Wien braucht das. Genau das.

Wien setze mit einem nichtssagenden Hochhaus den Welterbe-Status seines Zentrums aufs Spiel, so Reinhard Seiß in Bauwelt 12. Dietmar Steiner, ehemaliger Direktor des AzW, hält das für Unsinn.

Text: Steiner, Dietmar, Wien

    Die Baumasse der Hochhausscheibe wird um einen Turm ergänzt, der wichtige Sichtachsen dominiert
    Rendering: Nightnurse

    Die Baumasse der Hochhausscheibe wird um einen Turm ergänzt, der wichtige Sichtachsen dominiert

    Rendering: Nightnurse

    Das Hotel Intercontinental in seinem ursprünglichen Zustand
    Foto: Lucca Chmel/Bild­archiv der Österrei­chi­-schen Nationalbibliothek

    Das Hotel Intercontinental in seinem ursprünglichen Zustand

    Foto: Lucca Chmel/Bild­archiv der Österrei­chi­-schen Nationalbibliothek

    Blick auf den südöstlichen Abschnitt der Wiener Ringstraße mit dem Heumarkt-Areal samt geplanter Neubebauung
    Luftbild: Nightnurse

    Blick auf den südöstlichen Abschnitt der Wiener Ringstraße mit dem Heumarkt-Areal samt geplanter Neubebauung

    Luftbild: Nightnurse

    Historische Zeitungs-Darstellungen des „Olympion“ zeigen, dass der Freiraum der Eislauffläche auch frü­her schon eine besondere Stelle im Wiener Stadtge­füge gewesen ist.

    Historische Zeitungs-Darstellungen des „Olympion“ zeigen, dass der Freiraum der Eislauffläche auch frü­her schon eine besondere Stelle im Wiener Stadtge­füge gewesen ist.

    Vorher-Nachher-Bilder sollen den allseitigen Gewinn der Umgestaltung sichtbar machen; Schnittzeichnungen die Einfügung der Neubebauung in die Höhen­entwicklung der Wiener Innenstadt verdeutlichen.
    Heute/Morgen: Wertinvest

    Vorher-Nachher-Bilder sollen den allseitigen Gewinn der Umgestaltung sichtbar machen; Schnittzeichnungen die Einfügung der Neubebauung in die Höhen­entwicklung der Wiener Innenstadt verdeutlichen.

    Heute/Morgen: Wertinvest

    Heute/Morgen: Wertinvest

    Heute/Morgen: Wertinvest

    Heute/Morgen: Wertinvest

    Heute/Morgen: Wertinvest

Wien braucht das. Genau das.

Wien setze mit einem nichtssagenden Hochhaus den Welterbe-Status seines Zentrums aufs Spiel, so Reinhard Seiß in Bauwelt 12. Dietmar Steiner, ehemaliger Direktor des AzW, hält das für Unsinn.

Text: Steiner, Dietmar, Wien

Ja, ich habe mich über den Kommentar von Reinhard Seiß zum Wiener Heumarkt-Projekt in Bauwelt 12 geärgert. Warum er sich zu einer derartigen Vernichtung dieses wichtigen infrastrukturellen und städtebaulichen Projekts aufschwingt, ist für mich nicht nachvollziehbar. Schließlich erfährt man über das Projekt selbst und die Absichten der Stadtplanung eigentlich nichts.
Also was ist Sache? Das Areal des Wiener Eislaufvereins und des Hotels Intercontinental ist zweifellos ein Filetstück im Zentrum Wiens, aber auch ein Sanierungsfall. Das Hotel wurde 1962 als erstes großes Konferenz-Hotel als Bekenntnis der USA zu Wien im Kalten Krieg errichtet. Seine Scheibe, als signifikanter Abschluss des Stadtparks, ist ein städtebauliches Landmark. Südlich dem Hotel vorgelagert ist das Areal des Wiener Eislaufvereins, mit rund 6000 Quadratmetern einer der größten innerstädtischen Freiluft-Eislaufplätze weltweit und eine kulturpolitische Institution in Wien, vor 150 Jahren gegründet und seit 1901 am Standort. Den folgenden Abschluss bilden die historischen Gebäude des Wiener Konzerthauses und des Akademietheaters. Auf der Westseite des Areals wird die gegenüberliegende Bebauung der Gründerzeit von einer breiten, unglücklich gestalteten Straßenfläche abgetrennt, auf der anderen Seite grenzt eine geschlossene Bebauung des frühen 19. Jahrhunderts an. Das Areal selbst war nie ein Bestandteil der gründerzeitlichen Ringstraße, sondern eine Fläche „dazwischen“.
Das Hotel und die Infrastruktur des Eislaufvereins sind, heute für jeden ersichtlich, am Ende ihrer technischen Bestandsdauer angelangt. Seit den 1980er Jahren ist dieses Areal für eine Neugestaltung mit diversen Projekten in Diskussion. Der Angelpunkt war immer das Areal des Eislaufvereins, der einen Pachtvertrag bis zum Jahr 2058 hat. Seit vielen Jahren interessiert sich der Unternehmer Michael Tojner für dieses Areal und brachte es sukzessive in seinen Besitz. Dieser von Seiß als „Risikokapitalanleger“ verunglimpfte Investor ist in Wahrheit ein erfolgreicher Indus­trieller, der die Montana Tech Components AG führt, zu der unter anderem die Varta AG gehört. Neben seinen Industriebeteiligungen hat er auch die Immobilienfirma „Wertinvest“ aufgebaut. Das Portfolio dieser Firma zeichnet sich durchgehend durch hohe architektonische Qualität mit renommierten Architekten aus.
Seit 2011 hat die Wiener Stadtplanung nun im ständigen Dialog mit dem Investor eine umfassende Vorgehensweise zur Entwicklung des Areals und zum Abgleich der öffentlichen und pri­vaten Interessen entwickelt. Ein kooperatives Planungsverfahren mit der Crème de la Crème der Wiener Architekten und Professoren hat eine Vielzahl von Vorschlägen präsentiert. Ein überzeugender Entwurf war wahrlich nicht darunter. Ja, dieses Verfahren ist gescheitert. Dem folgte ein internationales Gutachterverfahren, das der renommierte brasilianische Architekt Isay Weinfeld mit einem ruhigen und urbanistisch passenden Entwurf, einer überzeugend diesen Ort prägenden städtebaulichen Komposition gewann. Die Scheibe des Hotels Intercontinental bleibt als bestimmende Figur, sitzt aber jetzt auf einem multifunktionalen Sockel, und ein Turm mit Wohnungen ergänzt das Ensemble. Dieser Turm sitzt stadträumlich an der richtigen Stelle, bildet so einen Prospekt aus wichtigen Sichtachsen der Umgebung. Das soll „stadtstrukturell belanglos“ (Seiß) sein?

Widmungsgewinne endlich Thema

Die folgenden Verhandlungen führten erstmals in Wien zu einem städtebaulichen Vertrag, wo­rin sich der Investor verpflichtet, die Infrastruktur des Eislaufvereins neu zu bauen und dessen Bestand langfristig zu sichern, eine zusätzliche Eishalle, einen Turnsaal für die umliegenden Schulen und die komplette Neugestaltung der angrenzenden Straße zu realisieren. Mit scharfen Strafgeldern und grundbuchlich gesichert, be­tragen diese Leistungen für die Öffentlichkeit rund 10 Prozent der Bausumme. Bei vergleich­baren Bauvorhaben in Basel – Messe-Turm, Roche-Turm – werden nur 2-3 Prozent der Bausumme für die Öffentlichkeit abgeführt.
Bisher gab es in Wien immer wieder Änderungen der Flächenwidmungs- und Bebauungsplä­ne für konkrete Bauvorhaben, selbst im sozialen Wohnbau. Warum? Weil diese Pläne abstrakte Baulinien vorgeben, die oftmals keine sinnvolle Architektur erlauben. Widmungsgewinne wurden jahrzehntelang nicht thematisiert. Erst die Stadtplanung unter der grünen Vizebürgermeis­terin Maria Vassilakou hat dafür städtebauliche Verträge durchgesetzt. Noch sind viele Fragen ungeklärt, aber ein Beginn zum Nutzen der Öffentlichkeit wurde jedenfalls nun erstmals gesetzt. Die Wiener Stadtplanung stellt sich der Herausforderung einer enorm wachsenden Stadt und muss jetzt sukzessive die passenden Instrumente dafür entwickeln.
So weit so gut. Zurück zu den Vorwürfen von Reinhard Seiß. Der Verkauf des Grundstücks des Eislaufvereins durch das Wiener Innenministerium erfolgte tatsächlich unter dubiosen Umständen. Ja, Michael Tojner und Wertinvest sahen hier nach Richard Sennets Definition ein „opportunity investment“ und haben sich strategisch das Eigentum des gesamten Areals gesichert – um die Potenziale dieses Orts für eine multifunktionale urbane Nutzung zu aktivieren.
Dann die Urabstimmung der Wiener Grünen über das Projekt. Von stimmberechtigten 1313 Mitgliedern haben 685 (52,17 Prozent) an der Befragung teilgenommen. Davon waren 678 Stimmen gültig. 348 haben mit Nein gestimmt, 330 mit Ja. 18 Stimmen mehr soll eine repräsentative Ablehnung sein? Die Wahrnehmung des freien Mandats bei der Abstimmung im Gemeinderat für die Mandatsträger der Grünen ist eine „massive Selbstbeschädigung ihrer demokratiepoli­tischen Werte“ – geht’s noch? Die Proteste der Künstler und Intellektuellen? Nachweislich hat ein Großteil unterschrieben, weil sie gegen die unterstellte Spekulation sind, ohne das Projekt und seine Rahmenbedingungen zu kennen. Von den Gegnern wurden Forderungen gestellt, die großteils bereits erfüllt waren. Die Demonstrationen dagegen? Nie mehr als ein Dutzend der seit Jahrzehnten stadtbekannten Gegner jeden Projekts war auf der Straße. Der Wiener Eislaufverein war nie in seiner Existenz bedroht? Aus eigener Kraft hätte er die Sanierung und Neugestaltung nie finanzieren können, sagt er selbst. Weiter: Der „Masterplan Glacis“ wurde schon vor dem Wettbewerb beauftragt. Das Hochhauskonzept von 2002 sollte schon längst überarbeitet werden, und Tradition in Wien ist darüber­hinaus, alle zehn Jahre ein neues Stadtentwicklungskonzept zu erarbeiten. Das Widmungsverfahren wurde in der Rekordzeit von einem halben Jahr abgewickelt? Hoppla, das Verfahren wurde im Jahr 2015 begonnen und endete im Juni 2017. Die „Strategische Umweltprüfung“ fiel nicht un­ter den Tisch, sondern fand statt. Einsprüche gegen die Widmung müssen nicht beantwortet werden, sondern dem Gemeinderat zur Kenntnis gebracht werden. Undsoweiter. Alles Polemik, die nur nervt.
Und die „denkbar knappe Mehrheit“ im Gemeinderat zur Bewilligung des Flächenwidmungs- und Bebauungsplans? Auch für das Wiener Museumsquartier stimmten damals nur die rote und die grüne Fraktion, die bürgerliche ÖVP und die rechtspopulistische FPÖ waren damals da­gegen. Das sind parteitaktische Spiele, sonst nichts.

Nullwert Weltkulturerbe

Demokratiepolitisch hat die Wiener Stadtplanung neue Wege beschritten. Sie hat, wie auch der Investor, alle Schritte der Entwicklung transparent und öffentlich kommuniziert. Sie hat in einem jahrelangen Verhandlungsverfahren einen Ausgleich der Interessen zwischen Öffentlichkeit und privater Investition gewährleistet. Sie geht diesen Weg bei anderen Projekten weiter. Das ist ein Fortschritt gegenüber einer neoliberalen Stadtplanung, die privaten In­teressen Tür und Tor geöffnet hat, wie die deutsche Wohnungswirtschaft. Schon gibt es die ersten „Niederlagen“, wenn, an einem anderen Ort, der Investor auf eine Hochhauswidmung verzichtet, weil er die Auflagen dafür nicht akzeptieren will.
Schließlich spricht Seiß auch allen Kollegen, die in die Entwicklung und Jurierung des Projekts involviert waren und sind, jede Qualifikation ab: Rudolf Scheuvens, Christoph Luchsinger, Markus Allmann, Kai-Uwe Bergmann, Guido Hager, Rainer Köberl, Wilfried Kühn, Regine Leibinger, Erich Steinmayr. Sie alle, als Projektbegleiter und Juroren, sind ahnungslos oder korrupt? Ich jedenfalls erkenne hier eine ausreichende städtebauliche und architektonische Kompetenz. Bleibt zum Schluss nur ein Argument gegen das rund­-um stimmige Projekt für den Wiener Heumarkt: Der Weltkulturerbe-Status der Inneren Stadt ist gefährdet. Ja, das stimmt. Die Innere Stadt Wiens erhielt 2001 den Status des Weltkultur­erbes, verbunden mit historischen Blickachsen – betrieben übrigens von einem Architekten, der sich Denkmalschutzaufgaben erhoffte, und ahnungslos von der Stadt Wien, die sich über die Rituale nicht informierte. Und eine dieser Blickachsen, jene vom Belvedere zur Inneren Stadt, begründet auf die historische Vedute von Canaletto, wird durch das Heumarkt-Projekt verändert. So what! Als ob es in den letzten 300 Jahren keine anderen Veränderungen der Silhouette Wiens gegeben hätte. Die Begründung dafür erfolgt von ICOMOS, eine NGO pensionierter Denkmalpfleger, welche die Empfehlungen für die UNESCO erarbeitet. ICOMOS aber lehnt – in seinem Wien-Report – prinzipiell jede Architektur des 20. Jahrhunderts ab, möchte in Wien auch schon das Hotel Intercontinental abreißen, und verlangt für jeden Neubau in der Welterbezone Wien eine Höhenbeschränkung auf 35 Meter, den Rückbau aller Bauten des 20. Jahrhunderts und die Genehmigung aller Bauvorhaben vorab durch ICOMOS. Verhandlungen über das Heumarkt-Projekt und weitere Instrumente der Stadt Wien lehnt ICOMOS ab. Wenn Wien daraufhin auf die rote Liste der UNESCO kommt, darf das durchaus als Auszeichnung verstanden werden.

Zum Kommentar von Reinhard Seiß

Adresse Am Heumarkt, Wien, Österreich


aus Bauwelt 17.2017
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