, Lindemann, Grossmann aus München und Braunschweig. Die Architekten gewannen ebenfalls den drei Jahre später ausgelobten Wett­bewerb, bei dem nun vier Institutionen unter einem Dach vereint werden sollten: Philharmonie, Stadtbibliothek, Volkshochschule und Richard-Strauß-Konservatorium. 1978 war der Baubeginn, 1985, nach einer langen und durchaus schwie­rigen Bauphase, wurde Münchens neuer Kulturkomplex eröffnet und blieb der Geschichte treu: Das Gebäude aus rotem Klinker und Beton avancierte schnell zum „Kulturbunker“. Beliebtes Ausflugsziel war und ist der Gasteig jedoch trotzdem: Mit aktuell etwa 1,8 Millionen Besuchern jährlich und rund 1.800 Veranstaltungen, darunter das Filmfest München, Digitalanalog oder die Münchner Bücherschau, ist der Gasteig nicht nur das größte Kulturzentrum Deutschlands, sondern auch eines der meist besuchten.
Architektonisch eindeutig ein Kind seiner Zeit nagt an dem 90.000 Quadratmeter Bruttogrundfläche großen Komplex allerdings längst auch der Zahn der Zeit. Seit 2001 wurde der Gasteig im laufenden Betrieb saniert. Mit der Konzertsaal-Debatte zu Beginn des Jahres 2015 kam Dynamik in die Diskussion über den weiteren Umgang mit dem in die Jahre gekommenen Gebäude. Horst Seehofer, damals Ministerpräsident Bayerns, präferierte gar den Abriss und Neubau einer Isar-Philharmonie. Doch – und das ist sicher gut so: Die „Trutzburg“ steht noch, ebenso wie das Olympiastadion, das Franz Beckenbauer einst von einem Terroristen wegsprengen lassen wollte. Um den Gasteig allerdings wieder angemessen bespielen und nutzen zu können, und vor allem auch die von Anfang an kritisierte Akustik in der Philharmonie zu verbessern, lobte die Gasteig München GmbH, eine Tochter der Landeshauptstadt, einen nichtoffenen Realisierungswettbewerb für seine Generalsanierung aus. Mit dem Ziel, nicht nur das seitenlange Nutzerbedarfsprogramm sowie 25 sogenannte Anforderungssteckbriefe räumlich und organisatorisch zu erfüllen, sondern auch die bestehende Bausubstanz und Neubauelemente – eine Erweiterung um 9.000 Quadratmeter Bruttogrund­fläche ist möglich – zu einem „überzeugenden Zusammenspiel in hoher Architekturqualität zu verbinden“, bei einer Kostenobergrenze von maximal 410 Millionen Euro.
Neun Architekturbüros aus dem In- und Ausland waren gesetzt für diese durchaus anspruchsvolle Aufgabe, darunter Caruso St. John Architects aus London, Mecanoo aus Delft, Degelo Architekten aus Basel, David Chipperfield Architects, die sich in München bereits mit dem Umbau des Haus der Kunst beschäftigen, und Peter Haimerl, frisch gekürter Träger des Bayerischen Staatspreises für Architektur. 18 weitere Büros wurden über ein vorgeschaltetes Auswahlverfahren bestimmt, 17 der insgesamt zugelassenen Teilnehmer reichten ein. Drei wurden nun gleichrangig mit ersten Preisen ausgezeichnet und entlockten – wenn es stimmt, was die lokalen Zeitungen berichteten – Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter und seinem Stellvertreter und Vorsitzendem der Gasteig München GmbH, Josef Schmid, den Satz: „Wirklich überraschend, dass eine Generalsanierung auch von außen so viel Neues enthalten kann!“
Tatsächlich kürte die Jury, der neben den beiden Stadtoberhäuptern Münchens auch der Kulturreferent Hans-Georg Küppers, der Stadtkämmerer Ernst Wolowicz, Stadtbaurätin Elisabeth Merk und Stadtheimatpfleger Bernhard Landbrecht angehörten unter dem Vorsitz von Volker Staab Lösungen, die die gewünschten und nötigen technischen Umbauten und räumlichen Neuordnungen in eine wie gehabt große Geste verpacken. So öffnet sich der Entwurf aus dem Büro Auer und Weber Assoziierte großflächig zur Stadt. Eine imposante Treppenskulptur führt in die Kulturwelt, die als Stadt in der Stadt angelegt ist. Henn Architekten hingegen gliedern die Fassade horizontal und verbinden neue mit bestehenden Bauteilen, selbst die Philharmonie bleibt räumlich weitgehend unverändert. Am expressivsten agieren Wulf Architekten: Als Krone aus Mauerwerkstürmen bilden sie das Erscheinungsbild des neuen Gasteigs aus und schlagen ein gemeinsames Foyer vor, das sämtliche Institutionen miteinander verbindet.
Stolz verkündete am 12. Juli eine Pressemitteilung des Bayerischen Staatsministeriums für Wohnen, Bau und Verkehr, dass die Planung für den „bedeutendsten Kulturbau des Freistaats Bayern“ – gemeint ist hier das Konzerthaus im Werksviertel – beginnen kann, persönlich überreichte Ministerpräsident Markus Söder den Architektenvertrag an das Büro Cukrowicz Nachbaur Architekten (Bauwelt 1.2018). So weit ist es für den bedeutendsten Kulturbau der Landeshauptstadt noch nicht. In den drei Büros wird momentan überarbeitet, die endgültige Entscheidung fällt in einigen Monaten. Sicher ist allerdings jetzt schon: Die Stimmen, ob nicht auch ein behutsamer, erhaltender Umgang mit dem Bau aus dem Jahr 1985 eine nachhaltige, kostengünstige und sinnvolle Lösung gewesen wäre, werden nicht verstummen. Gesichert ist zudem: gmp Architekten werden bis 2020 gemeinsam mit Akustik-Papst Yasuhiso Toyota im Stadtteil Sendling, im Süden Münchens auf ehemaligem Stadtwerke-Gelände eine denkmalgeschützte Trafohalle in eine temporäre Philharmonie für 1800 Besucher verwandeln, ein Jahr später sollen vier weitere temporäre Bauten die Stadtbibliothek, die Volkshochschule, die Hochschule für Musik und Theater sowie die Gasteigverwaltung für die Zeit der Sanierung aufnehmen. Somit bleibt der Gasteig auch in Zukunft seinem Motto treu: Klotzen, nicht kleckern.
Nichtoffener Realisierungswettbewerb
ein 1. Preis Auber Weber Assoziierte, München mit Grabner Huber Lipp Landschaftsarchitekten, Freising
ein 1. Preis Henn mit Rainer Schmidt Landschaftsarchitekten, beide München
ein 1. Preis Wulf Architekten, Stuttgart mit Club L94 Landschaftsarchitekten, Köln und Theapro, Theater Projekte Daberto + Kollegen, München
Anerkennung Boltshauser Architekten mit Sergison Bates Architekten, beide Zürich und Maurus Schifferli Landschaftsarchitekt, Bern
Anerkennung Peter Haimerl Architektur, München mit LUDES, Recklinghausen und Keller Damm Kollegen, München
Fachpreisrichter
Piero Bruno, Berlin; Hannelore Deubzer, München; Stefanie Jühling, München; Bernhard Landbrecht, München; Elisabeth Merk, München; Muck Petzet, München; Gernot Schulz, Köln; Benedikt Schwering, München, Volker Staab (Vorsitz), Berlin; Jochen Usinger, Krefeld
Ausloberin
Gasteig München GmbH
Wettbewerbsbetreuung
Landherr und Wehrhahn, München
Fakten
Architekten Auber Weber Assoziierte, München; Grabner Huber Lipp Landschaftsarchitekten, Freising; Henn Architekten, München; Rainer Schmidt Landschaftsarchitekten, München; Wulf Architekten, Stuttgart; Club L94 Landschaftsarchitekten, Köln; Theapro, Theater Projekte Daberto + Kollegen, München; Boltshauser Architekten, Zürich; Sergison Bates Architekten, Zürich; Maurus Schifferli Landschaftsarchitekt, Bern; Peter Haimerl Architektur, München; LUDES, Recklinghausen; Keller Damm Kollegen, München
aus Bauwelt 16.2018
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