Roland Ostertag

1931-2018

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

Voller Tatendrang: Roland Ostertag in seinem Stuttgarter Ausstellungsraum, 2016
Foto: Jan Reich

Voller Tatendrang: Roland Ostertag in seinem Stuttgarter Ausstellungsraum, 2016

Foto: Jan Reich


Roland Ostertag

1931-2018

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

TU Braunschweig: Der Lehrstuhl und das spätere Institut C für Gebäudelehre und Entwerfen von Roland Ostertag war im 6. Obergeschoss vom „Neuen Hochhaus“ an der Mühlenpfordtstraße. Wir Studenten strömten nach dem Vordiplom dorthin, um mit dem ersten Entwurf des Hauptstudiums zu beginnen. Wir lernten bei ihm das Entwerfen mit einem „Leitbild“, darauf insistierte Ostertag, und mit einer Fülle von Zitaten aus
der Baugeschichte, die er mit größter Akribie zusammengetragen hatte. Seine Leidenschaft galt vor allem den Architekten Skandinaviens mit viel Holz. Ostertag war immer extrem engagiert, schnell und von großer Ausdauer. Oft stand sein mattgelber RO 80 noch spät abends vor der Tür des Hochhauses, bis der letzte seine Entwurfskorrektur erhalten hatte. Seine Vorlesungen EMA (Entwicklung der Modernen Architektur) hatten Tempo, ein Feuerwerk der Dias, am besten alles abdeckend, begeisternd. Meist wurde uns danach ein knapper zusammenfassender „Vorlesungsumdruck“ ausgehändigt.
In besonderer Erinnerung bleiben die jährlichen Exkursionen, die Ostertag und die in der Vorbereitung arg beschäftigten Assistenten mit extrem dichtem Programm vollpackten. Dies gelang nur, da es den Busfahrer Herrn Hauser gab, der zum großen Gefallen des Professors in rasendem Tempo die Besuchstermine absolvierte. Ostertag war während der Reisen in den einfachen Unterkünften immer der Erste unter der Dusche und voller Tatendrang. Er machte mit seiner direkten und fordernden Art viele Besichtigungen möglich und wir Studenten konnten durch ihn unglaublich viel sehen und erkunden. Dass wir aber ziemlich rücksichtslos zu dreißig Studenten durch die Gärten der Tessiner Villen von Mario Botta stapften, die damals en vogue waren, fand ich gar keine gute Idee. Auch andere überfallartige Besuche sind mir in Erinnerung geblieben.
Später im Studium gab es die Freitage, die ich als Student in seinem Büro in Isernhagen bei Hannover arbeitete. Dort hatte er sich mit viel Holz sein großzügiges Wohnhaus und im Winkel dazu Büro- und Garagenhaus gebaut, dazwischen eine kleine Schwimmhalle, in dem er sicherlich auch sehr früh am Morgen drahtig seine Bahnen zog.
Meine Arbeit dort war wohl nicht so perfekt und schnell wie erhofft. Ich blieb nur drei Monate. Immerhin, das mitgezeichnete Rathaus in Bretzfeld bei Heilbronn wurde gebaut und sieht für die damalige Zeit ganz gut aus. Ostertag war ein leidenschaftlicher Pädagoge, ein sich in Entwurfs­themen vertiefender; die Architektur aus seinem Büro war etwas anderes. Bekannt wurde er viel früher mit dem Hochhaus vom Rathaus Kaiserslautern 1960, ganz in der Sprache der Zeit. Es folgten weitere Rathäuser und Schulen.
Von 1993 bis 1996 war Ostertag der Präsident der Bundesarchitektenkammer. Kurz darauf war auch mit der letzten Vorlesung in Braunschweig Schluss. Er entschied sich ganz nach Stuttgart zurückzukehren, seiner Heimatstadt, in der er bei Curt Siegel und Jürgen Joedicke Architektur studiert hatte.
Er engagierte sich fortan für das Bosch-Areal neben der Liederhalle (Bauwelt 9.2002). Nicht nur das, er tauchte in die Stadt ein, umtriebig und streitbar wie er war, mischte er sich ein und war auf dem Podium präsent, wenn Diskussionen anstanden zu Projekten in der Stadt wie den Erhalt des „Hotel Silber“ als Erinnerungsort der Stuttgarter Gestapo-Zentrale. Auch die Lusthausruine, der kunstvolle Treppenaufgang des Alten Lusthauses im Schlossgarten aus dem 16. Jahrhundert wurde dank seiner Initiative gerettet. Natürlich war er auch in erster Reihe ein vehementer Gegner vom Projekt „Stuttgart 21“. Ostertag wurde zu einem immer größeren Experte der Baugeschichte seiner Heimatstadt, die er begeisternd darstellen konnte.
Am 11. Mai ist Roland Ostertag mit 87 Jahren in Stuttgart verstorben.

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