Pompeji

Moderne Stadt

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

Pompeji

Moderne Stadt

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

Ein seltsamer Titel: Pompeji, moderne Stadt? Die zunächst naheliegende Vermutung, dass der jüngste, inzwischen achte Band der „Rosa Reihe“ des Wasmuth-Verlags die heutige, neben dem antiken Pompeji liegende Stadt untersucht, stellt sich schon mit einem schnellen Durchblättern als falsch heraus: Nein, auf den 126 Seiten des Büchleins geht es sehr wohl um das antike Pompeji. Was aber soll daran modern sein? Die Neugierde wird also erfolgreich geweckt, und die Lektüre macht rasch klar, worum es der Autorin Federica Visconti geht: Um den Versuch, die Stadt einmal nicht mit den Augen des Archäologen zu betrachten, sondern mit denen einer Architektin und Stadtplanerin, die das Ausgrabungsgelän­de darauf befragt, welche entwurflichen Lehren sich aus ihm ziehen lassen, für den Haus- wie für den Städtebau und insbesondere auch für die Lehre: Schließlich versammelt die von deutschen und italienischen Hochschulen gemeinsam herausgegebene Reihe – zusammen mit dem Pompeji-Büchlein ist übrigens Band 7 über Pa­riser Stadthäuser zwischen 1900 und 1935 erschienen – „Materialien zu Geschichte, Theorie und Entwurf städtischer Architektur“; Visconti ist Entwurfsprofessorin an der Universität Neapel.
Dieser „Lehrbuch“-Ansatz ist eine für den an die üblichen Kunsthistoriker-Analysen gewöhn­ten Architekten erfrischende und nachvollziehbare Anleitung, Pompeji zu entdecken; eine Lektüre, die vielleicht zu einem ersten, gewiss aber zu einem zweiten Besuch des Ausgrabungsareals anregt: Habe ich seinerzeit das dreieckige Forum am Südrand der Stadt mit einem ähnlich vergleichenden Blick dem rechteckigen Forum im Zentrum gegenübergestellt? Die Wirkung der privaten Gärten und Atrien mit jenem verglichen? Die Parzellenzuschnitte an den Straßen und innerhalb der „insulae“, den Bezug der Gebäude zum öffentlichen Raum ausreichend registriert? Vor allem aber: Die gleichzeitig (urban) umschlossene wie (landschaftlich) offene Charakteristik des antiken Stadtraums bewusst erlebt? Der Architekt und Mitherausgeber Uwe Schröder jedenfalls analysiert den Aufbau der Stadt mit der von ihm entwickelten „Rot-Blau-Plan“-Methode, mit der er den heute himmeloffenen Stadtgrundriss mit der Darstellung (kalter) Außen- und (warmer) Innenräume auch für den Ortsunkundigen erfahrbar macht.
Insofern ist der Titel treffend gewählt: Pompeji wird in diesem Buch zu einem Ort, der mit den heutigen Entwurfsmethoden und dem historisch-kritischen Wissen um Handhabe und Wirkung der in den letzten hundert Jahren entwickelten Werkzeuge aktualisiert wird für den städtebaulichen Entwurf: die antike Stadt, konfrontiert mit Mies und May, Louis Kahn und Le Corbusier. Eine Studie, gewichtig genug für eine Empfehlung, dabei leicht genug fürs Handgepäck.
Pompeji
Città moderna/Moderne Stadt.
Von Federica Visconti
128 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Text: Italienisch/Deutsch, 12,80 Euro
Wasmuth Verlag, Tübingen 2017
ISBN 978-3-8030-0937-1
Fakten
Autor / Herausgeber Federica Visconti
Verlag Wasmuth Verlag, Tübingen 2017
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