Domberg in Freising

Entscheidungen von Preisgerichten sind nicht immer einsichtig. In diesem Fall aber ist das Urteil der Jury mit der Ausschreibung nur schwer in Einklang zu bringen.

Text: Stock, Wolfgang Jean, München

    1. Preis Den zu sanierenden Bestand verlängern gmp mit zwei Gebäudeflügeln, ...
    Abb.: Architekten

    1. Preis Den zu sanierenden Bestand verlängern gmp mit zwei Gebäudeflügeln, ...

    Abb.: Architekten

    ... zwischen denen sich eine große Halle spannt.
    Abb.: Architekten

    ... zwischen denen sich eine große Halle spannt.

    Abb.: Architekten

    Mit ihren fensterlosen Giebelseiten wirken sie wie vom Strangpressprofil abgeschnitten und in ihrer Länge beliebig.
    Abb.: Architekten

    Mit ihren fensterlosen Giebelseiten wirken sie wie vom Strangpressprofil abgeschnitten und in ihrer Länge beliebig.

    Abb.: Architekten

    3. Preis Knerer und Lang schaffen mit ihrem Ent­wurf eine Platzsituation, die Bezug nimmt auf das östlich des Altbaus vorhan­dene Belvedere.
    Abb.: Architekten

    3. Preis Knerer und Lang schaffen mit ihrem Ent­wurf eine Platzsituation, die Bezug nimmt auf das östlich des Altbaus vorhan­dene Belvedere.

    Abb.: Architekten

    Der exzen­trische First und das un­bewältigte Giebeldreieck wirken rätselhaft.
    Abb.: Architekten

    Der exzen­trische First und das un­bewältigte Giebeldreieck wirken rätselhaft.

    Abb.: Architekten

Domberg in Freising

Entscheidungen von Preisgerichten sind nicht immer einsichtig. In diesem Fall aber ist das Urteil der Jury mit der Ausschreibung nur schwer in Einklang zu bringen.

Text: Stock, Wolfgang Jean, München

Man muss schon selber auf dem Domberg von Freising gestanden haben, am besten auf dessen Belvedere, um ermessen zu können, was der Wettbewerb für das neue Kardinal-Döpfner-Haus verlangt. Der Domberg, der die Kreisstadt nordöstlich von München krönt, ist gleichsam die Akropolis des altbayerischen Katholizismus. Mehrere Epochen der Baukunst fügen sich hier zu einem Ensemble, das nur auf einem hohen Niveau weitergebaut werden darf. Eine kluge Entscheidung war es deshalb, im Jahr 2015 – schon damals nach einem Einladungswettbewerb – die Sanierung und Weiterentwicklung des Diözesanmuseums den Architekten Brückner & Brückner zu übertragen. Beim zweiten Wettbewerb ging es nun darum, das Kardinal-Döpfner-Haus (KDH) zu einem zeitgemäßen Bildungszentrum der Erzdiözese München und Freising umzubauen. Der Bestand umfasst sowohl einen denkmalgeschützten Gebäudeteil, die ehemalige fürstbischöfliche Residenz aus dem 14. bis 18. Jahrhundert, als auch einen Anbau aus den 1960er Jahren. Der historische Altbau soll generalsaniert, der schäbig wirkende Anbau durch einen Neubau ersetzt werden, mit Ausnahme eines kleinen Trakts, der die künstlerisch bedeutende Martinskapelle enthält. Im Neubau war, städtebaulich sehr beengt, ein umfangreiches Raumprogramm unterzubringen: rund 100 Gästezimmer, Flächen für Begnung und Kommunikation sowie Räume für Tagungen, Kurse und Seminare, die sich auch für kulturelle Veranstaltungen eignen. Es war der ausdrückliche Wunsch der Auslober, dass sich das KDH künftig offener präsentiert und dadurch neue Bezüge zu den Außenflächen entstehen. Gefordert war auch ein zusätzlicher Eingang auf der südwestlichen Seite, um eine Verbindung zwischen dem KDH und dem Diözesanmuseum zu schaffen.
Auf den ersten Blick hat das Preisgericht unter Vorsitz von Lutz Heese, Ehrenpräsident der Bayerischen Architektenkammer, eindeutig entschieden: Es vergab den 1. Preis an das Büro gmp international, Berlin, und jeweils einen 3. Preis an die Münchner Büros Knerer und Lang sowie Schmidt-Schicketanz und Partner. Wer aber die Begründungen studiert, wird rasch stutzig. Am Entwurf von gmp lobt sie sowohl die „stimmige“ Einfügung in den Kontext als auch die Gestaltung der Fassaden, im Hinblick auf die geforderte Offenheit des Hauses hebt sie die „großzügige Eingangshalle“ hervor. Dann aber folgt Kritik. Bemängelt werden nicht nur die Funktionalität, etwa in den Bereichen von Gastronomie und Seminarräumen, sondern auch der Brandschutz und Verstöße gegen denkmalpflegerische Belange. Die Liste mündet in den für einen 1. Preis erstaunlichen Satz: „Das Preisgericht erachtet die eingehende fachliche Überprüfung des Entwurfs unter Zuhilfenahme von Fachleuten (Brandschutz, Küchenplaner, Bauphysik, Denkmalschutz) sowie Vertretern des Bauherrn für unerlässlich, um die funktionale Qualität des Entwurfs der gestalterischen anzupassen.“
Das große Lob für die gestalterische Leistung lässt sich aber nicht nachvollziehen. Abgesehen von den unmotivierten gotisierenden Fenstern in den Seitenfassaden des Neubaus wirkt die Ausbildung des Baukörpers gegenüber dem Diözesanmuseum grobschlächtig: Flankiert von zwei stumpfen, weil fensterlosen Fassaden, ist die hohe Glaswand der Eingangshalle nicht nur überdimensioniert, sondern auch ohne Bezug zum Eingang des Museums – eine attraktive Platzsituation lässt sich so nicht herstellen. Eine weitaus bessere Lösung bietet hier der Entwurf von Knerer und Lang an. Durch die Gliederung des Neubaus in zwei Baukörper mit einer dazwischen liegenden Freitreppe antwortet er auf den Genius loci, auf die Maßstäblichkeit der Gebäude auf dem Domberg wie auf die reizvollen Außenbereiche mit Aussichtsterrassen.
Weshalb dieser Vorschlag lediglich einen 3. Preis erhielt (noch dazu gleichwertig mit einem konventionellen Entwurf), ist schlichtweg nicht zu verstehen. Umso weniger, als die Jury ja nicht mit Zustimmung geizte: „Der Entwurfsverfasser schafft mit seinem Vorschlag einen hervorragenden Beitrag zur Lösung dieser städtebaulich anspruchsvollen Aufgabe. Drei Gebäude liegen künftig an einem großzügig dimensionierten Stadtbalkon und entwickeln schön und gut proportionierte Außenräume. Dabei springt das Gästehaus nach Norden zurück und das Turmhaus bildet den räumlichen Abschluss und Übergang nach Westen zum Vorplatz des Museums. Die Seminarräume im Sockel nach Süden sind hervorragend platziert.“
Dieser Würdigung eines angenehm differenzierten, auch in den hellen Innenräumen überzeugenden Entwurfs muss nichts hinzugefügt werden. Wohl aber der vom Preisgericht geübten Kritik. Was ist an Fassaden aus Faserbeton zu bemängeln, wenn diese die Anmutung von Naturstein haben? Weshalb wird eine zu enge Stellung der Gebäude mit einer Minimierung des Sonneneinfalls behauptet, wenn die Pläne dies nicht bestätigen? Diese Liste ließe sich verlängern – und man fragt sich auch, weshalb die Entwürfe von renommierten Architekten wie Andreas Meck, Florian Nagler und Volker Staab bei diesem Wettbewerb so rasch ausgeschieden wurden. So erscheint das von Ernst & Young betreute Verfahren mitsamt seinem Ergebnis äußerst fragwürdig. Für den Bauherrn hat Generalvikar Peter Beer immerhin eingeräumt, dass der Sieger­entwurf „zunächst nur eine Richtung vorgebe“. Noch ist also Zeit, nach einer besseren Lösung auf dem Domberg zu verlangen.
Nichtoffener Wettbewerb als Einladungswettbewerb
1. Preis gmp International, Berlin
3. Preis Knerer und Lang, München
3. Preis Schmidt-Schicketanz und Partner, München
Fakten
Architekten gmp International, Berlin; Knerer und Lang, München
aus Bauwelt 12.2017
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