Moderne Rekonstruktion

Die Wiedereröffnung der Staatsoper in Berlin wurde am 3. Oktober mit Robert Schumanns „Faust-Szenen“ groß gefeiert. Ein Kraftakt mit vielen Facetten und hohen Kosten hat fast ein Ende gefunden. Erst am 7. Dezember, wenn die letzten Arbeiten beendet sein werden, wird die Spielzeit beginnen. Ein Rückblick in die Planungsgeschichte und ein Rundgang mit dem Architekten HG Merz

Text: Tempel, Christoph, Berlin

    Die Saaldecke der Oper mit dem zusätzlichen Netzor­nament der Nachhallgalerie.
    Foto: Marcus Ebener

    Die Saaldecke der Oper mit dem zusätzlichen Netzor­nament der Nachhallgalerie.

    Foto: Marcus Ebener

    Der Saal wurde um die rund fünf Meter hohe Nachhall­galerie erhöht. Blick durch das Netzornament aus einem Keramikverbundmaterial.
    Foto: Marcus Ebener

    Der Saal wurde um die rund fünf Meter hohe Nachhall­galerie erhöht. Blick durch das Netzornament aus einem Keramikverbundmaterial.

    Foto: Marcus Ebener

    Blick in den Zuschauersaal. Rechts und links die erhöhten Sockel der Wandvorlagen vom Bühnenportal.
    Foto: Marcus Ebener

    Blick in den Zuschauersaal. Rechts und links die erhöhten Sockel der Wandvorlagen vom Bühnenportal.

    Foto: Marcus Ebener

    Detail der neuen Nachhallgalerie
    Foto: Marcus Ebener

    Detail der neuen Nachhallgalerie

    Foto: Marcus Ebener

Moderne Rekonstruktion

Die Wiedereröffnung der Staatsoper in Berlin wurde am 3. Oktober mit Robert Schumanns „Faust-Szenen“ groß gefeiert. Ein Kraftakt mit vielen Facetten und hohen Kosten hat fast ein Ende gefunden. Erst am 7. Dezember, wenn die letzten Arbeiten beendet sein werden, wird die Spielzeit beginnen. Ein Rückblick in die Planungsgeschichte und ein Rundgang mit dem Architekten HG Merz

Text: Tempel, Christoph, Berlin

Schweres Gepäck, vor allem, wenn das Objekt bereits 275 Jahre in Funktion ist, sein Bauherr kein geringerer war als Preußenkönig Friedrich II., die Hülle nach Bränden und Bombenzerstörung mehrfach erneuert wieder errichtet und auf den jeweiligen Stand der Technik gebracht wurde, dort die größten Dirigenten ihrer Zeit den Taktstock schwangen und bahnbrechende Opern das Licht der Welt erblickten. Die Staatsoper Unter den Linden, um die es hier geht, trägt Ballast, eine nicht unerhebliche Bau- und Ereignisgeschichte. Zur Wiedereröffnung nach umfangreicher Sanierung und technischer wie akustischer Ertüchtigung fallen all die Themen wieder ins Gewicht, die angesichts des ansprechenden Ergebnisses und der großen Eröffnung fast in Vergessenheit geraten: Der Streit um Erhalt oder Zerstörung der Paulick’schen Neorokokointerpretation des Zuschauersaals von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, der sich am Gewinnerentwurf des ausgeschriebenen Architekturwettbewerbs (Klaus Roth Architekten) entfachte. Dieser hatte eine Neugestaltung des Saals vorgeschlagen, um damit drängende Akustik- und Sichtprobleme zu lösen. Da gab es die Querelen um die Unterschutzstellung des gesamten Gebäudes mitsamt den Hinzufügungen aus DDR-Zeiten und die Ausrichtung eines zweiten Architekturwettbewerbs, diesmal als öffentliches Vergabeverfahren mit Betonung auf Denkmalschutz deklariert. Dieses bescherte der Oper HG Merz als Architekten, der den Saal erhalten und die Akustik durch Vergrößerung des Saalvolumens verbessert hat. Es gab Probleme mit dem Baugrund, archäologische Funde, Bauzeitüberschreitung von vier auf sieben lange Jahre, Überziehen des Baubudgets von zunächst 200 Millionen auf mehr als 400 Millionen Euro. Einen vom Berliner Abgeordnetenhaus eingesetzten Untersuchungsausschuss, der nach eineinhalb-jähriger Arbeit einen 211-seitigen Abschlussbericht vorlegte, der die Schuld vor allem im Baugrund fand. Angehängt 417 Seiten abweichende Meinungen der Ausschussmitglieder der Fraktionen von Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke und Piratenpartei, die weiterreichende Mängel aufzeigen und versuchen, Schuldige für dieses Planungs- und Baudesaster auszumachen.
HG Merz, ein ausgewiesener Fachmann in Sachen behutsamer Sanierung, wie die benachbarte Nationalgalerie, das Staatsratsgebäude, die Staatsbibliothek und auch der etwas entferntere Umlauftank Ludwig Leos beweisen, ist zum kleinen Spaziergang über die in den letzten Zügen liegende Baustelle gekommen, die Pfeife in der Tasche des Übergangsmantels. Das Wetter zeigt sich versöhnlich, am Tag nach unserer Visite ziehen Zehntausende zur „Staatsoper für alle“ auf den Bebelplatz nebenan und erfreuen sich an Beethovens 9. Symphonie und am neuen Zartrosa der Fassade.
Der Apollosaal ist wieder golden, marmorn und hell, die Wandbespannungen der Umgänge sitzen in frisch restaurierten Holzpaneelen unter Blattgoldornamenten, die „Konditorei“ präsentiert sich dunkler, gediegener als zuvor. Doch es ging bei der Sanierung vor allem um die Akustik, die mit einem Nachhall von 1,1 Sekunden eher einem Sprechtheater als einer Oper entsprach. So begeben wir uns unmittelbar in den Saal, in eine der beiden Proszeniumslogen, aus denen man zwar nur eine eingeschränkte Sicht auf die Bühne hat, die Veränderungen im Saal jedoch hervorragend begutachten kann. Die Möglichkeit, durch Reduzierung der Plätze zu mehr Nachhall zu gelangen, hat der Architekt aus verständlichen Gründen nicht gewählt, er schlug einen anderen Weg vor, der dem Saal nicht nur auf den ersten Blick gut getan hat. Er ließ die Decke herausschneiden und hängte sie etwa fünf Meter höher in den neuen Dachstuhl, der die denkmalgeschützte Kubatur des Zuschauerhauses achtet und den Raum für diese Volumenvergrößerung bereitstellt. Das Anheben der Decke hat dem dritten Rang nie dagewesene Kopffreiheit beschert. Dort, von unten gut zu sehen, öffnet sich die sogenannte Nachhallgalerie, die das Raumvolumen um etwa 40 Prozent vergrößert und dazu beiträgt, den gewünschten Wert von 1,6 Sekunden Nachhall zu erzielen. Ein guter Wert, aber 1,8 wie in Bayreuth wären noch besser gewesen, findet der Architekt. Die Wände der Nachhallgalerie sind mit zementgebundenen schweren Platten verkleidet, die den Schall nach seiner verlängerten Reise wieder in den Saal zurückwerfen. Den klaffenden Spalt schloss HG Merz mit der dreidimensionalen Version eines in der Decke vorkommenden Netzornaments. Die 26-teilige, im Cremeweiß der Wände gehaltene Konstruktion aus einem Keramikverbundmaterial verbindet den dritten Rang und die Decke und wurde von den Akustikern so berechnet, dass der Schall optimal hindurchströmen kann. Erinnerungen an die luftigen Gartenpavillons in Sanssouci kommen auf, auch wenn dort Farbe und Material ganz andere sind.
Den neuen Saal in seinen Proportionen zu erhalten, stellte die zweite architektonische Herausforderung für den Architekten dar. Die Pilaster der Proszeniumswand konnten nicht einfach länger werden, um die notwendige Höhe zu erlangen. HG Merz erhöhte die Piedestale, womit die Wandvorlagen nun knapp über den Logenbrüstungen beginnen und diese optisch mit dem ersten Rang verbinden. Die neue Höhe erlaubte es, das Bühnenportal auf acht Meter Höhe zu vergrößern, die darüber angebrachte Schabracke vermittelt zum umlaufenden Gebälk und der darüber liegenden ebenfalls erhöhten abschließenden Mauerfläche.
Die vielen technischen Einbauten fallen im Gesamtbild nicht ins Gewicht. Architekt und Ingenieuren gelang es, sie unauffällig in Wänden und Böden zu platzieren. Die Scheinwerfer ließ man schwarz fassen, um einen deut­lichen Kontrast von Architektur und Technik herzustellen. Das Faszinierende an dieser Aufgabe sei nicht der Saal gewesen, sagt HG Merz, sondern die Bühnentechnik. Die ist mit acht Hubpodien, 129 Zügen und selbstfahrenden Bühnenwagen, die vom Magazingebäude durch ein unterirdisches Verbindungsbauwerk die Bühne erreichen, absoluter Stand der Technik und katapultiert die Lindenoper auf diesem Gebiet weit ins 21. Jahrhundert. HG Merz musste die architektonischen Voraussetzungen dafür schaffen, was bei der nicht anzutastenden Gebäudekubatur eine knifflige Aufgabe darstellte. Zur Eröffnung sah man von den neuen Bühnenfeatures nur wenig. Intendanz und Bühnenmeister hatten sich darauf geeinigt, zu Beginn der neuen Spielzeit die Bühne noch nicht unter Volllast zu fahren.
Nach einwöchigem Präludium schließt das Haus wieder und gehört erst einmal den Handwerkern bis zum eigentlichen Eröffnungstermin am 7. Dezember, dem 275. „Geburtstag“ der Oper. Der Architekt hat eine Dauerkarte fürs Parkett rechts.
Fakten
Architekten HG Merz, Berlin; von Knobelsdorff, Georg Wenzeslaus (1699-1753)
aus Bauwelt 21.2017
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Bilder Wiedereröffnung Staatsoper Berlin

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