Kunst in jederlei Richtung

Das Museum Hamburger Bahnhof in Berlin zeigt noch bis 24. September in einer großen Überblicksschau die Geschichte der Installationskunst

Text: Röcker, Damaris, Stuttgart

    Susan Philipsz, War Damaged Musical Instruments (Shellac), 2015
    Abb.: Staatliche Museen zu Berlin, Jan Windszus, © Die Künstlerin und Konrad Fischer Galerie

    Susan Philipsz, War Damaged Musical Instruments (Shellac), 2015

    Abb.: Staatliche Museen zu Berlin, Jan Windszus, © Die Künstlerin und Konrad Fischer Galerie

Kunst in jederlei Richtung

Das Museum Hamburger Bahnhof in Berlin zeigt noch bis 24. September in einer großen Überblicksschau die Geschichte der Installationskunst

Text: Röcker, Damaris, Stuttgart

Kann man alles falsch machen? Why does no­­thing never happen? Können mich Gespenster sehen? Wird die Freiheit der Vögel überbewertet? Is it hard to imagine an empty universe? Diese Fragen stellt die Arbeit „Fragen Projektion“, eine von insgesamt 28 Rauminstallationen der aktuellen Ausstellung „moving is in every direction“ im Hamburger Bahnhof Berlin. Erstmalig zeigt das Museum für Gegenwart die Geschichte der Installationskunst seit den 1960er Jahren bis heute in diesem Umfang.
Mit Diaprojektoren wirft das Schweizer Künstlerduo Peter Fischli und David Weiss die von 1981 bis 2003 gesammelten Fragen an die Wand. Sie scheinen banal, wie die Fragen eines Kindes – und doch zutiefst hintergründig. Ein Bettchen in seichtem Lichtkegel verstärkt den Eindruck absurder Traumsequenzen. Der Raum ist geprägt vom unablässigen Klicken der Projektoren, die Wände sind schwarz, nur die weiße Schrift, die willkürlich aufzutauchen scheint, erregt die Aufmerksamkeit des Besuchers.
Ein paar Räume weiter hängen weiße Lautsprecher von der Decke, weit über dem Blickfeld des Besuchers. Sie senden Töne in gerichteten Schallwellen. Erst wenn man den Saal durchquert, werden sie deutlich hörbar und lassen sich verknüpfen. Das gespielte Musikstück heißt „The Last Post“, ursprünglich ein militärisches Signal zu Zeiten eingegrenzter Schlachtfelder: Es verkündete das Ende der Kampfhandlungen. Die Künstlerin Susan Philipsz ließ für ihre Installation „War Damaged Musical Instruments“ das Stück mit im Krieg beschädigten Instrumenten einspielen, die in militärhistorischen Sammlungen in Großbritannien verwahrt werden.
Die befremdlichen Tonfolgen sind in der Installation von Marcel Broodthaers, zwei Räume weiter, noch zu hören. Hier wird seine erste raumgreifende Arbeit „Un jardin d’hiver“ ausgestellt, die er 1974 für eine Gruppenausstellung im Palais des Beaux-Arts in Brüssel erstellte. Im Raum sind Palmen zwischen Gartenklappstühlen aus Holz arrangiert. An den Wänden hängen naturhistorische Stiche und zeichnerische Großaufnahmen von Käfern und anderem Getier. In einem Fernseher in der Ecke erkennen sich die Besucher selbst: Der Raum wird dauerüberwacht. In diesem Wintergarten, der bürgerlichen Variante zur fürstlichen Orangerie, verkommt die für den Winter verwahrte exotische Natur zum „Décor“.
In Gregor Schneiders „Schlafzimmer“ können sich die Besucher, anders als in den übrigen Installationen, nicht frei bewegen. Seit 1985 baut Schneider die Räume aus dem „haus ur“ in seinem Geburtsort Mönchengladbach-Rheydt nach. Das „Schlafzimmer“ ist nur zeitweise geöffnet, man muss sich anstellen, dann den Raum alleine betreten, sich umschauen, das Licht ausmachen. Rechts in der Ecke liegt eine Matratze, daneben ist eine Tür, an der angrenzenden Wand ein Fenster mit heruntergelassenem Rollladen. Im Dunkel fällt Licht durch die Schlitze in den Raum. Auf intime Weise wird der Besucher hier mit einem scheinbar privaten Schlafzimmer konfrontiert, in dem er sich unweigerlich als Eindringling fühlt.
In den 1980er Jahren etablierte sich die „Installation Art“ als Gattung, der Begriff „Installa­tion“ setze sich als Bezeichnung für eine künstlerische Arbeit durch, die den gesamten Raum gestaltet. Der Titel der Ausstellung „moving is in every direction“ spielt auf die nichtlineare Erzählstruktur der räumlichen Organisation von Installationskunst an. So richten die Kuratorinnen Anna-Catharina Gebbers und Gabriele Knapstein den Fokus auf das erzählerische Potenzial. Im Erdgeschoss des Westflügels und in den Rieckhallen wurden die raumgreifenden Arbeiten nach inhaltlichen Verbindungslinien gruppiert. Ein ausliegendes Heft ermöglicht es, die Räume frei zu durchstreifen: Eine Grundrissgrafik zeigt die Lage der Räume und verweist auf Künstler und Werke, die mit einem Text näher erläutert werden. So muss sich der Besucher nicht an großformatigen Schrifttafeln aufhalten, sondern kann sich die Information beim Begehen der Arbeiten nach Bedarf anlesen.
Von Environments, Licht-, Video- und Soundinstallationen bis zu medienübergreifenden Inszenierungen gibt die Ausstellung einen breiten Überblick über die Facetten der Installationskunst. Beinahe wird zu viel gezeigt, um alles aufnehmen zu können. Besonders vielschichtig wird der Inhalt durch ortsspezifische Installationen, die der Besucher auf den ersten Blick nicht unbedingt als Kunst erkennt, etwa „No Exit“ von Richard Artschwager von 1976. 36 weiße Kugellampen mit der roten Aufschrift „Exit“ hängen im Flur der Rieckhallen. Sie oszillieren zwischen Designobjekt, Skulptur und Leitsystem. Die Schrift führt den Besucher zwar in die richtige Richtung, verliert durch die ständige Wiederholung aber ihren primären Verweischarakter als Zeichen.
Durch dieses teilweise unbewusste Erleben der Installationen entsteht Nähe zwischen Betrachter und Kunst. Die Rauminstallation ist greifbar, man kann sich ihr nicht entziehen. Die Ausstellung folgt somit ganz Allan Kaprows Defini­tion aus dem Jahr 1958: „Environments müssen begangen werden.“ Und ergänzt: gerne in jederlei Richtung.
Moving is in Every Direction. Environments – Installationen – Narrative Räume
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Invalidenstraße 50–51, 10557 Berlin
www.smb.museum
Bis 24. September

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