Wir hatten das Gefühl, dass wir mitreden können

Die Architekten Andreas Cukrowicz und Anton Nachbaur-Sturm über ihren Entwurf für das Konzerthaus in München, den Standort und das Bauchgefühl

Text: Flagner, Beatrix, Berlin

Andreas Cukrowicz (links) studierte an der TU Wien und der Akademie der Bildenden Künste Wien. 2013 hatte er eine Gastprofessur an der TU München. Anton Nachbaur-Sturm studierte ebenfalls an der TU Wien. 1996 gründete er gemeinsam mit Andreas Cukrowicz das Architekturbüro in Bregenz. Beide sind in diversen Gestaltungsbeiräten tätig und das Büro wurde mehrfach international ausgezeichnet.
Foto: Beatrix Flagner

Andreas Cukrowicz (links) studierte an der TU Wien und der Akademie der Bildenden Künste Wien. 2013 hatte er eine Gastprofessur an der TU München. Anton Nachbaur-Sturm studierte ebenfalls an der TU Wien. 1996 gründete er gemeinsam mit Andreas Cukrowicz das Architekturbüro in Bregenz. Beide sind in diversen Gestaltungsbeiräten tätig und das Büro wurde mehrfach international ausgezeichnet.

Foto: Beatrix Flagner


Wir hatten das Gefühl, dass wir mitreden können

Die Architekten Andreas Cukrowicz und Anton Nachbaur-Sturm über ihren Entwurf für das Konzerthaus in München, den Standort und das Bauchgefühl

Text: Flagner, Beatrix, Berlin

206 Architekturbüros hatten sich um eine Teilnahme bei dem Wettbewerb zum Konzerthaus in München beworben – 35 Teilnehmer wurden ausgewählt. Hand aufs Herz: Ist man bei einem so wichtigen Wettbewerb aufgeregt? Verunsichert einen die Konkurrenz oder macht sie eher selbstbewusst?
Anton Nachbaur Uns war klar, dass es prominente Teilnehmer gibt und dies ist immer eine Herausforderung. Für uns war die Teilnahme schon eine Bestätigung unserer bisherigen Arbeit.
Andreas Cukrowicz Wir haben sehr großen Respekt vor den Leistungen dieser Kollegen. Es ist aber nicht so, dass wir davor in die Knie gehen. Wir wollten uns dieser Konkurrenz stellen und hatten mit unserem Entwurf das Gefühl, dass wir mitreden können.
Stephan Braunfels wurde zur Wettbewerbsteilnahme nicht zugelassen und klagte deswegen. Fast fünf Monate blieben die eingereichten Entwürfe versiegelt und verschlossen. Wie häufig kreisten in dieser Zeit ihre Gedanken um den Entwurf? Gab es Ideen und Einfälle, die Sie noch gern eingearbeitet hätten?
AN Ich habe ab und zu die Pläne durchgeschaut und den Entwurf reflektiert. Vielleicht klingt das jetzt ein wenig überheblich, aber das Gefühl, dass wir eine sehr gute Antwort haben, ist geblieben. Auch beim dritten oder vierten Mal anschauen sind keine Zweifel gekommen. Die Architektur passt städtebaulich und funktional. Aber ich kann mich an ein kleines Detail erinnern, das ich nicht verraten möchte, das vielleicht anders noch stimmiger wäre.
AC Das kann man so stehen lassen. Wenn man daran denkt, dass ja das Zeug in der Schublade liegt und verspätet geprüft wird, ertappt man sich hin und wieder beim Durchsehen der Pläne und Bilder. Man denkt aber nicht ständig daran, es laufen ja zum Glück auch andere Projekte und Wettbewerbe und jeder Entwurf, der aktuell auf dem Tisch liegt, ist der wichtigste und auf diesen konzentrieren wir uns. Dennoch waren wir vor der Entscheidung etwas aufgeregt, aber interessanterweise nicht so wie bei anderen Wettbewerben. Vielleicht ist da einfach eine gewisse Sicherheit mitgeschwungen, oder die zeitliche Distanz hat es ausgemacht.
Und als die Entscheidung fiel, dass Braunfels nicht teilnehmen darf und der Wettbewerb weitergeht?
AC Wir wurden informiert, dass die Vorprüfung startet und dass es einen Termin für die Jury­sitzung gibt. Nach der Abgabe hat man keinen Einfluss mehr auf das Wettbewerbsprojekt. Das Kind muss man irgendwann auch laufen lassen.
In Ihrer Entwurfsbeschreibung nennen Sie das Konzerthaus einen Tempel, großes Zelt, Werkshalle, Speicher, Markthalle, Kathedrale. Was soll es nicht sein?
AN Das trifft auf alle unsere Projekte zu: Das Ergebnis soll nicht beliebig sein. Die genannten Begriffe sind Bilder, Assoziationen und vermitteln eine positive Stimmung. Sie beziehen sich auf ganz unterschiedliche Thematiken. Das Bild der Kathedrale betrifft den Städtebau, denn das Haus ist von weitem sichtbar, da es höher ist als die umliegenden Dächer. Bei dem Bild des Tempels geht es um den Inhalt und die Musik. Wir haben versucht, einen Bogen zu spannen zwischen diesem ehemaligen Industriequartier und dem was es mal sein wird – von der Werkshalle bis zur Kathedrale. Die Frage, was es nicht sein soll ist schwierig, da viel mehr drinsteckt, als ein paar Bilder.
AC Bei dem Wettbewerb musste man praktisch ohne Ort arbeiten, denn das frühere Industrie­areal Werksviertel – eh schon ein Kunstbegriff – wird erst zu einem Stadtteil transformiert. Diese Rahmenbedingung ist für uns eher ungewohnt. Wir planen generell sehr orts-, inhalts- und aufgabenbezogen. Wir versuchen in den meisten Fällen durch Integration einen Mehrwert für eine Situation herzustellen. Beim Projekt in München ist die Ausgangslage eine andere: das Konzerthaus wird das zentrale Element sein, welches den Ort in Zukunft prägen und bestimmen wird. Deswegen mussten wir eine alternative Methode entwickeln, die das Herantasten über Bilder beinhaltete.
Wo Sie den Ort schon ansprechen: In der Presse und der Öffentlichkeit wird das Werksviertel sehr diskutiert. Was sind für Sie die Besonderheiten?
AC Der Reiz ist, dass man einen Stadtteil mitprägt. Hier entsteht ein neues Quartier. Ich sehe ein großes Potenzial für das Werksviertel. Man sieht auf der ganzen Welt, dass in weniger attraktiven Gegenden Museen oder andere Kulturbauten implantiert werden und sich diese Stadtteile dann positiv entwickeln. Das ist eine spannende Aufgabe, die auch mit einer großen Verantwortung verbunden ist.
AN Ich denke das auch. Man kann lange argumentieren, ob das Konzerthaus in Zentrumslage besser wäre oder ob es gut ist, einen Impuls zu setzen und ein neues Stadtquartier zu entwickeln. Ich glaube es gibt für beide Ansätze Vor- und Nachteile und Risiken. Am Wichtigsten ist jedoch, dass man Entscheidungen trifft und diese dann konsequent umsetzt. Letzten Endes geht es immer um die maximal mögliche Qualität.
AC Wenn man alle Energie in das Gelingen des Projekts an diesem Ort steckt, dann wird es auch zu hundert Prozent Erfolg haben. Genauso wie eine andere Entscheidung an einem anderen Ort ebenfalls gelingen kann.
Können Sie kurz den Entwurfsprozess dieser komplexen Bauaufgabe beschreiben?
AC Das Erste was wir studiert haben, waren die rechtlichen Rahmenbedingungen in Zusammenhang mit dem Bebauungsplan. Dieser ist sehr streng formuliert und hat ein relativ enges Korsett. Jedoch beinhaltet der B-Plan auch gewisse Ausnahmebestimmungen, die neue Spielräume ermöglichen. Unter anderem auch über die definierte Höhe zu bauen.
AN Da unterscheidet sich jetzt das Konzerthaus nicht von anderen Wettbewerben. Wir nähern uns der Aufgabe immer gleichzeitig aus mehrerenEbenen und Betrachtungswinkeln und versuchen die Komplexität in einfachen und logischen Strukturen zu bündeln.
Gibt es Aspekte im Entwurf, die Sie intern besonders diskutiert haben?
AN Wir haben sehr intensiv über den großen Saal diskutiert. Aufgrund der städtebaulichen Entscheidung, in dieser doch etwas beengten Grundstückssituation in die Höhe zu gehen und gleichzeitig möglichst viel Luft zu den Nachbarbebauungen zu schaffen, hat sich dann irgendwann fast automatisch ergeben, dass wir das Konzept eines Rechtecksaales verfolgen und die Weinbergtypologie für uns an diesem Ort und in diesem Zusammenhang nicht schlüssig funktioniert.
AC Eine der Fragen war es dann, ob es rückschrittlich ist, den Saal in Form der „Schuhschachtel“-Typologie zu konzipieren und welche der Typologien mehr Potenzial für die Zukunft aufweisen.
Mit welchen technischen Herausforderungen rechnen Sie bei der Detaillierung des Projekts?
AN Mit unendlich vielen.
AC Die Komplexität des Gesamtprojekts ist eine Herausforderung. Dazu kommt die Vielzahl an technischen Anforderungen.
AN Ansonsten ist es wie bei anderen Projekten, nur eben in einer anderen Größenordnung.
Wie wollen sie die optische Leichtigkeit erreichen?
AC Wir haben eine bestimmte Vorstellung vom Erscheinungsbild und von der gewünschten Wirkung des Projekts. Mittels Visualisierung haben wir versucht, dieser Vorstellung möglichst nahe zu kommen und daran arbeiten wir auch bei der Umsetzung.
AN Die Fassade ist neben dem großen Saal sicherlich eines der Hauptthemen.
Abschließend ein Blick in die Zukunft: Der erste Spatenstich soll nun erst 2020 erfolgen. Wie stehen Sie dazu? Sind damit auch die ersten Planungsphasen und Verhandlungsgespräche vertagt?
AN Es wird sicher eine gewisse Zeit dauern, bis alle Planungsbereiche vergeben werden und das Projektteam steht. Es gibt im Augenblick zwei Themen, zu denen wir keine Aussagen machen und zwar ganz bewusst: Kosten und Ter­mine. Relevant ist, dass dieses Projekt professionell realisiert und umgesetzt wird. Ich denke, dann ist es auch nicht entscheidend, ob der Spatenstich drei Monate früher oder später stattfindet. Es geht um die Seriosität und das Ergebnis.
AC Alle die in der Branche tätig sind wissen, wie solche ersten Termine zu bewerten sind. Natürlich kann man auch 2018 einen Spatenstich machen, da bleibt nur die Frage, wie lang das Loch offen steht. Letztendlich ist dies nicht entscheidend.
Fakten
Architekten Cukrowicz, Andreas, Bregenz; Nachbaur-Sturm, Anton, Bregenz
aus Bauwelt 1.2018
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