Hundert Jahre De Stijl

Mondrian, van Doesburg, Rietveld und Co. Der Sommer steht in den Nieder­landen ganz im Zeichen des ­De-Stijl-Jubiläums. Welche Ausstellungen und Orte lohnen den Besuch?

Text: Adam, Hubertus, Zürich

    Theo von Doesburg entwarf für den Wohnkomplex von Cees Rienks de Boer ...
    Foto: Hubertus Adam

    Theo von Doesburg entwarf für den Wohnkomplex von Cees Rienks de Boer ...

    Foto: Hubertus Adam

    ... in Drachten ein Primärfarbenkonzept.
    Foto: Museum Dr8888

    ... in Drachten ein Primärfarbenkonzept.

    Foto: Museum Dr8888

    Rekonstruktion von Mondrians Pariser Atelier.
    Foto: Fas Keuzenkamp

    Rekonstruktion von Mondrians Pariser Atelier.

    Foto: Fas Keuzenkamp

Hundert Jahre De Stijl

Mondrian, van Doesburg, Rietveld und Co. Der Sommer steht in den Nieder­landen ganz im Zeichen des ­De-Stijl-Jubiläums. Welche Ausstellungen und Orte lohnen den Besuch?

Text: Adam, Hubertus, Zürich

Die orthogonalen Kompositionen von Piet Mondrian aus schwarzen Linien sowie gelben, roten und blauen Farbfeldern auf weißem Grund; das aus Wandscheiben komponierte Raumkunstwerk des Schröder-Hauses in Utrecht von Gerrit Rietveld: Sie gelten als Inbegriff der De-Stijl-Ästhetik und sind zu Ikonen der Kunst des 20. Jahrhunderts geworden. Doch als der umtriebige Theo van Doesburg 1917 in Leiden das erste Heft seiner bis 1928 (und dann noch einmal 1931) erscheinenden Zeitschrift „De Stijl“ als „Monatsblatt für die modernen bildenden Fächer“ – so der Untertitel – herausbrachte, waren die beteiligten Künstler noch am Suchen. „De Stijl“ fungierte als Kommunikationsplattform für eine lockere Gruppe von Akteuren, die in wechselnden Konstellationen gemeinsame Projekte verfolgten, sich teilweise aber nie begegnet sind. Und erst recht keine gemeinsame Linie verfolgten. Van Doesburg, der sich als Impresario verstand, stieß bald einige Mitstreiter vor den Kopf; 1925 kam es auch zum Bruch mit Mondrian.
Das hundertjährige Jubliäum von De Stijl wird 2017 in den Niederlanden mit einem ganzen Reigen von Veranstaltungen gefeiert. Die neunzehn Veranstaltungsorte, durch Sammlungsbestände, Gebäude oder biografische Verflechtungen mit De Stijl verbunden, erstrecken sich über das ganze Land: von Leeuwarden in Friesland über das Gebiet der Randstad bis hin nach Bergeijk, im Süden nahe der belgischen Grenze gelegen.
Die beiden wichtigsten Ausstellungen im Sommer zeigt das Gemeentemuseum in Den Haag. „De Ontdekking van Mondriaan“ heißt die grandiose Retrospektive zum Schaffen des Malers. Der Titel ist doppeldeutig zu verstehen: Selbstverständlich geht es um die elementaren Gestaltungsmittel, die Mondrian sich sukzessive erschloss. Aber, und das macht den besonderen Reiz der Schau aus, auch um die „Entdeckung“ des gesamten Mondrian, der zunächst mit Landschaftsdarstellungen im Stil der Haager Schule begann (die an das Goldene Zeitalter der niederländischen Malerei anknüpfe), sich dann dem Symbolismus zuwandte und erst durch den Kontakt mit dem als Glasmaler ausgebildeten Bart van der Leck ab 1916 die drei Primärfarben für sich entdeckte. Die letzte große Mondrian-Retrospektive in Den Haag 1990 fokussierte auf die „klas­sischen“ Bilder und zementierte damit eine Hagiographie der Moderne. Jetzt rückt die langsame Evolution des Werks in den Vordergrund.
Auch die zweite Schau des Gemeentemuseum, „Architectuur en Interieur – Het Verlangen naar Stijl“, thematisiert Entwicklungen und Kontinuitäten. Zugrunde liegt die These, dass viele Ideen und Konzepte, die mit De Stijl zum Durchbruch kamen, schon zur Jahrhundertwende virulent waren. Die Felder, in denen das festgemacht wird, sind technische Innovation, Transparenz, Raumverständnis, Farbe, Wohnen sowie Sauberkeit und Purismus. Entwürfe von Architekturreformern wie Berlage, de Bazel, Kromhout oder Lauweriks werden Arbeiten der De-Stijl-Protagonisten wie Gerrit Rietveld, Jan Wils, Rob van t’Hoff, Theo van Doesburg, J.J. Oud oder Vilmos Huszár gegenübergestellt. Im Kapitel Sauberkeit/Purismus bildet Hygiene den gemeinsamen Nenner; er verbindet Krankenhausmobiliar aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert mit Entwürfen des von de Bazel entworfenen landwirtschaftlichen Musterbetriebs Oud Bussem (1903–05) und die Freilichtschule von Duiker in Amsterdam (1927–31) mit Ouds Ferienheim De Vonk (1917) in Noordwij­kerhout, das van Doesburg mit farbigen Fliesen versah. In einem separaten Raum wird die Wiederherstellung des Farbkonzepts von van Doesburg für Jan Wils’ Huis de Lange (1917) in Alkmaar dokumentiert. In einem anderen Saal wurde Mondrians zwischen 1921 und 1925 an der Pa­riser Rue Départ eingerichtete Atelierwohnung im Maßstab 1:1 rekonstruiert.
Die Fülle an Material beeindruckt. Entstanden ist die Ausstellung in Kooperation mit Het Nieu­-we Instituut (HNI) in Rotterdam, in dem bekanntlich das frühere NAI aufgegangen ist. Wie schon 2016, als das hundertjährige Jubiläum der Amsterdamse School gefeiert wurde, tritt das HNI, das eine ganze Reihe von Nachlässen der De-Stijl-Protagonisten beherbergt, nicht mit einem eigenen Beitrag in Erscheinung. Dass das Institut bei wichtigen Architekturevents völlig abwesend sei, begänne Tradition zu werden, kritisierte unlängst das NRC Handelsblad; seit seiner Etablierung 2013 habe es nur eine einzige richtige Architekturausstellung präsentiert.
Angesichts der desaströsen Entwicklung in Rotterdam, Resultat eines kulturpolitischen Kahlschlags, ist unerwartetes Engagement in der Provinz umso lobenswerter. Ein Beispiel hierfür ist das Museum in Drachten, das im vergangenen Jahr eine sehenswerte Holland-Dada-Ausstellung zeigte und sich seither in Anlehnung an ein Gedicht von Kurt Schwitters, der mit einer Dada-Soirée 1923 in der friesischen Stadt gastierte, „Museum Dr8888“ nennt. Gleich vier Ausstellungen zeigt das Haus 2017 zum De-Stijl-Jubiläum. Die ortsansässigen, im Brotberuf als Schumacher, ansonsten als Maler und Möbelgestalter respektive Dichter tätigen Brüder Thijs und Evert Rinsema waren mit Theo van Doesburg befreundet. Auf ihre Empfehlung hin beteiligte ihn der Architekt Cees Rienks de Boer an Bauprojekten in Drachten. Für einen in Backstein ausgeführten Wohnkomplex an der Torenstraat realisierte van Doesburg 1921/22 ein auf die Primärfarben Rot, Gelb und Blau abgestimmtes Farbkonzepte für Fenster, Türen, Mansarden, Vorbauten, aber auch für die Wohnungen.
Die radikale Farbigkeit der „Papagaaienbuurt“ stieß nicht zuletzt bei den Bewohnern auf solchen Widerstand, dass sie bald unter einer neutraleren Tünche verschwand. Inzwischen strahlen nicht nur die Fassaden wieder in der ursprünglichen Farbigkeit, das Museum Dr8888 konnte überdies eine der sechzehn Wohnungen erwerben und Interieur und Farbigkeit rekonstruieren. Seit Juni sind die Räume im Rahmen von Führungen zugänglich. Auch bei der früheren Landwirtschaftsschule gegenüber kam van Doesburg zum Zuge – mit Bleiglasfenstern und Fensterrahmen, die hier in den Sekundärfarben Grün, Orange und Violett gestrichen wurden.
Die nächste Station auf der De-Stijl-Route ist Eelde südlich von Groningen. Hier kann man in diesem Jahr die frühere Reichsluftfahrtschule von 1953–57 besichtigen, deren Farbfassung ein Spätwerk Bart van der Lecks ist. Dem Frühwerk dieses Künstlers widmet sich ab Oktober eine Ausstellung des Kröller-Müller-Museums in Otterlo. Van der Leck wurde ab 1914 verschiedentlich von Helene Kröller-Müller mit Aufträgen betraut, darunter Glasfenster für das 1914–20 von Berlage errichtete Jagdhaus St. Hubertus.
Andere Bauten, die die Kontinuität der De-­Stijl-Ästhetik in den 50er Jahren bezeugen, sind während des Jubiläumsjahrs in Bergeijk zu besichtigen, zwanzig Kilometer südwestlich von Eindhoven. Gerrit Rietveld errichtete in der Kleinstadt zwischen 1954 und 1958 die Textilfabrik „De Ploeg“ und darüber hinaus zwei Privathäuser, eine öffentliche Uhrenskulptur und eine Bushaltestelle: Bergeijk wurde zu einem Zentrum modernen Gestaltens. Auf der Basis eines Rasters entwarf Rietveld für die Fabrik einen winkelförmigen Komplex, der unter sägezahnförmigen Sheds Weberei, Spinnerei, Färberei und Garnlager vereinte: Die Stirnseiten sind mit grauem Zementputz verkleidet, die Nord- und Südfronten weithin verglast, markante Farbakzente zeigen Rietvelds Herkunft von De Stijl.
Nach den auf die Schließung 2008 folgenden Jahren des Leerstands ist nun die Firma Bruns eingezogen, die Einrichtungen für Ausstellungen plant und umsetzt. 2015/16 wurde De Ploeg durch das Architekturbüro Diederendirrix restauriert und nach einem Konzept des Designers Aart van Asseldonk umgebaut. Das Besucherzentrum lädt in diesem Jahr dazu ein, nicht nur das Fabrikgebäude zu entdecken, sondern auch die übrigen Projekte Rietvelds.
Fakten
Architekten Mondrian, Piet (1872-1944); Rietveld, Gerrit (1888-1964); van Doesburg, Theo (1883-1931); Oud, J.J. (1890-1963)
aus Bauwelt 14.2017
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