Utopien der Vergangenheit

Im Silicon Valley gibt man sich linksliberal, umweltfreundlich und visionär, doch auf Architektur und Städtebau färbt diese Haltung wenig ab. Die Neubauten der IT-Unternehmen sehen aus wie Raumschiffe – und funktionieren wie Gated Communities.

Text: Welter, Volker, Santa Barbara (US)

    Kreisrund und abgehoben: In den 70ern entwarfen NASA-Ingenieure mit Studierenden ein neues Habitat für die Menschheit im Weltraum. Die Raumstation bestand aus drei Baukörpern: der Bernal-Sphäre, dem ­Zylinder und dem „Stanford Torus“ (im Bild) für bis zu 140.000 Menschen, der auch Norman Foster gefallen haben dürfte
    Abb.: NASA Ames, Research Center, Don Davis, Rick Guidice

    Kreisrund und abgehoben: In den 70ern entwarfen NASA-Ingenieure mit Studierenden ein neues Habitat für die Menschheit im Weltraum. Die Raumstation bestand aus drei Baukörpern: der Bernal-Sphäre, dem ­Zylinder und dem „Stanford Torus“ (im Bild) für bis zu 140.000 Menschen, der auch Norman Foster gefallen haben dürfte

    Abb.: NASA Ames, Research Center, Don Davis, Rick Guidice

    Die liebliche Landschaft der San Francisco Bay wurde mitsamt der Golden Gate Bridge ins Innere der „Zylinders“ verlagert, in dem eine Millionen Menschen wohnen sollte.
    Abb.: NASA Ames, Research Center, Don Davis, Rick Guidice

    Die liebliche Landschaft der San Francisco Bay wurde mitsamt der Golden Gate Bridge ins Innere der „Zylinders“ verlagert, in dem eine Millionen Menschen wohnen sollte.

    Abb.: NASA Ames, Research Center, Don Davis, Rick Guidice

    Eine Ansicht des „Standford Torus“. Im Inneren der kreisförmigen Mega­struktur ging künstlich die Sonne auf und wieder unter.
    Abb.: NASA Ames, Research Center, Don Davis, Rick Guidice

    Eine Ansicht des „Standford Torus“. Im Inneren der kreisförmigen Mega­struktur ging künstlich die Sonne auf und wieder unter.

    Abb.: NASA Ames, Research Center, Don Davis, Rick Guidice

Utopien der Vergangenheit

Im Silicon Valley gibt man sich linksliberal, umweltfreundlich und visionär, doch auf Architektur und Städtebau färbt diese Haltung wenig ab. Die Neubauten der IT-Unternehmen sehen aus wie Raumschiffe – und funktionieren wie Gated Communities.

Text: Welter, Volker, Santa Barbara (US)

Anfang Herbst rief Apple seine Anhänger im kalifornischen Cupertino zur alljährlichen Produktpalettenschau zusammen, auf der dieses Mal auch der „Apple Park 2“ vorgestellt wurde, der neue campusartige Firmensitz von Foster + Partners. Im Zentrum der parkartigen Anlage befindet sich ein ringförmiges Hauptgebäude, das inoffiziell „Raumschiff“ genannt wird. Die Veranstaltung fand in einem unterirdischen Saal statt, dessen Plat­zierung im südlichsten Zipfel des Grundstücks von einem runden Ganzglastempel – dem oberirdischen Foyer – markiert wird. Der Name des Saals („Steve-Jobs-Theater“) und die perfekt gestylte Architektur des Glassolitärs erinnern an den legendären Mitbegründer von Apple. So wie die jeweils neuesten Apple-Produkte Begeisterung unter Anhängern des guten Geschmacks auslösen, gefiel auch Apples architektonischer Groß­auftritt. Architekten und Kritiker hoffen, dass mit dem Apple-Park das Silicon Valley endlich eine der Bedeutung seiner Produkte entsprechen­de Architektur gefunden hat.
Alte und neue Industrie zwischen Highways
Das Silicon Valley ist mehr oder weniger identisch mit dem Santa Clara Valley, dem Tal, welches einst das landwirtschaftliche Herz des gleich­namigen Landkreises war, der am südlichen Ende der Bucht von San Francisco liegt. Von dort erstreckt sich das Silicon Valley beidseitig der Bucht, westlich mittlerweile bis an die südlichen Vororte von San Francisco und östlich bis in den Landkreis Alameda. Der Begriff „Silicon Valley” ist seit Jahrzehnten aber auch ein Synonym für ­digitale Technologien, Prozesse und Produkte. Für viele Kalifornier symbolisiert er darüber hinaus den nie endenden Traum, am Pazifischen Ozean endlich jenen utopischen Garten Eden wieder zu errichten, den die Menschheit schon lange verloren hat. Architektur und Städtebau des ­Silicon Valleys sind aber eine herbe Enttäuschung. Augenscheinlich ist ihnen bisher die (mit den Worten des Ökonomen Joseph Schumpeters) „schöpferische Zerstörung“ vorenthalten worden, die das Silicon Valley bereits in anderen Bereichen der modernen Gesellschaft angerichtet hat.
Auf einer Fahrt Mitte August ins Silicon Valley war von den Bauten des Apple-Parks nicht viel zu sehen. Abgesehen davon, dass Apple den Zugang zum Hauptquartier streng kontrolliert, sind dessen Unsichtbarkeit und Unnahbarkeit gewollte Charakteristika eines Entwurfs, der gebaute und natürliche Umwelt in einer beispielhaften Synthese vereinen will – ein Versuch, der allerdings nicht überzeugt. Der Entwurf mag dem Selbstverständnis Kaliforniens schmeicheln, das gerne für sich in Anspruch nimmt, Architektur dank des ganzjährigen milden Klimas zugunsten der Natur entmaterialisieren zu können, erweist sich aber als eine nostalgische Geste, die mehr über die Utopien aus der Vergangenheit des Silicon Valleys aussagt als über dessen Zukunft.
Ins Silicon Valley im Norden Kaliforniens gelangt man entweder am Meer entlang über den Highway 101 oder im Landesinneren über die Interstate 5. Die beiden Routen führen durch sehr verschiedene Landschaften, die auf divergierenden Ökonomien beruhen und auf politisch-kulturelle Unterschiede zwischen dem neuen und dem alten Kalifornien hinweisen. Nimmt man die Küstenroute, vermitteln Weinberge, Felder und karge Hügel, die nördlich der Missionsstädte Santa Barbara und San Luis Obispo dem Horizont romantisch entgegenrollen, den Eindruck eines vermeintlich mit der Natur harmonierenden Kaliforniens. Doch die Idylle täuscht, denn Bauernhöfe, Koppeln und Scheunen wechseln sich ab mit Militäranlagen und Ölpumpen. Das meditative Auf und Nieder dieser mechanischen Kraniche der Ölindustrie erzählt von einer Epoche, die Kalifornier gerne als ferne Vergangenheit betrachten, ungeachtet der Tatsache, dass weder Kalifornien noch das Silicon Valley bis heute ohne Öl überleben können.
Die 101 verbindet die dichtbesiedelte Küstenregion, die sich von San ­Diego im Süden über Los Angeles, den Millionärsenklaven von Malibu und Santa Barbara bis nördlich von San Franzisco erstreckt und das Silicon Valley umfasst. Hier gibt man sich gerne linksliberal, sozialistisch (was auch immer in den USA darunter verstanden wird), urban, kosmopolitisch, einwanderungs- und umweltfreundlich, zukunftsorientiert, visionär, ­utopisch; ein Konglomerat von Ansichten, das trotz aller offensichtlichen Widersprüche eine dogmatische Einheitlichkeit an Überzeugungen hervorbringt. Libertäre oder gar anarchistische Denkweisen, wie sie unter frühen Pionieren des Computerzeitalters häufig waren, sind mittlerweile eher selten und werden nur ungern toleriert.
Beidseitig der Interstate 5 ist alles größer. Der Horizont ist nahezu ­un­sichtbar, die Felder rechts und links der Straße wirken weiter, flacher, staubiger. Die Verteilungslager zur Versorgung der urbanen Küstenregion, die euphemistisch „Industrieparks“ genannt werden, sind gigantisch. Ikea, als ein Beispiel von vielen, belegt eine 165.000 Quadratmeter große Kiste. Die Schnellstraße führt durch den westlichen Teil des Landesinneren, das zu einem großen Teil mit dem Central Valley, Kaliforniens Kornkammer, identisch ist. Dieser Ausdruck ist so altmodisch wie die Farmindustrie, die sich das Central Valley mit der in der Nähe von Bakersfield gelegenen Ölindustrie teilt. Ökonomisch sind beide Industrien immer noch bedeutsam, sie wer­den aber dennoch abfällig betrachtet, unter anderem auch deshalb, weil das Landesinnere hartnäckig für die Republikaner stimmt, statt sich der wohlwollenden Supermehrheit, mit der die Demokraten den Bundesstaat seit der letzten Wahl regieren, anzuschließen, oder besser: zu unterwerfen.
Das alte und das neue Kalifornien unterscheiden sich auch architek­to­nisch. Angesichts der Größe des Landesinneren mag man heutzutage zwar glauben, ohne ein GPS-System den Weg nicht mehr zu finden. Doch wenn man sich umschaut, erhält man einen recht guten Eindruck davon, wie das Land genutzt wird. Im alten Kalifornien sehen Ölfel­der wie Ölfelder, Farmland wie Farmland, und Gehöfte, Dörfer und Städte eben wie Gehöfte, Dörfer und Städte aus. Im neuen Kalifornien des Silicon Valley führt einen das GPS Sys­tem zwar punktgenau ans Ziel, doch wenn man dann einmal vom Bildschirm aufschaut, ist man einfach nur woanders: zwischen sich end­los wiederholenden Vororten, Büroparks, Parkplätzen (vielen Parkplätzen!), Einkaufszentren, Sportarenen, Industrieparks, Autobahnen, Brücken, Spaghettikreuzungen, Parks, Seen und Naturschutzgebieten. Von eingesprenkelten älteren Städten wie San José oder Palo Alto abgesehen überzieht dieser Flickenteppich das Silicon Valley beinahe lückenlos.
Diese künstliche Landschaft ist attraktiv, solange man eine gutbezahlte Arbeit oder einfach nur Geld hat; dann ist das Leben bequem und vor al­lem vorhersehbar. Insofern entsprechen sich die Gesellschaft, die digitalen ­Industrien und die gebaute Umwelt des Silicon Valley. Vorhersehbarkeit ermöglicht Menschen unterschiedlichster Herkunft ein unkompliziertes Zusammenleben und befähigt die digitalen Industrien, deren Sehnsüchte in standardisierte Zahlenreihen zu übersetzen und der Informationstechnologie zugänglich zu machen. Für Architektur und Städtebau bedeutet Vorhersehbarkeit, sich in das übliche Einerlei einzufügen.
Die Zusammenarbeit zwischen Foster + Partners und Apple begann 2009, als Steve Jobs Norman Foster um einen Entwurf bat, der die räumlich verteilten Angestellten am Firmensitz in Cupertino zusammenbringen und dem Selbstimage gemäß ein Designbeispiel setzen sollte. Mit einem Durchmesser von etwas über 460 Meter ist der Neubau zwar groß, sogar sehr groß, aber dennoch fast komplett hinter einem hohen, bepflanzten Erdwall verborgen, der nur gelegentlich Blicke auf die perfekte Glasfassade erlaubt. Die militärisch-mittelalterlich anmutende Abschottung des Bauwerks krempelt jahrzehntealte städtebauliche Traditionen um, ­denen zufolge Einkaufszentren oder Bürogebäude weithin sichtbar inmitten großer, manchmal begrünter Parkplätze platziert wurden. Un­geachtet aller Versuche des Silicon Valleys, uns allen ein immer vernetzteres und somit von spezifischen Orten und Räumen losgelöstes Leben zu verordnen, markiert Apple Park aufs deutlichste seinen Ort, wenngleich um den Preis ei­ner räumlichen Isolierung von der Umgebung.
Der Erdwall kommt Apples Sicher­heitsbedürfnis entgegen und die Nachbarn werden aus ihren Einfamilienhäusern auch lieber auf ­eine grüne Wand als auf Glaswände schauen. Der Bau setzt somit einen neuen vi­suellen Standard für die städtebauliche Platzierung großer Bürogebäude, doch sind andere Aspekte, zum Beispiel die verkehrstechnische Anbindung, erstaunlich konventionell angegangen worden. Ungeachtet ­aller Versuche Kaliforniens, über hohe und immer weiter steigende KFZ- und Benzinsteuern den Kaliforniern das Auto zwangsweise abzugewöhnen, bleibt Apple Park dem Kraftfahrzeug treu. Der Neubau bietet 9000 Stellplätze für 12000 Angestellte an, doch sind diese zu einem kleinen Teil in einer Tiefgarage unter dem Bau versteckt und zu einem weitaus größerenTeil in zwei langestreckte Parkhäuser abgeschoben worden, die an einer nur schwer einzusehenden Grundstücksgrenze entlang einer benachbarten Autobahn gebaut wurden.
Im Zentrum des runden Bauwerks wird Natur zelebriert; dort formt Fosters Entwurf eine Art Kreißsaal um einen Park, der – einem Philosophen­weg ähnlich – die Art von kreativer Eingebung gebären soll, die es Jobs und seinem Freund Steve Wozniak einst ermöglichte, die ersten Apple-Produkte zu ersinnen. Park und Erdwall sind durch die Ganzglas­fassaden immer im Zentrum des Blickes. Dass die technisch anspruchsvoll gekrümmten Glaswände eine neuartige Verbindung zwischen Architektur und Natur schaffen sollen, scheint der Mar­ketingsprache eines Unternehmenszu entspringen, dessen Erfolg darauf basiert, dass Umwelt und Weltgeschehen hauptsächlich durch Bildschirme wahrgenommen werden.
Schon die spanischen Kolonisatoren Kaliforniens bauten oft Häuser, in denen sich jeder Raum direkt nach außen, in die Natur öffnete, und in den Fünfziger Jahren demon­strierten die Architekten der „Case Study Houses“, wie Architektur und Natur gestalterisch eng verbunden werden können. Gerade an­gesichts dieser Tradition wirft der Apple-Park die Frage auf, welche Rolle Architektur im Silicon Valley gegenüber der Natur einnimmt.
Hier ist ein Vergleich mit Frank Gehrys Entwurf für Facebook aufschlussreich. Ursprünglich plante Gehry in Menlo Park einen Bau, dessen gebauschte Formen keinen Zweifel an seiner Autorenschaft ließen. Doch gerüchteweise bevorzugte Mark Zuckerberg ein Gebäude, das so un­auf­fällig daherkommt, wie sein zum Markenzeichen gewordenes graues T-Shirt. Nun versteckt sich der Firmensitz unter einem grünen Dach, das Betriebsgelände wird entsprechend als Campus bezeichnet – der Landschaftspark, in dem traditionellerweise amerikanische Universitäten angesiedelt sind – und als Beitrag zur ökologischen Erneuerung deklariert.
Der geplante Neubau für Alphabet (ehemals Google), den Bjarke Ingels und Thomas Heatherwick entworfen haben, geht noch einen Schritt weiter. Dort wird ein Glasdach Architektur und Gärten zu einer künstlichen Landschaft zusammenbringen, die am klarsten auf ein utopisches Modell verweist, auf das sich viele neue Firmensitze im Silicon Valley beziehen.
In den Siebziger Jahre ersannen NASA-Ingenieure und Studierende während einer Sommerakademie an der Stanford University in Palo Alto heroische Visionen künstlicher Landschaften, in denen die Menschheit in der Leere des Weltalls ihrer Zukunft entgegenrotierte, eingekapselt im sogenannten „Stanford Torus“ – einem ringförmigen Raumschiff. Die Perspektiven, die die Illustratoren Don Davis und Rick Guidice damals von der kommenden idealen Welt malten, und die Wirklichkeit der homogenen Umwelt des Silicon Valleys entsprechen sich mittlerweile, auch wenn wir Menschen unseren Erdplaneten noch immer nicht verlassen haben. Der banalen ­irdischen Version der einst erhofften außer­irdischen Zukunft fügte Foster mit dem Apple-Park das bisher fehlende kreisrunde Raumschiff hinzu; sicher verankert im erdbebenreichen Baugrund und ohne Hoffnung, je einmal abheben zu können. Vielleicht wird Apple Park 2 im Werk des mittlerweile über achtzig Jahre alten Architekturvisionärs eines Tages als eine sentimentale Geste verstanden werden. Zunächst jedoch signalisiert der Mammutbau, dass dem heutigen Silicon Valley und Kalifornien der Mut zu der Leichtigkeit abhandengekommen ist, die einst visionäre Höhenflüge ermöglichte.

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