Schöne Neuro-Welt

Benedikt Crone über das fragwürdige Planen und Bauen nach neurowissenschaftlichen Erkenntnissen

Text: Crone, Benedikt, Berlin


Schöne Neuro-Welt

Benedikt Crone über das fragwürdige Planen und Bauen nach neurowissenschaftlichen Erkenntnissen

Text: Crone, Benedikt, Berlin

Schlechte Nachrichten für Stadtbewohner: Sie hausen in einem Biotop für Zivilisationskrankheiten. Lärm, Dichte und Anonymität der Großstadt können zu Schlafstörungen, Depressionen bis hin zum Herzinfarkt führen, behaup­tet der Berliner Psychiater Mazda Adli in seinem kürzlich erschienenen Buch „Stress and the City“. Der Mediziner beruft sich unter anderem auf Studien, die bei Städtern einen erhöhten Ausstoß des Stresshormons Cortisol nachweisen. Falls Sie also dachten, Ihre schlaflosen Nächte hätten etwas mit Unsicherheit am Arbeitsplatz, Ihre getrübte Stimmung mit Schwierigkeiten im Privatleben oder Ihre Herzprobleme mit Bewegungsmangel zu tun – dann denken Sie offen­bar zu einfach. Der Ursprung des Übels versteckt sich (auch) in der Nachbarschaft.
Nun ist das Horrorbild des Molochs Stadt bekanntermaßen schon oft ein beliebtes Argument gewesen, der Stadt das Städtische auszutreiben. Bereits um 1900 meinte man bei Stadtbewohnern eine starke Tendenz zur „Neurose“ festzustellen. Mazda Adli ist klug genug, nicht die Urbanisierung in Gänze zu verdammen. Im Sinne einer „Neurourbanistik“ will er nur die Stellschrauben ausfindig machen, die ein gesundes Leben in der Stadt ermöglichen könnten – unterstützt von Forschern, Soziologen und Architekten wie Jürgen Mayer H.
Ein nobles Vorhaben, kein Zweifel. Allerdings führt es zu der Frage, was Stadtplanung, Architektur und verwandte Disziplinen bisher denn anderes versucht haben, als eine lebenswerte Umwelt zu schaffen? Wirklich neu an dem Ansatz scheint das „Neuro“ vor der „urbanistik“. Das jedoch weckt das ungute Gefühl, eine sich noch in Kinderschuhen befindliche Wissenschaft solle unanfechtbare Messwerte liefern, ob ein Bau als gelungen und gesundheitsfördernd gelten kann. In überspitzter Konsequenz hieße das: Wir werden in Zukunft nur noch in Gebäuden und Quartieren leben dürfen, bei denen weder unsere Neuronen tanzen noch unsere Herzen höherschlagen – welch beunruhigend einschläfernde Aussichten.
Hoffnungsvoll stimmt da der Begriffswandel der „Neurose“, von der sich die Forschung distanzierte. Und auch Woody Allen konnte mit seinem Stadtneurotiker belegen: Ein bisschen Großstadtgedränge kann auch eine unterhaltsame, positive Wirkung entfalten.

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