Heimat für alle

Wie der Begriff der Heimat zum Teil benutzt wird, ist beklemmend und beunruhigend. Eingeschränkt und zurecht gestutzt, wird er zu einem Instrument des Ausschlusses – das lässt sich auch in der Architektur ablesen. Dabei könnte Heimat auch anders verstanden werden.

Text: Holl, Christian, Stuttgart

    Die Neue Altstadt in Frankfurt am Main
    Foto: Wikimedia Commons/Simsalabim

    Die Neue Altstadt in Frankfurt am Main

    Foto: Wikimedia Commons/Simsalabim

    Foto: Christian Holl

    Foto: Christian Holl

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Heimat für alle

Wie der Begriff der Heimat zum Teil benutzt wird, ist beklemmend und beunruhigend. Eingeschränkt und zurecht gestutzt, wird er zu einem Instrument des Ausschlusses – das lässt sich auch in der Architektur ablesen. Dabei könnte Heimat auch anders verstanden werden.

Text: Holl, Christian, Stuttgart

Heimat. Ein Begriff, der Bilder, Gerüche und Geräusche aus der eigenen Kindheit, Jugend oder bei manchem den Herkunftsort der Eltern hervorruft. Ein Begriff der meist individuell ausgelegt wird und so, wie er derzeit verwendet wird, keine integrative Komplexität abbildet oder ohne Diffamierungen oder Exklusionen auskommt. Ob das Gegenteil überhaupt möglich ist, sei dahingestellt – konstatiert werden muss, dass der Versuch dazu in der Vergangenheit nie ernsthaft unternommen wurde – und eben auch in der Gegenwart nicht gemacht wird. Mit neu eingerichteten Heimatressorts in Bundes- und Länder­regierungen vor der Brust und einem auf dem Rücken von Asylanten ausgetragenem Streit um Wählerstimmen im Kreuz ist die Hoffnung auf ein Bemühen um einen integrierenden Heimatbegriff im Nirwana verschwunden.
Wie unter einem Brennglas zeigt sich das Problem anhand der Neuen Altstadt in Frankfurt. Dass es hier nicht um Stadt geht und um den Prozess einer stückweisen Produktion, in dem sich in Korrekturen eine Entwicklung vollziehen kann, ist nicht so nebensächlich wie es scheint. Die Neue Altstadt wirkt wie ein gebautes Rendering, denn sie ist nicht Stadt, sondern ein Bild davon. Die Geschichte freilich zeigt, dass lange vor der Zerstörung im Krieg auf dem Areal der Neuen Altstadt fleißig abgerissen und umgebaut wurde. Die Altstadt, wie sie sich heute zeigt, ist also nicht Geschichte und nicht Ausdruck von Geschichte, sondern Ausdruck der Idee, dass es in der Vergangenheit einen idealen Zustand gegeben hätte, den es nur zu reproduzieren gilt. Dieser ide­alisiert geschichtliche Zustand ist normativ, was auch heißt, dass die Altstadt nur der mühselig kaschierte Ausdruck der Weigerung ist, Veränderung zur Kenntnis zu nehmen. Und zwar nicht, weil sie nicht lediglich aus Rekonstruktionen besteht – das ist ja nicht der Fall –, sondern gerade da sie auch eine zeitgenössische Architektursprache inkorporiert. Denn erst dadurch wird das Narrativ der zeitlosen Gültigkeit eines aus der Geschichte geronnenen Zustands überzeugend: Die vermeintliche Wiederherstellung eines ursprünglichen Zustands, die Heilung einer Wunde, die die vermeintlich immergültige Wahrheit restauriert. Dass damit der Ausschluss von Teilen der Bevölkerung, die neu in unserer Gesellschaft sind, billigend in Kauf genommen wird, und sich dieser Ausschluss als quasi-natürlicher Zustand darstellt, macht dieses Ensemble ideologisch leicht instrumentalisierbar.
Die zweite Seite der Medaille
Entwicklungen wie diese werden aber falsch eingeschätzt, wenn sie als ein Gegenmodell zu dem verstanden werden, was an den Stadträndern und in den neuen Quartieren geschieht. Dort ist die Realität von der Renditeerwartung der Immobilienwirtschaft geprägt, aber auch von dem Wunsch, genau den Lebensstil verwirklichen zu können, der seit Jahrzehnten intensiv gefördert wird: den Konsumorientierten mit Eigenheim und Auto. Auch hier geht es nicht darum, zu fragen, unter welchen Umständen dieses Lebensmodell seine Berechtigung hat, ob es Potenzial hat, zeitgemäße Wohnansprüche gerade in ihrer Widersprüchlichkeit zwischen Wunsch nach Naturnähe und sozialer Gemeinschaft aufzunehmen, so wenig, wie es in der Neuen Altstadt um die Frage gehen kann, ob Rekonstruktion nicht auch legitim ist. Es geht hier wie dort um die Frage nach einer Konstante, einen richtigen und angemessenen Zustand, dessen Veränderung nicht zur Diskussion gestellt werden darf. In neuen Stadtteilen gerät dieser Wunsch, den suburbanen Lebensstil zu leben, so offensichtlich in Konflikt mit dem Glauben an die Richtigkeit einer geschichtlichen Wahrheit, dass man sich nur verwundert die Augen reiben kann, wie vehement dieser Konflikt nach wie vor geleugnet oder doch zumindest ignoriert wird. Er wird von den Nar­rativen, wie sie eine Neue Altstadt vermittelt, nur weiter zugedeckt, da hierin der Glaube an die überzeitliche Wahrheit zementiert wird. Eine Idylle, ob als ubiquitäre Version der Natur-Kulturversöhnung im Eigenheim oder als heile Altstadtwelt, spielt als eskapistischer Teil dessen, was vom Gestaltbaren ausgeschlossen wird, denen in die Hände, die für das verantwortlich sind, wogegen die Idylle in Stellung gebracht wird: den Alltag der Verkehrsräume und renditemaximierten Wohntristesse. Es ist, als wollte man behaupten, Konflikte im Arbeitsleben durch den Verweis auf das friedliche Nebeneinander in der Urlaubszeit am Strand behandeln zu können.
Heimat als dauerhaft belastbare Kategorie zumindest, als Angebot an die gesamte Gesellschaft, ist damit umso weniger zu haben, je heftiger behauptet wird, dass solche Idyllen Heimat seien – damit wird nur umso entschiedener der Ausschluss und die Blindheit gegenüber dem aktiviert, was gestaltbar ist und es werden muss.
„Das“ Land gibt es nicht
Wenn es heißt, dass Menschen auf dem Land nicht ganz unschuldig daran sind, dass sie sich abgehängt fühlen, dann ist die Problembeschreibung schon Teil des Problems – denn „das“ Land gibt es nicht. Einen differenzierten Blick auf die verschiedenen räumlichen Kontexte von Stadt- und Ortschaftsgrößen ist die erste Voraussetzung für einen anderen Umgang mit der sich hier stellenden Problematik, der vor allem darin bestehen müsste, die gesamträumlichen Verflechtungen in den Blick zu nehmen. Dass es grundsätzlich richtig ist, die weniger dicht besiedelten Räume zu fördern, entbindet nicht von der Aufgabe, sich genau dem zu widmen, was die Förderbedürftigkeit hervorruft – die Tatsache nämlich, dass die Orte „auf dem Land“ so autonom nicht sind, wie sie gesehen werden und sich – darin liegt das eigentliche Selbstverschulden – auch selbst sehen wollen. Geholfen wird ihnen nur, wenn sie als Teil eines weitreichenden Beziehungsgeflechts analysiert werden. Die sich andeutende Renaissance von Klein- und Mittelstädten birgt die Gefahr, die aktuelle gesellschaftliche Spaltung auf anderer Ebene voranzutreiben. Steigt die Nachfrage zumindest in den attrak­tiven Orten, sieht das auf den ersten Blick nach einer Rettung aus – doch aus dem ländlichen Raum das neue Manufactumreich der kulturell gebildeten Schicht zu machen, die das Land doch nur durch die idyllengetrübte Brille sieht, würde nur heißen, dass die, die sich von diesem Lebensstil ausgeschlossen fühlen, sich umso mehr bedrängt und abgestellt fühlen müssen.
Worum es gehen müsste, wäre ein landesweiter Diskurs und Austausch über konkrete Projekte, die einerseits nach zeitgemäßen Formen des Zusammenlebens, nach Gemeinwohlorientierung und Integration suchen und sie konkret im Einzelnen verwirklichen. Andererseits gilt es, die spezifischen Kulturen zu respektieren und zu stärken – die Feste, die Bräuche, aber auch die Art zu produzieren, das Handwerk. Hier sind Schutzmechanismen möglicherweise bald genauso wichtig, wenn sie auch anders gestaltet werden müssen, wie in den unter Preis- und Verwertungsdruck stehenden Städten. Hierfür kann Architektur ihr Potenzial einbringen. Ohne eine gestaltende Politik wird sie aber wirkungslos bleiben und im schlimmsten Fall für das diskreditiert werden, was sie leistet – die Integration derer, die nicht schon immer dazu gehört haben oder deren gesellschaftliche Teilhabe gefährdet ist. Sie setzt voraus, was sie hervorzubringen helfen könnte: einen Heimatbegriff von integrativer Komplexität, der ohne Diffamierungen und Exklusionen auskommt: der Menschen weder wegen ihrer Herkunft, noch wegen ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Neigung oder ihrer Religion ausschließt.
Der Text erschien zuerst im eMagazin Marlowes

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