Kopenhagen, 8°C

Bauwelt-Autorin Karin Hartmann hatte in Skandinavien ein ungewohntes Fahrrad-Stadt-Erlebnis

Text: Hartmann, Karin, Paderborn


Kopenhagen, 8°C

Bauwelt-Autorin Karin Hartmann hatte in Skandinavien ein ungewohntes Fahrrad-Stadt-Erlebnis

Text: Hartmann, Karin, Paderborn

Während in Deutschland die Fahrradwege vereisen oder einschneien und damit für viele die Radfahrsaison endet – um wieder in Bussen mit beschlagenen Scheiben oder mit Sitzheizung im Stau zu stehen –, hat die Stadt Kopenhagen ihren Bewohnern angewöhnt, bei jedem Wetter Rad zu fahren. Sie nennt es „einladen“ oder „Angebote machen“. Kopenhagen lädt die Bürger also ein, bei Nieselregen und 8°C nicht das „hyggelige“ Auto zu benutzen, sondern das Fahrrad. Und das mit wachsendem Erfolg.
Bei meinem Besuch rechnete ich mit einem Haufen von Outdoorläden, voll mit wetterfesten Fahrradklamotten für Temperaturen bis -20°C. Wie sollten die Leute in einem um diese Jah­reszeit noch dunkleren und kälteren Land als Deutschland sonst Fahrrad fahren?! Nun, ich musste lernen: einfach. Angezogen wird das, was man eben anzieht. Dank der Kopenhagener Infrastruktur kommt man mit dem Rad so oder so schneller durch die Stadt, auch ohne Rennrad- oder Trecking-Outfit. Denn sie ist verdammt gut, diese Infrastruktur. Das Fahrrad steht direkt vor der Tür und ist dreckig, rostig und selten an etwas Festem angeschlossen. Zusammen bilden die Räder metallene Cluster im Stadtraum. Und die Etikette? Keine Zeit für Hype, Kampfradler, Beschimpfungen auf der Straße – es sind einfach zu viele Radler. Man grüßt, lächelt, gibt Handzeichen. Keine Sparten-, Hipster- oder Sportlerallüren. Die Kinder, die Oma oder den Ehemann platziert man vorne in die schwarze Kiste der Christiana-Bikes und radelt sie durch die Gegend.
Das alles führt zu einer herrlichen Leichtigkeit. Ja, auch bei 8°C und Nieselregen. Die Stadt belohnt mit ihrer Schönheit aus der Fahrradperspektive. Mit der „Cycelslangen“ – roter Fahrrad-Highway und grandiose Abkürzung über die Hafenbecken –, mit der Hängebrücke von Olafur Eliasson oder der Brücke von Santiago Calatrava, die endlich den Nyhavn mit dem Street Food Market verbindet: Orte, die mit dem Auto quasi nicht angefahren werden können. Der englischsprachige Radreiseführer warnt allerdings, dass Kopenhagen zwar prima mit dem europäischen Festland verbunden ist, der deutsche Schnellzug aber keine Fahrräder mitnimmt. Inzwischen aber hat die DB nachgebessert: Der neue ICE 4 bietet ganze acht (!) Fahrradplätze pro Zug. Auf zum Radel-Glück nach Kopenhagen!

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