Ich bin Frühaufsteher, fleißig aber nicht fanatisch

Eine Begegnung mit Gustav Peichl zum 90. Geburtstag in Wien

Text: Burgard, Roland, Wien

    Gustav Peichl 2017. Seine Bauten in Deutschland sind die Phosphatelimininationsanlage in Berlin-Tegel (1987), der Erweiterungsbau für das Städel in Frankfurt am Main (1991), die Bundeskunsthalle in Bonn (1992) und die Kita des Deutschen Bundestags in Berlin (2002).
    Foto: Paul Schirnhofer

    Gustav Peichl 2017. Seine Bauten in Deutschland sind die Phosphatelimininationsanlage in Berlin-Tegel (1987), der Erweiterungsbau für das Städel in Frankfurt am Main (1991), die Bundeskunsthalle in Bonn (1992) und die Kita des Deutschen Bundestags in Berlin (2002).

    Foto: Paul Schirnhofer

    Architecture Made in Germany, Ironimus 1984

    Architecture Made in Germany, Ironimus 1984

    Gustav Peichl und die Phosphateleminationsanlage in Berlin-Tegel, Ironismus 1989

    Gustav Peichl und die Phosphateleminationsanlage in Berlin-Tegel, Ironismus 1989

Ich bin Frühaufsteher, fleißig aber nicht fanatisch

Eine Begegnung mit Gustav Peichl zum 90. Geburtstag in Wien

Text: Burgard, Roland, Wien

Einmal in der Woche als Karikaturist in der Wiener Tagespresse, die meiste Zeit an der Akademie der Bildenden Künste am Schillerplatz, und schon morgens in aller Frühe im Atelier am Opernring. In Wien besaßen Sie zwei Identitäten, die des „Ironimus“ und die des Professors. Wie kam es dazu?
Schon in der Schule habe ich immer gezeichnet. Meine ehrgeizige Mutter meinte damals, wenn alle sagen, er zeichnet so gut, dann lassen wir ihn Baumeister werden. Sie hat gedacht, da verdient man viel, und ich habe gesagt, ich will nicht Baumeister, sondern Architekt werden. Ich bin dann zunächst auf die Gewerbeschule gegangen. Das war noch in der Nazizeit. 1949 konnte ich wechseln an die Akademie der Bildenden Künste zu Clemens Holzmeister.
Wie kam es dann zu den Karikaturen?
Nach dem Krieg hatten wir vier Besatzungsmächte in Wien. Da ich kein Geld hatte, habe ich gezeichnet, die dicken Russen mit den dicken Orden. Das hat denen gefallen. Mein erstes Geld habe ich mit Schleichhandeln verdient, denn die schlechten Zigaretten von den Russen habe ich immer gegen irgendetwas eingetauscht. So habe ich während meines Studiums gut gelebt.
Wie gelangten Ihre Karikaturen in die Zeitung?
In jeder Besatzungszone gab es eine eigene Zeitung, auch eine in der amerikanischen: Das war der Neue Kurier. Ich habe mit Peichl signiert die Rote Armee gezeichnet.
Wie entstand das Pseudonym Ironimus?
Der Chefredakteur, ein Amerikaner, hatte gesagt wir drucken das. Er fragte mich aber, wo ich wohne. Im 2. Bezirk in Wien, das war ein Russenbezirk. Die Russen hatten alles vertragen, waren humorvoll und nett, nur bei Karikaturen über Stalin und die Rote Armee kannten sie keinen Spaß. Sie waren heilig. Das war also viel zu gefährlich, und so musste ich mir ein Pseudonym ausdenken. Da ist mir Ironimus eingefallen. Ich habe gedacht, das wird eine Woche oder einen Monat so sein. Jetzt sind es schon über sechzig Jahre.
1955 sind die Besatzungsmächte aus Österreich abgezogen.
Ich habe dann für die österreichischen Zeitungen gezeichnet. Ich war mit Gerd Bacher befreundet. Der wurde 1967 Generalintendant des ORF.
Den habe ich zu seiner Inthronisierung karikiert als Tiger. Und das ist ihm geblieben. Dann wurde ich überall populär, als Schöpfer des Tigers. Ich war auch der Karikaturist des damaligen Bundeskanzlers Bruno Kreisky. Ich habe ihn sehr gemocht. Er hat mich öfters in der Früh angerufen. Einmal sagte er mir: Die Karikatur ist großartig, meine Locken, meine Nase, meine Augen, wirklich sehr gut, aber die Karikatur ist politisch grundfalsch. Er war von einer durchtriebenen Intelligenz und hat als Politiker so gelogen, dass nicht einmal das Gegenteil wahr war.
Es gibt Architekten, die mit Karikaturen populär geworden sind: Bruno Paul im Simplizissimus, Ernst Maria Lang in der Süddeutsche Zeitung und Saul Steinberg im New Yorker.
Saul Steinberg und Paul Flora waren meine Vorbilder.
Bis 1953 haben Sie bei Holzmeister studiert. Auch Viktor Hufnagel, Friedrich Achleitner, Wilhelm Holzbauer und Hans Hollein sind aus der Akademie hervorgegangen und haben den Nucleus für das architek­tonische Renommee der Nachkriegsjahrzehnte in Österreich gebildet.
Stimmt schon. Während des Studiums habe ich auch noch bei Roland Rainer gearbeitet. Er hat mich auch beeinflusst.
Zu Beginn entwarfen Sie mit ganz einfachen geometrischen Formen: die Atriumschule in der Krim in Döbling 1964 und das Rehazentrum in Meidling 1968, beide in Wien.
Das waren die Anfänge. In den späten sechziger Jahren habe ich dann den Wettbewerb für die vier ORF-Bundesländerstudios in Salzburg, Innsbruck, Dornbirn und Linz gewonnen. Später kam noch Graz hinzu. Das wurde überall publiziert, und da war ich plötzlich auch bei Architekten und Fachleuten populär.
Das war damals der große Durchbruch mit sachlichen Gehäusen, deren Ästhetik vor allem von Organisation, Funktion und Technik bestimmt wurde.
Mein Opus Magnum.
Auch die Erdfunkstelle in Aflenz spricht diese bildliche Sprache. Eine geheimnisvolle Mischung aus einfachen geometrischen Formen ...
... und der Poesie der Konstruktion.
In den achtziger Jahren veränderten sich Ihre Ausdrucksmittel.
Sie meinen die Phosphateliminationsanlage in Berlin-Tegel?
Dort steht ein Dampfer, erkennbar an der Kommandobrücke und allerlei nautischem Drum und Dran. Er scheint bei der schwierigen Aufgabe, den Tegeler See zu entsalzen, auf Grund gelaufen zu sein. Auch die drei Lichttürme ihrer Bundeskunsthalle in Bonn von 2002 lassen Deutungen zu: Sind es die Bleistiftspitzen eines gewieften Zeichners oder ironisch zugespitzte Zipfelmützen, dem Erkennungszeichen des Deutschen Michels? Alles Metaphern, Allegorien und Assoziationen?
Ich bin kein Postmoderner!
Bei der Phosphateliminationsanlage bedienten auch Sie sich der Bilder, aber es war kein Rückgriff auf die Geschichte, es war ein Zitat aus der Gegenwart.
Ja, es ist ein technisches Bild.
Die Personalumkleiden In Tegel erinnern an Waschkauen aus den Bergbauzechen, bei denen die Arbeitskleidung mit Ketten an die Decke hochgezogen wird. Sie arbeiteten viel mit Assoziationen.
Ein bisschen.
Später erhielten sie große Aufträge wie den Milleniumstower oder die Wiener Messe.
Sie stehen auf demselben architektonischen Fundament.
Sie waren gut organisiert, und man erzählte sich, dass sie vor Wettbewerbsabgaben die Nächte nicht durchgearbeitet haben.
Ich bin ein Frühaufsteher, fleißig, aber nicht fanatisch.
Wenn man beides macht, Karikaturen und Architektur, dann muss man ganz unterschiedliche Zielgruppen im Auge haben. Wie bekommt man das unter einen Hut?
Die Karikatur und die Architektur haben etwas Gemeinsames: Es muss stimmig sein, eine bestimmte Intelligenz haben und es muss sparsam sein. Grundrisse zeichnen sich aus durch Einfachheit, und die Karikaturen zeichnen sich aus durch Einfachheit. Der Beruf als Architekt machte fast 70 Prozent der Zeit aus, dann kommen 20 Prozent als Karikaturist. Der Rest ist Vergnügen, Flirten, Spazierengehen – kein Sport, aber sonst alles, was Bewegung ausmacht und heiter stimmt.
Entstehen die Zeichnungen mit der Hand ganz unmittelbar oder zuvor mit einer Idee im Kopf?
Mit Kopf und Hand. Zeichnung, Bleistift und Papier sind eins, deswegen bin ich ein Gegner des digitalen Entwerfens. Denn so praktisch und notwendig der Computer bei der Arbeit ist, er ist die größte Diktatur, die wir heute haben. Die Studenten zeichnen nicht mehr, sie machen alles am Handy oder Computer. Digital ist nicht die Antwort. Nur die Zeichnung ist die Sprache des Architekten.
Wie hatte sich das Aufblühen Österreichs nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auf die Architekturqualität ausgewirkt?
Heute ist die Architektur anders geworden. Es geht nach Geschäft und Geld. Vorher war es noch die Aufgabe, Künstler zu sein oder Sachen zu machen, die dem Land dienen.
Was sind denn die Höhepunkte österreichischer Architektur in den letzten einhundert Jahren?
In den zwanziger und dreißiger Jahren Adolf Loos und Josef Hoffmann. Das waren die Größten überhaupt, sehr intelligent und natürlich links. Die besten Bauten waren das Rote Wien. Die Wohnbauten, die wurden dann weltberühmt.
An diese Tradition knüpft Wien seit vielen Jahren an und plant für 2022 eine Internationale Bauausstellung. Was halten Sie davon?
Sehr viel, wenn Sie es gut machen! Der Stadtrat für Wohnbau Michael Ludwig hat Gespür.
Fakten
Architekten Peichel, Gustav, Wien
aus Bauwelt 5.2018
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