Im Ameisenhaufen

Großprojekte genießen in Deutschland keinen guten Ruf. Viele Menschen assoziieren mit ihnen Kostenexplosionen, Korruptionsaffären und endlose Terminverschiebungen. Zu Recht? Eine Auffüh­rung der Theatergruppe Rimini Protokoll will das verworrene Geflecht hinter den Großbauvorhaben offenlegen.

Text: Crone, Benedikt, Berlin

Im Ameisenhaufen

Großprojekte genießen in Deutschland keinen guten Ruf. Viele Menschen assoziieren mit ihnen Kostenexplosionen, Korruptionsaffären und endlose Terminverschiebungen. Zu Recht? Eine Auffüh­rung der Theatergruppe Rimini Protokoll will das verworrene Geflecht hinter den Großbauvorhaben offenlegen.

Text: Crone, Benedikt, Berlin

Das Hügelnest der Ameisengattung Formica ist ein beeindruckendes Bauwerk. Zusammengesetzt aus lokalem und organischem Baumaterial, das von fleißigen Arbeiterinnen selbstständig an die richtigen Stellen geschleppt wird, wachsen die Nester, besser bekannt als Ameisenhaufen, zu meterhohen Großstrukturen mit einem weitläufigen Gängesystem und einer wasserdichten Abdeckung. Um Pilzbefall vorzubeugen, pflügen die Ameisen die obersten Schichten alle ein bis zwei Wochen um. Selbst Erdbebensicher sollen die Nester sein, dank einer schon vor der Katastrophe eintretenden Alarmbereitschaft ihrer Bewohner. Für diese nachhaltige Behausung braucht es keine Architekten, keine Statiker, keine TGA-Planer, keine Bauleitung, keine EnEV und kein Baugesetzbuch. Es braucht auch keine renditeorientierten Bauherren, keine aufs Bau- und Vergaberecht spezialisierten Juristen und erst recht keine Architekturjournalisten. Dieser Rattenschwanz hängt nur am menschlichen Bauprojekt, dessen Entstehung selten so reibungslos abläuft und dessen Ergebnis selten so sehr mit der Umwelt harmoniert, wie es einem herkömmlichen Ameisenhau­fen gelingt.
An einem Märzabend im Berliner Haus der Kulturen der Welt schwärmt Reiner Pospischil, Experte für Schädlingsbekämpfung, von den Fähig­keiten dieser Insekten. Im Hintergrund zeichnen sich die Elemente einer menschlichen Baustellenlandschaft ab: Gerüst, Erdhügel, Baucontainer und helmtragende Arbeiter. Pospischils Ameisenvergleich bildet eine von acht Stationen in dem Theaterstück „Gesellschaftsmodell Großbaustelle (Staat 2)“ der Theatergruppe Rimini Protokoll, das im letzten Sommer seine Uraufführung im Düsseldorfer Schauspielhaus feierte. Wie für Rimini Protokoll üblich, spielen reale Personen der Branche sich selbst und sprechen offen über ihre Arbeit. Darunter der ehemalige Brandschutzplaner des Berliner Flughafens BER, Alfredo di Mauro, und der Hamburger Stadtforscher Dieter Läpple. Die Inszenierung soll, wie drei weitere Inszenierungen („Top Secret International“, „Träumende Kollektive“ und „Weltzustand Davos“), die Machstrukturen des heutigen Staatswesens offenlegen und durch interaktive Momente begreifbar machen.
Aufgeteilt in acht Gruppen laufen die Zuschauer alle Stationen ab und schlüpfen in verschiedene Rollen der am Großprojekt beteiligten Personen – vom illegal arbeitenden Fliesenleger über eine Investorin bis zum Juristen, der an ewigen Rechtsstreitereien unter Bauakteuren verdient. Unterhaltsam und beeindruckend ist vor allem die geschickte Choreografie, in der die Gruppen durch das Stück geschleust werden, sich dabei kreuzen und gegenseitig beobachten. Während Reiner Pospischil die Selbstlosigkeit derAmeisen lobt und die Egozentrik der Menschen tadelt, balgt sich im Hintergrund eine Zuschauergruppe um eine Schubkarre, um daraus Handschuhe zu ergattern, statt diese an die Mitmenschen fair und in Ruhe zu verteilen. Eine zeitliche Punktlandung, die wohl jeden Verantwortlichen einer Großbaustelle neidisch machen soll.

Ex-BER-Planer di Mauro verteidigt sich selbst

Was aber lässt sich inhaltlich aus dem Stück ziehen? Eine wesentliche Leistung der Aufführung ist der ständige Perspektivwechsel, der Verständnis für Investorenhandlungen und die Situation eines illegal tätigen Bauarbeiters schaffen kann. Ein Höhepunkt: der in einem Sandhaufen stecken­de Alfredo di Mauro, der seine Arbeit am BER in fast bedrückender Verzweiflung verteidigt und sich als Bauernopfer von Politik und Management sieht. Gerne würde man Fragen stellen, die Intimität der kleinen Theatergruppe ausnutzen, das Thema weiterdiskutieren, doch dafür ist in der strengen Choreografie wenig Zeit. In einem zentral im Theaterraum aufgestellten Baucontainer, in dem man unter Begleitung einer ehemaligen Investorin Spielgeld in vorgegebene Zukunftsprojekte stecken soll (die meisten Teilnehmer entscheiden sich für ein Berliner Wohnprojekt), ist eine kurze Debatte möglich: Der Brexit verunsichert den Markt, wie darauf reagieren? Ein Zuschauer rügt grundsätzlich die Auswahl der Projekte, keines davon sei vielversprechend. Eine Begründung lässt aber auf sich warten; ebenso eine Verteidung der Projektauswahl durch die Investorin. Anschließend regt der routiniert performende Planer Dieter Läpple die Zuschauer an, sich Ideen für die wachsenden Städte der Entwicklungsländer auszumalen, sich dabei aber nicht von den strahlenden Bildern einer technophilen Smart City blenden zu lassen. Der Erkenntnisgewinn bleibt bei wenigen Fakten und Schlagwörtern, über die es in der Kürze der Zeit auch schwer hinausgehen kann. Und so folgt man brav den Anweisungen der Redner, wandert von Station zu Station, lächelt den Nachbargruppen zu, bis man als Abschluss in einer gemeinsamen Tanz- und Bauperformance die Welt der Großbaustelle ad absurdum führt.
Mit einer Wertung oder einer klaren Botschaft hält sich das Stück zurück. Der Verlauf bleibt auf einer deskriptiven Ebene. Allein durch die zitierten Geschichten vom BER bis zum NRW-Landesarchiv in Duisburg bestätigt es jedoch die verbreitete Meinung, es gäbe kein Großprojekt ohne hohle Versprechungen, ohne Schwarzarbeit und ohne Klüngelei zwischen Politik und Wirtschaft. Bürgerbeteiligungen, Bottom-up-Bewegungen und neue Planungsprozesse spielen in der Aufführung dagegen keine Rolle. Die Theatergruppe gründet ihre Staats-Reihe auf der Annahme, die Demokratie stecke in der Krise. Sie fragt: Handeln die Repräsentanten, die politischen Akteure und Institutionen im Sinne des Gemeinwohls? Besteht der Staat in seiner neoliberalen Ausprägung nur noch aus Überbleibseln der Moderne? Die Fragen klingen rhetorisch – vor wie nach dem Stück. Doch ein Vergnügen ist das Schauspiel allemal.

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