Ohne Programm kein Schinkel

Ende vergangenen Jahres hat der Haushaltsausschuss des Bundestages 62 Mil­lionen Euro für die Wiedererrichtung der Schinkelschen Bauakademie bewil­ligt. Ein vom Bundesbauministerium initiiertes und von der Bundesstiftung Baukultur moderiertes Dialogverfahren schickt sich nun an, ein tragfähiges Nutzungskon­zept zu finden. Der Zwischenstand nach zwei Runden offenbart eine komplexe Ge­mengelage

Text: Thein, Florian, Berlin

    Zuhörer des Ideenforums Bauakademie konnten in der Pause eigene Meinungen und Ideen auf Bierdeckeln mitteilen. Eine Auswahl
    Foto: Florian Thein

    Zuhörer des Ideenforums Bauakademie konnten in der Pause eigene Meinungen und Ideen auf Bierdeckeln mitteilen. Eine Auswahl

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Ohne Programm kein Schinkel

Ende vergangenen Jahres hat der Haushaltsausschuss des Bundestages 62 Mil­lionen Euro für die Wiedererrichtung der Schinkelschen Bauakademie bewil­ligt. Ein vom Bundesbauministerium initiiertes und von der Bundesstiftung Baukultur moderiertes Dialogverfahren schickt sich nun an, ein tragfähiges Nutzungskon­zept zu finden. Der Zwischenstand nach zwei Runden offenbart eine komplexe Ge­mengelage

Text: Thein, Florian, Berlin

Zumindest in einem Punkt scheinen sich alle Redner der beiden bisherigen Foren einig – gut, dass endlich etwas passiert, gut, dass der Status quo aufgebrochen und der Bund eingesprungen ist. Dem Geschenk wohnt jedoch die Bürde der Umsetzung inne und es stellt sich, frei nach Heinrich Hübsch, die Frage: „in welchem Style sollen wir bauen?“, diesmal ergänzt durch: „zu welchem Zwecke?“

Gefühlter Konsens

Wiederaufbauten sind stets Gegenstand zäher Debatten, die die Architektenschaft in der Regel in mindestens zwei Lager spalten und im Ergebnis selten zu erträglichen Lösungen führen. Im Falle der Bauakademie wähnt sich bisher offenbar jede Position im festen Glauben an die Umsetzung ihrer Ideologie. Für Bundesbauministerin Barbara Hendricks darf die Rekonstruktion „keine bloße Kopie des Originals werden“, was auch Staats­sekretär Florian Pronold bekräftigt und für die Haltung zudem einen breiten Konsens beansprucht. Als gesetzt sehen auch Hans Kollhoff und sein Kollege Paul Kahlfeldt vom Verein Internationale Bauakademie Berlin ihr Konzept, die Bauakademie aufzubauen, „wie sie gewesen ist“. Wolfgang Schoele vom Förderverein Bauakademie fordert eine Wiedererrichtung, die sich am Stand vor der Zerstörung 1945 orientiert, und Christian Müller von der Baukammer Berlin sieht zumindest den Wiederaufbau der Fassade als unstrittig. Oliver Elser, Florian Heilmeyer und Ulrich Müller, die sich über die Veröffentlichung von „Zehn Thesen zu einer Neuen Bauakademie“ in die Debatte einbringen, fordern, dass die Bauakademie kein „neopreußischer Fassadenzombie wie das Humboldtforum“ werden dürfe, und BDA-Präsident Heiner Farwick verweist auf das Wiener Memorandum der Unesco, nach dem „jede Form der pseudohistorischen Rekonstruktion zu vermeiden sei“.
Über dem, wie auch immer gearteten, „Wiederaufbau“ schwebt zudem die Frage nach dem Umgang mit bestehender Substanz. Landeskonservator Jörg Haspel merkt an, dass das Bodendenkmal in Form vorhandener Originalfundamente in den wichtigen Teilen erhalten und zugänglich gemacht werden müsse, und Angelika Thormann vom Bildungsverein Bautechnik bemerkt, dass die von Lehrlingen und Meistern 2001 ausgeführte Musterfassade „von klugen Architekten“ in den Neubau integriert werden könne.

Irgendwas mit Architektur

Die formulierten Vorstellungen über die entscheidende Frage des Inhalts der zukünftigen Bauakademie ähneln sich sehr, bleiben größtenteils dif­-fus und reichen selten über deutungsoffene Worthülsen hinaus. Den Wunsch nach einer „Denk- und Kreativfabrik“ äußern der Präsident der Stiftung preußischer Kulturbesitz Hermann Parzinger, Ministerin Hendricks und die TU Berlin. Allgemein geht es um Wissenschaft und Kunst, Forschung und Lehre, Theorie und Praxis, Architekturvermittlung und Forum, Handwerk und Bauwirtschaft, Ausstellung und Veranstaltung, alles gerne international ausgerichtet. Wie so etwas aussehen kann, zeigt Riklef Rambow in einer Präsentation verschiedener Architekturzentren weltweit, deren Initiatoren und Ausrichtung sich jedoch „sehr stark unterscheiden“ und somit wenig als Patentrezept taugen. Unterm Strich will man viel Raum für Architektur, dazu ein öffentliches Erdgeschoss zur Belebung und ein bisschen was zur Finanzierung. Dass die tatsächlich noch ungeklärte Finanzierung des Betriebs ein nicht zu vernachlässigender Faktor ist, macht Peter Ca­chola Schmal vom Deutschen Architekturmuseum mit der Offenlegung der jährlichen Ausgaben seines Hauses deutlich. Fehlendes Geld könnte, so Andreas Schulte, seit dreißig Jahren Berater in Immobilienfragen für die großen Banken, unter anderem eine Bauakademie als Museumsshop für preußische Devotionalien erwirtschaften („Touristen lieben Verkaufsmaschinen!“). Dem widerspricht der mit Museumserfahrung ausgestattete zukünftige Intendant der Volksbühne Chris Dercon – die Zeit der Museumsshops sei längst vorbei, das laufe heute alles über E-Commerce. Er fordert für die Bauakademie „Bescheidenheit und Exzellenz“, vor allem aber „Ohne Programm kein Gebäude!“
Um eine solide Grundlage für eben dieses Programm zu schaffen, halten verschiedene Seiten eine Verlangsamung des Verfahrens für nötig, einhergehend mit einer unabhängig bestimmten Gründungsindendanz, die den iterativen Planungsprozess begleitet. Das Bauministerium will da­gegen möglichst schnell voranschreiten und den Architekturwettbewerb schon Mitte des Jahres ausloben, womöglich auch um zugesagte Mittel
zu binden, bevor sich die politischen Vorzeichen wieder ändern könnten.
Zieht man den Verlauf gewichtiger Projekte der jüngeren Berliner Vergangenheit zum Vergleich heran, könnte die Prognose wie folgt lauten: Es wird alles länger dauern und teurer werden. Der Wettbewerb erfolgt zweistufig, die erste Runde offen, die zweite mit geladenen Büros und Gewinnern der ersten Runde. Kein ganz großer Name wird sich mit einem ge­mäßigten Konzept durchsetzen. Die Fassade wird originalgetreu rekonstruiert, im Inneren sorgt ein Stahlbetonskelett für die erforderlichen Spannweiten der noch offenen, vielfältigen Nutzung.
Doch noch besteht Hoffnung, dass die letzte Veranstaltung des Dialogforums am 3. Mai den gordischen Knoten zerschlägt und die neue Bau­akademie sich nicht in die lange Liste der Berliner Schildbürger-Projekte einreihen muss.
Fakten
Architekten Schinkel, Karl Friedrich (1781-1841)
Adresse Bauakademie Berlin


aus Bauwelt 8.2017
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