Technikseliger Optimismus

Ein Stadtpalais, ein hochkarätig besetztes Symposium: In Madrid hat im Sommer der Stiftungssitz der Norman Foster Foundation eröffnet

Text: Schulz, Bernhard, Berlin

    Blick in eines der vielen Skizzenbücher von Norman Foster, die im Archiv der Stiftung verwahrt werden
    Abb.: Courtesy Norman Foster Foundation

    Blick in eines der vielen Skizzenbücher von Norman Foster, die im Archiv der Stiftung verwahrt werden

    Abb.: Courtesy Norman Foster Foundation

    Der Hochhaus-Raum im neuen Stiftungssitz der Norman Foster Foundation in Madrid
    Abb.: Luis Asin/Norman Foster Foundation

    Der Hochhaus-Raum im neuen Stiftungssitz der Norman Foster Foundation in Madrid

    Abb.: Luis Asin/Norman Foster Foundation

Technikseliger Optimismus

Ein Stadtpalais, ein hochkarätig besetztes Symposium: In Madrid hat im Sommer der Stiftungssitz der Norman Foster Foundation eröffnet

Text: Schulz, Bernhard, Berlin

Was in Paris ein hôtel particulier ist, findet sich in Madrid als palacete: ein Stadtpalais für Menschen, die andernorts ihren wahren Wohnsitz haben. So trifft es sich, dass die Norman Foster Foundation, die sich seit der Verleihung des Pritzker-Preises 1999 an Norman Foster allmählich entwickelt hat, nun in dem 1902 für den Herzog von Plasencia erbauten Stadthaus im Botschaftsviertel von Madrid ihr erstmals sichtbares Quartier aufgeschlagen hat. Der Prinzipal hat seinen Hauptwohnsitz bekanntlich vor Jahren von London in die Schweiz verlegt, was für einen Weltbürger wie den zum Lord mit dem Titel „Baron Foster of Thames Bank“ erhobenen Architekten die angemessene Adresse bildet.
Foster, geboren 1935 in der Industriemetropole Manchester, ist mit nunmehr 82 Jahren in dem Alter, wo man gerne Rückschau hält auf das Erreichte. Das Erreichte, das sind die unzähligen Entwürfe, die der Architekt nicht nur der Baukunst, sondern allgemein der Gestaltungsdisziplin hinterlassen hat, manche Projekt geblieben, das meiste allerdings ausgeführt. In den wohnlich geschnittenen Räumen der beiden Hauptgeschosse der Foundation sind darum, thematisch geordnet, Modelle aller Art und Größe, vom Detail bis zum ganzen Quartiersmodell, ausgestellt. Die Ikonen sind allesamt vorhanden, vom Sainsbury Centre for the Visual Arts über den Flughafen Stansted oder die Autobahnbrücke in Südfrankreich, die Bankentürme in Hongkong und Frankfurt bis zur Londoner „Gurke“, pardon, „Gherkin“, und natürlich der Berliner Reichstag; im Treppenhaus kamen Modelle der Flughäfen von Hongkong und Peking unter.
Weil auch dieser Platz nicht reichte, hat Foster dem angenehm proportionierten Eckhaus einen gläsernen Pavillon an die Seite gestellt, in dem einige exquisite Sammelobjekte Bewunderung heischen, wie beispielsweise das Automobil, das sich Le Corbusier mit einem Motor der Flugzeugfirma „Voisin“ selbst designt hat, klar, kantig und nunmehr vom stolzen Sammler in einer Weise restauriert, dass der Ursprungszustand dagegen eher nur gewöhnlich gewirkt haben kann. Der wahre Schatz jedoch verbirgt sich im klimatisierten Keller des Hauses, wo fleißige Mitarbeiter bis zum Ende dieses Jahres damit beschäftigt sind, viele tausend Skizzenbücher, Entwurfsblätter und Modelle zu rund 150.000 Datensätzen zu digitalisieren – und die originalen Vorlagen sachgerecht aufzubewahren, die Fotografien beispielsweise in einer eigenen Kühlkammer.
Das ist alles so makellos arrangiert, dass man nach ausführlicher Besichtigung der Räume leicht depressiv werden kann ob der eigenen Unzulänglichkeit, und man fragt sich, von welch stabiler Konstitution und unverwüstlichem Optimismus die Mitarbeiter beseelt sein müssen. Optimismus – das ist ein Schlüsselwort zum Verständnis Fosters. Auf dem Forum mit dem bezeichnenden Titel „Future is Now“, das Foster von der Stiftung zur Eröffnung ihres Gebäudes am 1. Juni, an seinem eigenen 82. Geburtstag, in Madrid ausrichten ließ, war es durchweg optimistisch zugegangen.
Hochkarätige Referenten und Diskutanten sprachen über die drei Themenkomplexe „Städte“, „Technologie und Design“ und „Infrastruktur“. Es geht Foster, wie er in seinem Eröffnungsvortrag sagte, um ein „ganzheitliches Denken“.
Fokussiert ist er auf die Stadt als den Motor von Wachstum und Wohlstand, und die als dramatisch beschriebene Zunahme der Urbanisierung sieht er als Chance und Aufgabe. So schlägt Foster die Nahversorgung aus dem Umland vor, angetrieben mit aus Kläranlagen gewonnenem Dünger. Das Auto – einst Fortschritt, heute Feind – will Foster gänzlich überflüssig machen, mit öffentlichem Nahverkehr und autonomen Fahrzeugen. Und schnell war er dann bei den „drei Weltproblemen“, dem Klimawandel, dem weiterhin möglichen Atomkrieg und der Vernichtung von Arbeitsplätzen durch neue Technologien.
Mit letzterem nahm Foster die einzige Kontroverse vorweg, die auf diesem ansonsten technikseligen Forum ausbrach. Der Historiker Niall Ferguson war es, der den „Gegenschlag“ an die Wand malte, „sobald die Europäer merken, dass die Technik ihnen das Werkzeug aus der Hand nimmt“. Hatte nicht Foster schon vor „sechs Millionen arbeitslosen Lastwagenfahrern in den USA“ gewarnt? Ferguson, der in seinen Büchern in schöner Regelmäßigkeit Geschichte gegen den Strich bürstet, entzog dem Vernunftglauben den Boden, als er bei den solchermaßen bedrohten Massen das „Recht auf Dummheit“ geltend machte und zugleich darauf hinwies, dass „brillante Erfindungen missbraucht werden“ können und zu „unerwünschten Konsequenzen“ führen – siehe die Atombombe.
Schwer hatte es da der zunächst so selbstsichere Nicholas Negroponte, der Mitbegründer des legendären Media Lab an der Technologie-Universität MIT, seinen Fortschrittsglauben – „in Zukunft werden Bauten wie aus einem Samen wachsen, statt aus Einzelteilen zusammengefügt zu werden“ – aufrechtzuerhalten.
Den besten Auftritt legte der Milliardär und langjährige Bürgermeister von New York Michael Bloomberg hin. Auch er betonte die Bedeutung des öffentlichen Verkehrs in der Stadt, setzte zudem mit einem Plädoyer für Kultureinrichtungen eins drauf – alles unter der Perspektive, hochqualifizierte Jobsucher ebenso wie frisches Kapital in die Stadt zu locken. Ihm und seiner ehemaligen Verkehrsstadträtin Janette Sadik-Khan genügten New Yorker Beispiele wie das Aufmalen von Fahrradspuren und die Einrichtung von Caféterrassen, um den Wandel durch kleine und kostengünstige Ad-hoc-Lösungen plastisch zu machen.
Leicht hatte es da Alejando Aravena, der chilenische Darling der Architekturszene seit der von ihm geleiteten, letztjährigen Biennale in Venedig, die nahe Zukunft der Städte zugleich dramatisch wie hoffnungsfroh zu zeichnen. Bis 2050 müsse jede Woche eine Stadt von einer Million Einwohner gebaut werden, um den weltweiten Zuzug in die Städte zu bewältigen, führte er aus. Zugleich hatte er die kolumbianischen Seilbahnen im Angebot, die den benachteiligten Favela-Bewohnern mit einem Mal Zugang zu innerstädtischen Arbeitsplätzen ermöglichen. Das kurz angerissene Stichwort „bezahlbares Wohnen“ ging allerdings in der allzu strikten Tagungsregie verloren – ­dazu hätten die das Forum dominierenden Sprecher aus New York und London einiges aus ihren Heimatstädten zu sagen gehabt, nur eben nichts Erbauliches.
So kam am Schluss die Rede auf das „Droneport“, die einfach und kostengünstig und selbst im tiefsten Urwald baubare Landestation für selbstfliegende Drohnen, die beispielsweise Medikamente in unterversorgte Gegenden transportieren können. In Venedig hatte Foster ein dünnwandiges Modell aufmauern lassen, über ganz leichtem Lehrgerüst, und diese elliptisch gekrümmte Schale mit offenen Flanken steht seither im hintersten Arsenale. In naher Zukunft soll sie so etwas wie einen sozialen Treffpunkt in abgelegenen Ortschaften bilden, deren ­Verbindung zur Außenwelt – ganz im Sinne des Tagungsmottos „Zukunft ist jetzt“.

Norman Foster Foundation
www.normanfosterfoundation.org
Besuch der Stiftung nach Vereinbarung:
Fakten
Architekten Norman Foster
Adresse Monte Esquinza, 48, 28010 Madrid


aus Bauwelt 21.2017
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