Kontinuität und Veränderung

Dem Buch gelingt auf anspruchsvolle aber unprätentiöse Weise ein selbstverständliches Neben- und Miteinander von gebautem Werk und reflektierter Arbeit.

Text: Graff, Uta, Berlin


Kontinuität und Veränderung

Dem Buch gelingt auf anspruchsvolle aber unprätentiöse Weise ein selbstverständliches Neben- und Miteinander von gebautem Werk und reflektierter Arbeit.

Text: Graff, Uta, Berlin

Doppelstrategie ist der Begriff mit dem Friedrich Achleitner, in seinem „Entwurf einer programmatischen Biografie“ von 1994, die besonderen Fähigkeiten und vielschichtigen Tätigkeitsfelder von Adolf Krischanitz trefflich benennt. Dieser „programmatische Dualismus von Theorie und Praxis, die Methode des fortschreitenden Dialogs zwischen Konzeption und Rezeption, stringenter Verwirklichung und kontemplativer Verarbeitung“ prägen dessen Werk.
Das jetzt erschienene Buch belegt dies eindrücklich. Es ist ein Lesebuch in der Aufmachung einer Werkmonografie und ein Architekturbuch, das zum Lesen einlädt, eine Fortschreibung und Weiterentwicklung von Krischanitzʼ bisherigen, schon länger zurückliegenden Monografien und seines vor fünf Jahren veröffentlichten Textbuches „Architektur ist der Unterschied zwischen Architektur“.
Bau- und Raumtypologien strukturieren das Buch. In sechs Gesprächen über Pavillons und Kunsträume, Wohn- und Werkräume, Lernräume und Interieurs arbeiten der Architekturkritiker Otto Kapfinger und Adolf Krischanitz den spezifischen Ansatz und die grundlegenden Themen heraus und ermöglichen so einen aufschlussreichen Einblick in einen Diskurs über das Œuvre.
Den größeren inhaltlichen Rahmen spannen drei externe Textbeiträge auf. Sie widmen sich der Stoffwechseltheorie Sempers, die Krischanitz durchdrungen hat, beleuchten die Beziehung von Architektur und Kunst, die vom Beginn seiner Arbeit an ein essenzielles Thema ist, und ergründen das spezifische Verständnis von Stadt, ihren Regelwerken und ihrer besonderen räumlichen Grammatik.
Text- und Bildteile wechseln einander ab und greifen thematisch ineinander. Die Fotografien und Zeichnungen der Bauwerke fördern das Verstehen der Texte, wie umgekehrt die Texte das Begreifen der Architekturen begünstigen. Auf beiden Ebenen spricht Krischanitz eine über Jahrzehnte entwickelte, sorgfältige und präzise, gegenwärtige und unmittelbare Sprache. Vordergründige Verständlichkeit und leichte Form sind ihm jedoch fremd. Eine gewisse Sperrigkeit ist sowohl seinem gebauten als auch seinem geschriebenen Werk eigen. Auf konsequente Weise wirkt Krischanitz damit dem Zwang ent-gegen, eine bestimmte Richtung prägen zu müssen, benennbar und damit zuordenbar zu sein. Er attestiert sich selber einen „latenten Hang zum Weder-Noch“, der jedoch keineswegs mit einem Sowohl-als-auch zu verwechseln ist. Denn ohne indifferent zu sein, hält sein Werk dieser unbequemen Ambivalenz zugunsten einer „höheren Eindeutigkeit“ stand.
Dem Buch gelingt auf anspruchsvolle aber unprätentiöse Weise ein selbstverständliches Neben- und Miteinander von gebautem Werk und reflektierter Arbeit. Über aufschlussreiche Gespräche und übergeordnete Textbeiträge, großformatige Fotografien und präzise Zeichnungen, textbegleitende Abbildungen und ergänzende Randbemerkungen, liest man sich hinein in das Werk, das einen zur vertiefenden Betrachtung und zum Nachdenken über Architektur anregt.
Fakten
Autor / Herausgeber Mit Beiträgen von Ákos Moravánszky, Gottfried Pirhofer und Elisabeth von Samsonow
Verlag Hatje Cantz, Osfildern 2015
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aus Bauwelt 17-18.2015
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