Wohnen, was sonst ...

Die IBA Stuttgart 2027 startete holprig: ein alles und nichts sagendes Memorandum, kein inhaltliches Profil, 2014 initiiert von der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS). Seit dem 1. März ist der einstimmig gewählte „Intendant“ im Amt: Andreas Hofer aus Zürich.

Text: Baus, Ursula, Suttgart

    Andreas Hofer auf einer Dachterrasse des ersten großen Projekts in Zürich, der Siedlung Hardturm­straße der Bau- und Wohngenossenschaft Kraftwerk 1, die 2001 bezogen wurde.
    Foto: Marvin Zilm

    Andreas Hofer auf einer Dachterrasse des ersten großen Projekts in Zürich, der Siedlung Hardturm­straße der Bau- und Wohngenossenschaft Kraftwerk 1, die 2001 bezogen wurde.

    Foto: Marvin Zilm

    Straßenraum im 2015 bezogenen Projekt der Baugenossenschaft „mehr als Wohnen“ in der Hagenholzstraße, Zürich.
    Foto: Flurina Rothenberger

    Straßenraum im 2015 bezogenen Projekt der Baugenossenschaft „mehr als Wohnen“ in der Hagenholzstraße, Zürich.

    Foto: Flurina Rothenberger

Wohnen, was sonst ...

Die IBA Stuttgart 2027 startete holprig: ein alles und nichts sagendes Memorandum, kein inhaltliches Profil, 2014 initiiert von der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS). Seit dem 1. März ist der einstimmig gewählte „Intendant“ im Amt: Andreas Hofer aus Zürich.

Text: Baus, Ursula, Suttgart

Ihre Berufung überraschte Freunde und Skeptiker der IBA Stuttgart – wie erging es Ihnen?
Andreas Hofer: Tatsächlich bin ich ein bisschen überwältigt vom Zuspruch, von der großen Erwartungshaltung auf allen Seiten.
Sie kommen aus der Schweiz, aus einer Konsensgesellschaft. Was reizt Sie an der IBA?
Ich war 1986/87 in Berlin, wo eine IBA die Debatten dominiert hat. Mit meinen großen Projekten habe ich immer schon an der Frage nach der Entwicklung der Stadt, der Dichte, der Quartierqualität und der Mischung gearbeitet – und dieses forschende Entwickeln findet nun im Rahmen der IBA eine neue Ebene und Dimension. Ich würde mich aber nicht als Stadtplaner bezeichnen, sondern als Projektentwickler – worunter in Deutschland etwas ganz anderes verstanden wird als in der Schweiz.
Gerade Stuttgart wird heute aus ökonomischen Gründen in großen Flächen überplant. An welche Art der Stadt-Transformation denken Sie?
Überall ist die Rede von Mobilität, Energie, Klimawandel, demographischem Wandel. Alles immer eingebunden in einen hochkomplexen, partizipativen Städtebau, den ich auch propagiere. Aber ich finde, wir sollten als Architekten wieder beginnen, über Baukultur zu sprechen, weil wir in diesen Prozessen viel Einfluss verloren haben, Partizipation kann man auch als Verantwortungsverlust oder -stutzung wahrnehmen. In diesem Sinne möchte ich einfach fragen: Was ist gute Stadt? Was ist gute Architektur?
Das Stuttgarter IBA-Terrain umfasst zersiedelte Landschaften, Gewerbegebiete und Einfami­lienhaus-Wüsten.
Genau da möchte ich starten. Diese Räume interessieren mich. Die Zukunft der europäischen Stadt wird sich in der Agglomeration entscheiden, davon bin ich absolut überzeugt.
Und Stuttgart-spezifisch?
In der Region dominieren die großen Industrieproduktionsstätten und der Mittelstand. Auch der untere Mittelstand mit nicht so hohem Einkommen und relativ hohem Migrationsanteil – also die Fabrikarbeiter, die es in der Schweiz nicht mehr gibt. Das sind für mich die Ausgangspunkte. Die Gefahr besteht, dass man die Nachteile des städtischen und die des ländlichen Lebens an diesen Orten kombiniert.
Dafür braucht man aber keine IBA, denn das sind Probleme, die mit ÖPNV, Infrastrukturverbesserungen und Transformationen der Häuser gelöst werden könnten.
Man braucht so gesehen für gar nichts eine IBA, aber das Thema steht an. Es geht nebenbei um Eigentumsverhältnisse, um Fragen der Baugesetze, der Ökonomie, der Dichte. Und gerade bei der Dichte bin ich überzeugt, dass wir sie brauchen, um der Diversität unserer Gesellschaft gerecht zu werden. Das scheint mir schon IBA-würdig. Wobei ich es falsch fände, wenn man alle Probleme, die man im Alltag nicht gelöst bekommt, der IBA rüber schieben würde.
Gerade Baden-Württemberg war ja ambitioniert darin, nicht noch mehr Boden zu versiegeln, nicht noch mehr Bauland auszuweisen.
Ich finde es einigermaßen dumm, dass man die kommunalen Entwicklungen einfriert – genau an einem Punkt, wo er am fordistischsten und am meisten auf das Auto ausgelegt ist. Denn wenn man sich die großflächige Stadt anschaut und überlegt, wie sie sinnvoll zu organisieren ist, fallen einem vielleicht völlig unerwartete Orte auf, die gut transformiert und wichtig werden können. In den Einfamilienhaus-Gebieten gibt es für eine Transformation noch keine Pläne und Konzepte.
Auf welche Milieus machen Sie sich gefasst? Die Schwaben sind Pietisten. Und das Gros der arbeitenden Bevölkerung hierzulande brüstet sich damit, Benzin im Blut zu haben.
Das stimmt, das spielt eine Rolle. Aber Veränderungen der wirtschaftlichen und technologischen Rahmenbedingungen können den Schwaben das Benzin schnell aus den Adern treiben.
Welche Veränderungen in der Gesellschaft beschäftigen Sie?
Bereits der Familienbegriff, wie wir ihn kennen, ist schon ein Produkt der Arbeitsorganisation seit dem 19. Jahrhundert, die die Gesellschaft fragmentiert hat – was sich bis zur Eigenart des Einfamilienhauses manifestiert. Ich weigere mich aber, diese Wohn-und Lebensart als einzig menschentaugliche zu akzeptieren. Leider sind diese Lebensformen durch ökonomische und bau­gesetzliche Festlegungen auch noch verstetigt worden. Das ist ein Problem.
Eigenheimzulagen und demnächst Baukindergeld ...
... so kann es doch nicht weitergehen. Ich glaube, wir müssen viel elastischer auf unsere Lebensveränderungen reagieren.
Was versprechen Sie beispielsweise dem Bürgermeister in Weil der Stadt?
Wir haben über die gesellschaftlichen und ökonomischen Transformationsprozesse gesprochen – und diese finden in diesen Räumen statt. Alle Beteiligten und Betroffenen haben nun einmal ihre eigene Logik. Und in diesen selbstbezogenen Systemen muss die IBA natürlich etwas bieten. Wer als „Kleinfürst“ ein ausreichendes Verantwortungsbewusstsein hat, wird sich doch freuen, wenn er in seinem Anliegen, den Ort zukunftsfähig zu machen, unterstützt wird.
Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen Ihrer IBA und den Verwaltungen?
Die Verwaltungssysteme – in Deutschland genauso wie in der Schweiz – haben eine unglaubliche Eigenlogik. Dort arbeiten enorm kompetente Menschen, aber sie sind häufig gefangen in ihren Strukturen. Wer da etwas anders machen möchte, geht eben. Eine IBA agiert dann irgendwie komplementär. Wir nehmen der Verwaltung keine Arbeit ab, und wir erledigen die Verwaltungsarbeit schon gar nicht besser. Aber die IBA muss etwas Anarchistisches ­ergänzen, um andere Diskurse zu führen. Immer in konstruktiven Dialogen.
Bauen dauert in den bürokratischen Fesseln und sektoralen Selbstoptimierungsszenarien immer länger. Sollten IBA-Laufzeiten verlängert werden?
Nein. Denn man kommt dann in Generationenzyklen hinein, wo sich niemand mehr an die Anfänge erinnert. Als Ausnahmezustand sind zehn Jahre schon ziemlich lang.

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