Architektonische Details Handbuch und Planungshilfe

Handbuch und Planungshilfe

Text: Fischer, Silke


Architektonische Details Handbuch und Planungshilfe

Handbuch und Planungshilfe

Text: Fischer, Silke

Die Heizkörperverkleidung ist zurück! Jener tischlermäßig gefertigte Staubfänger vor dem Staubfänger, der das „einzige Mittel“ sei, „das Detail des Heizkörpers mit der architektonischen Erscheinung in Einklang zu bringen“. Behauptet zumindest Architekt Tobias Nöfer, Autor des Buches „Architektonische Details“.
Konsole, Verschraubung, Thermostat, Staub zwischen Rippen, Röhren und Gitter, Vor- und Rücklauf und deren Durchdringung der architektonischen Hardware – für den Autor ist der Heizkörper eine Problemsammelstelle und somit schlicht nicht schön, nicht ansehnlich. Das haben wir vom Institut für Architektur und Entwerfen der TU Wien vor der Lektüre so nicht gewusst, und es ist als Pauschalaussage auch schlicht nicht wahr. Die Formel „Technik = banal = häßlich“ ist nicht mehr als eine subjektive Behauptung. Der Gegenentwurf ist längst gebaut: 1954 zeigten Alison und Peter Smithson in der Secon­dary School in Hunstanton Installationsleitungen einer Handwaschbecken­reihe auf Sicht. Nichts muss versteckt werden, alles ist transparent, und wir lernen: Das Wasser kommt nicht einfach aus dem Hahn. Treffender als in einer Schule kann man ein derartiges Detail nicht platzieren.
Vollkommen inakzeptabel für Nöfer, der sich um das Bild sorgt und mit seinem Büro auf der neuen deutschen Wertigkeitswelle aus Back- und Naturstein surft. Sein Klientel: die Besserverdiener. Die Architektur: irgendwo zwischen Schloss Bellevue und Rechtsanwaltskanzlei. Nun zeigt er mit Beispielen seiner eigenen Praxis, wie gute Architektur geht und was man dafür braucht. Zum Beispiel, wie an seinem Bürohaus in der Berliner Brunnenstraße, eine frei stehende, nicht tragende Säule aus massivem Naturstein. Eine Säule, die nichts, aber auch gar nichts trägt, nicht mal Ironie, wirft Fragen auf: die Sinnfrage zum Beispiel.
Man könnte mit etwas Wohlwollen in der Publikation einen Grundgedanken finden, dem beizupflichten wäre: Schluss mit dem falschen Sparen und her mit der Qualität, her mit den tollen Materialien, her mit dem sauberen Detail; Architektur ist schließlich eine Kulturleistung! Die Argumente jedoch, die der Autor auffährt, sind mehr als zweifelhaft, und die Säule an der Brunnenstraße ist ein trauriger Höhepunkt einer Theorie, die keine ist. Architektonische Qualität, wie sie hier verkauft werden soll, ist nicht viel mehr als die ästhetische Empfindlichkeit Einzelner, denn Sinn über die Optik hinaus ist schwer zu finden. Das Haus jedenfalls braucht die Säule nicht, womit das Argument für die Ausführung – Stichwort Kostenkorsett und Kompromisse – nicht sonderlich scharf ausfällt; er hätte sie auch aufmalen können. Stattdessen wird oben gehalten („Edelstahldorne“) und unten eingebunden („vertikale Last muss wärmegedämmt eingelei­-tet werden“), zudem ist aufgrund des geschossweisen Versatzes der massiven Zierde jeweils in Deckenebene eine kleine Lastausgleichskonsole erforderlich, die gedämmt, abgedichtet und verkleidet werden will. Der Stahlbeton-Natursteinknoten wird schlussendlich prominent mit einer auf Sicht gelegten Entwässerungsrinne bekrönt, die offenbar lediglich das bisschen Wasser des zu groß geratenen Fensterbretts aufzufangen hat. Wen fehlende Logik nicht stört und die Frage nach dem Wozu? nicht grundsätzlich abschreckt, der trifft zumindest auf ein technisch unvollständiges Detail. Zwar hält sich der Autor bereits im Vorwort die Bautechnik betreffend pauschal schadfrei bzw. vornehm zurück und kündigt den Verzicht auf „Folien und Abdichtungen, die zwar technisch wichtig sind, aber architektonisch keine Rolle spielen“ an, aber er lässt es sich nicht nehmen, hier und da doch eine Andeutung zu machen. Jeder Student würde mit dieser Strategie durch unsere Hochbau-Prüfung fallen. Die Einbettung der Abdichtungslagen und die fachgerechte Ausführung der Anschlüsse sind immer architektonisch relevant, selbst wenn man Architektur derart verkürzt auf die vermeintliche Gestaltung reduziert. Jeder Sockelanschluss erzählt schlussendlich über den Umgang mit dem Schwarzdeckergewerk.
Der Autor scheut sich nicht, große Wörter in den Raum zu stellen: Wirklichkeit, Realismus, Langlebigkeit. Und er weist zu Recht – Ehrenrettung! – auf den hohen Stellenwert des Details hin, jenen Maßstab, dem der Mensch unmittelbar begegnet, der ihn jeden Tag betrifft. Er fordert dabei nichts weniger als architektonische Haltung und Baukultur. Nöfer nimmt die Sache durchaus ernst und will auch selbst ernst genommen werden. Leicht macht er es dem Leser jedoch nicht. Auf Seite 198 steht die Skizze eines Schweineigels Pate für das Thema Dachfirste (aus Ziegel, Blech und Naturstein), und spätestens hier weiß man nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll. Und dass neben Terrazzo und Vollholz gleichzeitig jede Menge Schaumgesimse gezeigt (und ausgeführt) werden, scheint dem Autor kein Widerspruch: Die Fassade etwa seines Neubaus HeydtEins, Berlin, ist mit einem Wärmedämmverbundsystem isoliert. WDVS ist dem Architekten zwar sehr wohl ein Problem, aber offenbar kein Ökologisches, sondern vielmehr ein Ästhetisches: WDVS ist hier nicht Sondermüll, sondern nur ein schlechter Putzträger. Der Stehsatz betreffend Kosten ist eine Farce – wer im Hochpreissegment auf eine minderwertige Fassadentechnik zurückgreift, hat im Projekt offensichtlich andere Prioritäten gesetzt oder es ist ihm schlicht egal.
Würde Nöfer eine reguläre Monografie veröffentlichen, es wäre kaum eine Aufregung wert. Der Berliner Architekt bedient eine Nische und lebt in einer Blase. Der Mann hat eben eigentüm­liche Sorgen, neureiche Sorgen. Er kann ja bauen wie und was er will, wenn der Markt ihm Gelegenheit gibt, aber für eine ernst zu nehmende Antwort auf die wichtige Qualitätsfrage in der Architektur reichen seine Argumente nicht. Aber es ist eben keine Kleinigkeit, dass hier die Privatmeinung eines einzelnen Architekten aufgrund des Formats und Titels die Optik eines Regelwerks mit allgemeingültigem, übergeordnetem Anspruch erhält. Die „Architektonischen Details“ reihen sich in eine mittlerweile 54 Bücher umfassende Bibliothek unter der Überschrift „Handbuch und Planungshilfe“ aus dem Hause DOM publishers. Wir jedenfalls können das Buch für die Lehre nicht verwenden. Die technischen Leerstellen und Unzulänglichkeiten sind willkürlich und kaum erklärbar, darüber hinaus finden wir Botschaft, Haltung und das damit propagierte Berufsbild problematisch.
Fakten
Autor / Herausgeber Tobias Nöfer
Verlag DOM publishers, Berlin 2016
Zum Verlag
aus Bauwelt 21.2017
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