New Laboratories

Historical and Critical Perspectives on Contemporary Developments

Text: Schmidt, Verena


New Laboratories

Historical and Critical Perspectives on Contemporary Developments

Text: Schmidt, Verena

Im Verlag de Gruyter ist der englischsprachige Sammelband „New Laboratories“ erschienen. Das Titelbild zeigt ein Labor von oben: Ein offener Raum. Vorhänge statt Trennwände. Mobile Besprechungsinseln, Schreibtische und Forschungsstationen mit allerlei Gerätschaften fügen sich zu einer weitläufigen Labor-Landschaft zusammen. Der Bildausschnitt ist Teil einer großformatigen Collage des Künstlers Menno Aden. Spiegelt dieses Werk das Bild des modernen Labors wider? Wie wird in Laboren gearbeitet? Was macht zeitgemäße Laborbauten aus?
„New Laboratories“ nimmt die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Laborarchitektur in den Blick. Alleinstellungsmerkmal der Publikationist ihr interdisziplinärer Standpunkt. Die Autorenschaft setzt sich aus Kunsthistorikerinnen, Architektinnen und Naturwissenschaftlern zusammen. Die Beiträge sind das Ergebnis einer dreijährigen Zusammenarbeit im interdisziplinären Labor „Bild Wissen Gestaltung“ der Humboldt-Universität zu Berlin. Geforscht wurde nicht nur am Schreibtisch, sondern auch vor Ort. Das Autorenteam besichtigte rund 20 Laborbauten in Europa, Asien und Nordamerika, die in den Artikeln zum Teil als Fallstudien herangezogen werden.
Herausgeberin Charlotte Klonk führt in die Thematik und Struktur des Buches ein. In drei Abschnitten werden verschiedene Aspekte von Laborarchitektur untersucht: 1. The Image of the Laboratory, 2. Function and Design, 3. Berlin Case Studies. Durch alle Kapitel des Buches ziehtsich die Frage, welche Rolle die Architektur bei der Entstehung von Labortypen spielt. Reagiert Architektur lediglich auf vorhandene Anforderungen? Oder leisten Gebäude als „active agents“(Peter Galison) einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der wissenschaftlichen Praxis und Identität?
Christina Landbrecht und Verena Straub geben einen Überblick über den Stand der Forschung. Die Transformation des Labors vom heimischen Provisorium über fabrikartige Komplexe bis hin zum „clean think tank“ ist auf vielfältige Einflüsse zurückzuführen. Die Institutionalisierung der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert trieb die Suche nach einem idealen Labortypus voran. Es etablierten sich global wirksame Standards, die die Gestalt von Laborbauten prägen – und vereinheitlichen. Dabei geht es nicht nur um technische Anforderungen. Das generische Labor, so Robert E. Kohler, sei die Ba­-sis einer universellen Glaubwürdigkeit der Wissenschaft.
Die öffentliche Wahrnehmung der Wissenschaft ist ein Kernthema des Sammelbands. Verena Straub beschreibt den Forscher als ein zurückgezogenes Genie – ein Bild, das durch Portraits und Labor-Fotographien um 1900 transportiert wurde. Arbeitsalltag und Wahrnehmung der Wissenschaft haben sich seither stark gewandelt. Heute stehen interdisziplinäre Teams im Vordergrund, die unterstützt von moderner Technik forschen und in internationalen Netzwerken agieren. Der Trend geht zum „open lab“, einem offenen Raum, der an vielfältige Arbeitskonstellationen angepasst werden kann. Kommunikation wird groß geschrieben und soll durch entsprechende Architekturkonzepte unterstützt werden. Transparenz, so schreibt Christina Landbrecht, sei mittlerweile zum Standard avanciert. Große Glasflächen und luftige Atrien suggerieren Konnektivität und öffentliche Zugänglichkeit – auch wenn diese in der Realität oft nicht gegebenist. So bleiben die Tore des innerstädtischen Novartis Campus in Basel abseits von Führungenfür die Öffentlichkeit geschlossen. Die Frage, inwieweit Transparenz ein Mythos bleiben wird oder tatsächlich eine „Demokratisierung des Wissens“ antreiben kann, bleibt offen.
Sabine Hansmann untersucht in ihrem Essay „Between Service and Representation“ einschlägige Architekturbeispiele, die seit Mitte des 20. Jahrhunderts realisiert worden sind. Angesichts der dynamischen Forschungslandschaft sind offene Räume und modulare Systeme gefragt, die sich durch hohe Flexibilität und Anpassbarkeit auszeichnen – und dabei vermeintlich wenig Spielraum für Gestaltung lassen. Im Kontrast dazu steht der Wunsch nach einer spezifischen Architektur. „Signature buildings“ sind im Laborbau kein Neuland. Mit seinem Entwurf für das Salk Institute for Biological Studies in Kalifornien setzte Louis I. Kahn bereits in den 1960er Jahren neue Maßstäbe einer kommunikativen und flexiblen Arbeitsumgebung, die gleichzei­-
tig ein starkes Bild nach Außen vermittelt. Auch heute legen Bauherren wie die Novartis AG oder die Oxford University Wert auf ikonische Architekturen – nicht zuletzt, um sich einen Standortvorteil im Wettbewerb um qualifizierte Wissenschaftler zu verschaffen. Sabine Hansmann verdeutlicht, dass das Spannungsfeld zwischen Funktionalität und Repräsentation eine Herausforderung für Architekten darstellt. Es kann aber auch als Impuls zur Entwicklung von innovativen Raumkonzepten verstanden werden.
Das folgende Kapitel ist den informellen Räumen der Wissensproduktion gewidmet. Hen­rike Rabe analysiert ausgewählte Laborbauten anhand der drei Raumkategorien „Spaces of Theory“, „Spaces of Experiment“ und „Informal Spaces“. Sie zeigt auf, dass der Anteil an informellen Räumen in Relation zu Büro- und Laborräumen steigt – umso mehr, wenn die Bauherrschaft bei einem privaten Unternehmen liegt. Die Flächen für soziale Interaktion und informellen Austausch weisen unterschiedliche Qualitäten und Atmosphären auf. Wo sind sie positioniert? Wie sind sie gestaltet und möbliert? Welche Nutzungen lassen sie zu? Drei Fallstudien werden durchgeführt und in Form von Diagrammen und Axonometrien veranschaulicht. Die ausgewählten Bauten weisen ein breites Spektrum an informellen Räumen auf. Einen Mehrwert stellen v.a. Räume mit vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten dar, die die formelle Arbeitsumgebung auf fle­xible Weise ergänzen. Das Buch schließt mit einem Blick auf Laborbauten der Humboldt-Universität zu Berlin. Hinsichtlich zukünftiger Bauprojekte ist zu hoffen, dass die Innovationskraft der Architektur jeweils nicht hinter der „Norm“ zurück bleibt. „New Laboratories“ liefert Denkanstöße und Architekturbeispiele, von denen nicht nur der Wissenschaftsdiskurs, sondern auch die Architekturpraxis profitieren kann.
Fakten
Autor / Herausgeber Hg. von Charlotte Klonk
Verlag De Gruyter, Berlin 2016
aus Bauwelt 25.2017
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