Ideological Equals

Women Architects in Socialist Europe 1945–1989

Text: Scheffler, Tanja, Dresden

Ideological Equals. Herausgegeben von Mary Pepchinski und Mariann Simon, 169 Seiten, Taylor & Francis (Routledge)

Ideological Equals. Herausgegeben von Mary Pepchinski und Mariann Simon, 169 Seiten, Taylor & Francis (Routledge)


Ideological Equals

Women Architects in Socialist Europe 1945–1989

Text: Scheffler, Tanja, Dresden

Von der weiblichen Phalanx in der zweiten Rei­he und dem Charisma der Leading Ladies: Der neue englischsprachige Sammelband „Ideological Equals. Women Architects in So­cialist Europe 1945–1989“ wirft einen facettenreichen Blick auf die Karrierewege und -chancen von Architektinnen in den verschiedenen Ostbock-Staaten und präsentiert dabei Projekte von Industriebauten bis zur Stadtplanung. Schon beim Titelmotiv wird deutlich, dass sich die Situation der Frauen in der DDR grundlegend von der ihrer Kolleginnen in der Bundesrepublik unterschied: Denn dort erläutert Iris Dullin-Grund einer Herrenriege rund um den stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrates der DDR, Horst Sindermann, den neuen Generalbebauungsplan für Neubran­denburg an einem Modell. Dullin-Grund war ab 1961 in der mecklenburgischen Bezirksstadt tätig, bereits ihr Kulturhaus sorg­te für Furore. 1970 wurde sie Stadtarchitektin und behielt diesen Posten bis zur Wende. In dieser Zeit wurde die Stadt mit mehreren, auf den umliegenden Hochebenen gelegenen Neubaugebieten massiv ausgebaut. Dabei wurde u.a. auch der erste Plattenbau-Prototyp der später landesweit eingesetzten Wohnungsbauserie 70 errichtet. Außerdem wurde sie 1969 in das Plenum der Bauakademie berufen, die die Linien für das gesamte ostdeutsche Bauwesen vorgab: ein stei­ler Aufstieg in mehrere einflussreiche Schlüssel­positionen mit einem breitem Wirkungsbereich.
Viele andere auf der Basis von „oral history“ entstandene Gender-Publikationen präsentieren lange Listen bitterer Erfahrungen und ein bisschen Statistik. „Ideological Equals“ hat einen deutlich progressiveren Ansatz: Er geht aufgrund der sozialistischen Vorstellungen von der Eman­zipation der Frau davon aus, dass Frauen im Beruf die gleichen Leistungen bringen und dadurch auch entsprechende Erfolge vorweisen können. Inwieweit sich die jeweiligen Architektinnen dann innerhalb der – je nach Land ganz unterschiedlichen – gesellschaftlichen Rahmenbedingungen letztendlich durchsetzen konnten, steht allerdings auf einem anderen Blatt.
Harald Engler zeigt anhand der am IRS Erkner archivierten Unterlagen des Bundes der Architekten (BdA), dass in der Spätphase der DDR rund ein Viertel der aktiv im Beruf stehenden Mitglieder weiblich waren. Sie arbeiteten jedoch meistens in der zweiten Reihe und in den weni­-ger prestigeträchtigen, aber auch weniger reglementierten Bereichen der Denkmalpflege, des Sozial- und Wohnungsbaus. Der große weibliche Anteil resultierte aus den Fördermaßnahmen des Staates, die Frauen in technische Berufe zu bringen (mit Sonderklassen an den Hochschulen, auf Schwangerschaft und Kinderbetreuung abgestimmte Studienplä­ne etc.).
Péter Haba beleuchtet das weibliche Wirken im ungarischen Industriebau von 1945 bis 1970 und widerlegt dabei die populäre These, dass Frauen eher intuitiv-gefühlsmäßig ans Entwerfen herangehen und Männer sich lieber mit der Kon­struktion und Statik befassen. Denn neben einigen durchsetzungsstarken, bereits vor dem Krieg sehr erfolgreichen Role Models wie Johanna Wolf und Eszter Pècsi wurden in den frühen 50er Jahren, als im ganzen Land Industriekomplexe aus dem Boden gestampft wurden, aufgrund des Personalmangels auch viele junge Frauen mit großen Projekten betraut. Wolf war nicht nur die leitende Oberingenieurin für den Auf­bau des Eisenhüttenkombinats in Dunaújváros (das ungarische Pendant zu Eisenhüttenstadt). Sie gehörte auch zu den Vorreitern beim Bauen mit weit spannenden Betonfertigteilen. Weitere Beiträge thematisieren die Situation in Tschechien, der Slowakei, Polen, Rumänien und Estland oder aber das Wirken von einzelnen herausragenden Architektinnen.
Dana Vais etwa befasst sich mit Anca Petrescus „Urheberschaft“ am Präsidentenpalast (früher: „Haus des Volkes“) in Bukarest und präsentiert Einblicke in die komplexen Planungsabläufe von kommunistischen Großprojekten mit teilweise über die Armee zwangsverpflichteten Architekten und Tausenden von Bauarbeitern, die nur damit beschäftigt waren, nach der wöchentlichen Stippvisite des Bauherrn einige der gerade erst neu errichteten Gebäudeteile wieder abzureißen. Petrescu rückte während der Wettbewerbsphase mit ihrer Gruppe „junger Kommunisten“ über Ceaușescus Lieblingssohn mit einem außer Konkurrenz angefertigten Modell in den inneren Zirkel der Planer auf. Dort stach sie, weil sie im Gegensatz zu ihren arrivierten Kollegen dauerhaft bereit war, auf die Wünsche und gestalterischen Vorstellungen des Herrschers einzugehen, nach und nach die gesamte Riege der renommierten Kollegen aus. Der letz­te noch im Rennen verbliebene, für seine modernen Schwarzmeerküsten-Hotels bekannte Architekt Cezar Lăzărescu gab, als im Zuge der Großflächenabrisse für den neuen Palast auch sein eigenes Wohnhaus gefallen war, nach einem Schlaganfall auf. Danach war Petrescu die hauptverantwortliche Leiterin einer unter extremen Zeitdruck arbeitenden Planungsabteilung mit mehr als 400 Architekten und einer Baustelle mit 20.000 Arbeitern. Dadurch avancierte sie – je nach Sichtweise – zur „Autorin“ dieses riesigen Bauwerks oder aber „Sündenbock“ für seine Entstehung.
Dieser aufschlussreiche, in gedruckter Form leider unverschämt teure Band offenbart, dass in den Ostblock-Staaten erstaunlich viele Frauen in der Planung tätig waren. Sie tauchen in den seit der Wende entstandenen Standardwerken, die vor allem die großen innerstädtischen Ensembles, Kulturhäuser und sonstigen Gesellschaftsbauten fokussieren, jedoch meist nicht auf. Denn viele der Architektinnen haben – um im Zuge der Mehrfachbelastung durch Beruf, Kindererziehung und Haushalt dem Druck der großen Prestigeprojekte aus dem Wege zu gehen – in der Peripherie, im Wohnungs- oder Industrie­bau gearbeitet: alles Bereiche des sozialistischen Baugeschehens zu denen unabhängig von den Gender-Aspekten unbedingt weiter geforscht werden sollte.
Fakten
Autor / Herausgeber Herausgegeben von Mary Pepchinski und Mariann Simon
Verlag Ideological Equals. Taylor & Francis (Routledge), Abingdon 2017
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aus Bauwelt 5.2018
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