Die Zukunft muss repariert werden

Ein Architekturzentrum nur für Architekten? Absurd. Angelika Fitz, die neue Direktorin des AzW, will den Diskurs für alle öffnen und glaubt, dass die Stadt mehr zu bieten hat als der beste Masterplan. Ein Besuch in Wien, der im Museumsquartier begann und auf einer Brache am Nordbahnhof endete

Text: Kleilein, Doris, Berlin

    Angelika Fitz, Kuratorin, Autorin und seit Januar 2017 Leiterin des Architekturzentrums Wien AzW
    Abb.: Marlene Rahmann / VIENNA ART WEEK 2016

    Angelika Fitz, Kuratorin, Autorin und seit Januar 2017 Leiterin des Architekturzentrums Wien AzW

    Abb.: Marlene Rahmann / VIENNA ART WEEK 2016

    Für die Ausstellung „Assemble. Wie wir bauen“ haben Studierende der TU Wien im Selbstbau einen Veranstaltungsraum im Hof des AzW errichtet.
    Abb.: Lisa Rastl

    Für die Ausstellung „Assemble. Wie wir bauen“ haben Studierende der TU Wien im Selbstbau einen Veranstaltungsraum im Hof des AzW errichtet.

    Abb.: Lisa Rastl

    Die Ausstellung zeigt auch weniger bekannte Projekte wie den Probenraum OTOProjects (London, 2013) ...
    Abb.: Assemble

    Die Ausstellung zeigt auch weniger bekannte Projekte wie den Probenraum OTOProjects (London, 2013) ...

    Abb.: Assemble

    ... und thematisiert die Arbeitsweise des 17-köpfigen Kollektivs (Blackhorse Workshop, London 2014).
    Abb.: Ben Quinton

    ... und thematisiert die Arbeitsweise des 17-köpfigen Kollektivs (Blackhorse Workshop, London 2014).

    Abb.: Ben Quinton

    Mit „Care + Repair“ betreibt das AzW einen öffentlichen Arbeitsraum am ehemaligen Wiener Nordbahnhof ...
    Abb.: Lisa Rastl

    Mit „Care + Repair“ betreibt das AzW einen öffentlichen Arbeitsraum am ehemaligen Wiener Nordbahnhof ...

    Abb.: Lisa Rastl

    ... einem der größten innerstädtischen Entwicklungsgebiete der Stadt.
    Abb.: ÖBB/Redl

    ... einem der größten innerstädtischen Entwicklungsgebiete der Stadt.

    Abb.: ÖBB/Redl

    Das „SammlungsLab01“ widmet sich einem Wiener Fetisch, dem Terrassenhaus (Bild: Wohnpark Alterlaa, 1973–85, Harry Glück und andere)
    Abb.: Margherita Spiluttini

    Das „SammlungsLab01“ widmet sich einem Wiener Fetisch, dem Terrassenhaus (Bild: Wohnpark Alterlaa, 1973–85, Harry Glück und andere)

    Abb.: Margherita Spiluttini

Die Zukunft muss repariert werden

Ein Architekturzentrum nur für Architekten? Absurd. Angelika Fitz, die neue Direktorin des AzW, will den Diskurs für alle öffnen und glaubt, dass die Stadt mehr zu bieten hat als der beste Masterplan. Ein Besuch in Wien, der im Museumsquartier begann und auf einer Brache am Nordbahnhof endete

Text: Kleilein, Doris, Berlin

Mit dem Architekturzentrum Wien haben Sie ein repräsentables Haus übernommen, interessieren sich aber für temporäre Strukturen. Ist das nicht ein Widerspruch?
Angelika Fitz
Das AzW hat die Tradition, Architektur in ihrer gesellschaft­lichen Dimension zu vermitteln. Daran kann ich nahtlos anknüpfen. Hinzu kommt, dass ich in meiner Projektarbeit in den letzten Jahren gemerkt habe, dass Verstetigung sehr wichtig ist. Es gibt so viele temporäre Projekte, die aufploppen und wieder verschwinden. Das „Hit and Run“ ist für die meisten Akteure gar nicht mehr so cool, sondern nur noch prekär, besonders seit den Wirtschafts- und Finanzkrisen. Insofern empfinde ich es als Luxus, in einer etablierten Institution zu arbeiten. Es ist ein Ort, von dem aus man agieren kann. Das ist produktiv.
Sie haben sich in einem langwierigen Auswahlverfahren gegen 33 Bewerber durchgesetzt, ein Drittel davon Frauen. Ungewöhnlich an Ihrer Besetzung ist vor allem, dass Sie keine Architektin sind, sondern Kulturwissenschaftlerin. Was wird das ändern am AzW?
Als ich anfing, haben mich viele gefragt: Was heißt das, ein Programm fürs AzW machen? Richtet sich das nur an Architekten? Das hat eine Absurdität. Würde man die Direktorin eines Kunstmuseums fragen, ob sie ein Programm nur für Künstlerinnen macht? Die Idee, dass man sich entschei­den muss, ob man für Architekten oder für alle da ist, hat mich erstaunt. Solche Fragen zeigen, dass in den Architekturinstitutionen ein zu normativer Diskurs geführt wird, der sich der Öffentlichkeit anscheinend verschließt.
Also wird das AzW künftig ein breiteres Publikum adressieren?
Das ist uns bereits mit der ersten Ausstellung über das britische Kollektiv Assemble gelungen. Unser Publikum hat sich massiv verjüngt. Und das AzW war in allen großen österreichischen Zeitungen auf der Frontpage des Feuilleton präsent, nicht nur auf der Architekturseite, die einmal pro Woche erscheint. Das hat sicher damit zu tun, dass Assemble durch den Turner-Preis auch im Kunstkontext bekannt ist. Es kamen Journalisten ins Haus, die noch nie vorher da waren.
Wo hakt der Dialog zwischen Architektur und der Allgemeinheit?
In der Populärkultur gibt es ein bestimmtes Bild von Architekten, beispielsweise in Fernsehkrimis: Es sind Mäner, sie wohnen in der großen modernistischen Villa, sind irrsinnig arrogant und meistens eh die Täter. Sie verkörpern noch immer eine Allmacht. Da geht die Schere doch sehr weit auseinander: Auf der einen Seite das Bild von Selbstverwirklichung und Größenwahn, auf der anderen Seite das, was Architektinnen und Architekten in ihrer beruflichen Praxis erleben.
Wie wollen Sie das Bild zurechtrücken?
Mir ist wichtig, diskursive Formate zu bieten, bei denen man hinter die Kulissen schauen kann. Im ORF gab es bis in die Neunziger Jahre hinein eine legendäre Diskussionssendung, den „Club 2“. Wir machen jetzt den „Club Architektur“ und laden Leute aus dem Architekturumfeld und zwei „Public Intellectuals“ ein, die über grundsätzliche Themen sprechen. Was ist humane Architektur? Soll man in Hochhäusern wohnen? Ist Beton böse und Holz gut? Oder den „Reality Check“, bei dem wir Architekten, Nutzer und Bauherren einige Jahre nach Bezug eines Gebäudes noch einmal zusammenbringen. Es geht, jenseits von Mängellisten, um die Übersetzungsleistung in eine andere Sprache.
Sie haben als freie Kuratorin internationale Projektplattformen kuratiert, bei denen es um den Austausch zwischen Architekten, Künstlern und politischen Aktivisten ging. Welche Themen bringen Sie mit?
Meine Leitfrage ist: Was kann Architektur? Ich möchte der allgemeinen Krisenstimmung unter Kulturproduzenten etwas entgegensetzen. Wo sind noch Handlungsmöglichkeiten? Ich habe Assemble auch deswegen als erste Ausstellung gewählt, weil sie sich die Handlungsfähigkeit auf vielen Ebenen zurückerobern, auch wenn das Budget gering und die Situation schwierig ist. Gleichzeitig hat die Frage auch etwas Spekulatives: Was könnte Architektur sein? Für mich ist es wichtig, nicht nur gute Projekte auszustellen, sondern Inhalte weiterzutreiben. Da geht es um den Umgang mit Ressourcen und kultureller Diversität, um gebaute Verteilungsgerechtigkeit – das sind alles auch architektonische und urbanistische Fragen.
Ihr Vorgänger Dietmar Steiner hatte am Ende ein großes Unbehagen an der Globalisierung des Architekturbetriebs. Teilen Sie diese Haltung?
Ich teile das Unbehagen an den Rahmenbedingungen, aber ich bin optimistischer, was die Kraft der Akteure betrifft, gerade wenn man es global betrachtet. Mich interessieren die Schnittstellen zwischen oben und unten. Es geht in der Planung nicht mehr um „Top Down“ oder „Bottom Up“, sondern eher um ein „Middle Out“. In einer Stadt wie Wien gibt es zwar einen Masterplan Partizipation, aber dennoch bleibt offen, wie man mit diesen anderen Energien umgeht: mit Menschen, die die Stadt mitgestalten und nicht nur nach ihrer Meinung gefragt werden wollen. Das wird eine der großen Fragen sein. Wobei große Fragen nicht heißt, dass die Zukunft schon wieder neu erfunden werden muss. Vielleicht kann sie einfach repariert werden. Mit dem „Care + Repair“-Projekt sind wir diesem Thema auf der Spur.
Die Zukunft muss bereits repariert werden?
Die Stadtplanung wird noch immer von einer modernistischen Realität geprägt. Auch wenn wir diskursiv schon lange weiter sind, entwickeln wir nach wie vor die funktional getrennte Stadt. Sobald Flächenwidmung und Baurecht ins Spiel kommen, sind gewisse Dinge unausweichlich. Selbst innerstädtische Flächen werden als Tabula rasa gesehen. Der Gedanke des Sorgetragens und Reparierens geht davon aus, dass jedes Stadterweiterungsgebiet bereits viel zu bieten hat: Materialien, Landschaften, Geschichten, Menschen und Tiere, die das Gebiet nutzen. Das einfach zu überrollen, und sei es mit dem besten Masterplan, ist nicht mehr zeitgemäß. Für die zweite Phase des Stadtentwicklungsgebietes Wiener Nordbahnhof, wo wir diesen Sommer eine Dependance eröffnet haben, gibt es ein urbanes Leitbild von Studio Vlay Streeruwitz, das den städtischen Dschungel auf dem ehemaligen Bahngelände weiträumig behält und eine für Wien sehr hohe, dichte Bebauung darum herum plant. Das ist ein radikaler Ansatz. Aber was macht man mit dieser „Freien Mitte“?
Das hört sich an, als würden Sie direkt in die Stadtentwicklung eingreifen wollen. Ist das Ihr erstes stadtplanerisches Projekt?
Das AzW ist Partner in diesem Forschungsprojekt, gemeinsam mit der TU Wien, den Bauträgern und den Masterplanern. Aber auch wenn wir ins Feld gehen: Meine Co-Kuratorin Elke Krasny und ich sind keine Planerinnen, das würden wir uns nicht anmaßen. Bei uns geht es um das Querdenken, um die Lücken, um eine Veränderung der Perspektive. Gemeinsam mit lokalen Experten und internationalen Architekturteams, die wir eingeladen haben, beschäftigen wir uns mit kulturellen, sozialen, landschaftsplanerischen, baulichen und rechtlichen Fragen. Wir wollen prototypisches Wissen produzieren und zwischen den Disziplinen vermitteln: Bei einem der letzten Workshops hat eine Vertreterin des Bauträgers sehr genau mit­geschrieben. Wir sitzen nicht im Elfenbeinturm, sondern sind mittendrin, auch in Interessenskonflikten.
Die Museumsmauern verlassen und in den Stadtraum gehen, ist das eine. Das andere ist die Sammlung des AzW. Wie wollen Sie damit umgehen?
Wir haben ein Wahnsinns-Material im Haus. Die österreichische Architekturgeschichte liegt bei uns, Schwerpunkt nach 1945, darunter rund 80 Vor- und Nachlässe bedeutender Architekten oder die Architekturfotografiesammlung von Margherita Spiluttini. Begonnen hat alles mit dem Archiv von Friedrich Achleitner. Das ist natürlich ungemein wichtig für uns, aber auch ein zeitgebundener Blick. Deswegen müssen wir da auch Dinge hinterfragen.
Zum Beispiel?
Achleitner hat zum Beispiel den Wiener Architekten Harry Glück damals nicht geschätzt, das hat sich später dann geändert. Oder er konnte mit Brutalismus nicht viel anfangen, weil er sich damals mehr für das Vernakuläre interessiert hat. Aber Achleitner hat seinen Blick immer als subjektive Architekturgeschichtsschreibung verstanden, doch später wurde seine Arbeit von den Denkmalschutzabteilungen normativ benutzt. Das war garnicht Achleitners Intention.
Aber wie picken Sie heraus, was wichtig ist?
Wir blicken entlang aktueller Themen in die Sammlung. Nach dem Tod von Harry Glück haben wir beispielsweise beschlossen, uns im neuen Format „SammlungsLab“ dem Terrassenhaus zu widmen. Das ist in Wien ja beinahe zum Fetisch geworden: Adolf Loos hat mit dem Haus Scheu 1912 das erste Terrassenhaus Mitteleuropas gebaut, und es gab in den letzten Jahrzehnten eine Unmenge an Konzepten und Realisierungen. Aber wieso werden heute eigentlich kaum mehr Terrassenhäuser gebaut, schon gar nicht im geförderten Wohnungsbau?
Haben Sie als Kulturwissenschaftlerin einen anderen Blick auf die Sammlung als Architekturhistoriker?
Ich habe vielleicht einen breiteren Blick. Ich finde es toll, durch die Nachlässe so viel Material zum Produktionskontext zur Verfügung zu haben. Man kann Architektur ja nicht 1:1 sammeln. Die Sammlung besteht aus epistemischen Objekten, die alle etwas wollen. Modelle etwa sind nicht nur Arbeitswerkzeuge, sondern auch kleine Propagandamaschinen: Sie müssen den Bauherren überzeugen oder auch den Gesetzgeber. Das sind keine neutralen Objekte. Wie geht man mit diesen Artefakten um? Das ist noch viel zu wenig erforscht in Architekturausstellungen.
Es wird bei der Sammlung also neue Schwerpunkte geben?
Ein „Rapid Collecting“ wäre spannend – wie geht man mit aktuellen Phänomenen wie Baugruppenprozessen um, welches Material gilt es zu sichern? Ein weiteres Thema ist, dass Frauen zu wenig in der Sammlung vertreten sind. Es hat zu wenige Frauen gegeben, und zu viele wurden missachtet. Wenn man Männer einer gewissen Generation fragt: Hat es denn gar keine Architektinnen gegeben? Dann sagen sie: nein. Es fehlt an Sichtbarkeit.
Wie wollen Sie das ändern?
Ich hatte mehrere Vorschläge zu einer Ausstellung über „Frauen in der Architektur“ auf dem Tisch, und es wird auch in mehreren Architekturinsti­tutionen in nächster Zeit solche Ausstellungen geben. Aber was heißt das im Jahr 2017? Wir haben uns dafür entschieden, mehr Einzelausstellungen von Frauen zu machen. Es kann nicht sein, dass es 100 Jahre monographische Ausstellungen zu männlichen Architekten gegeben hat und dann gibt es die eine Frauenausstellung und das Thema ist abgehakt. Mein Ziel ist es, dass Frauen selbstverständlich eine Präsenz bekommen. Das ist manchmal nicht so einfach. Man muss ein bisschen mehr suchen.
Soll auch die bestehende Dauerausstellung zu österreichischer Architektur erneuert werden?
Die Ausstellung stammt aus einer Zeit, als die Sammlung noch in ihren Anfängen war. Mittelfristig wollen wir sie komplett erneuern. Das ist ein großes Projekt, dem wir uns unter anderem mit „Sammlungs-Labs“ experimentell nähern. Parallel zur kuratorischen Arbeit versuchen wir, die wissenschaftliche Bearbeitung unseres riesigen Bestands voranzutreiben. Aufgrund der beschränkten Ressourcen geht das zur Zeit vor allem
mit Dissertationen und Forschungsprojekten. Da gibt es noch viel zu tun.
Reden wir über Geld: Als freie Kuratorin sind Sie daran gewöhnt, Mittel zu akquirieren. Mit einem Jahresbudget von 2,8 Millionen Euro ist das AzW eigentlich gut aufgestellt, doch auch in Wien wird gespart.
Ich jammere nicht gerne über Finanzen. Ich finde es luxuriös, in einer Institution mit mehr als 20 angestellten Mitarbeiterinnen zu arbeiten, und wir bekommen aktuell gute Signale von unserer Förderpartnern im Bund und in der Stadt Wien. Tatsache ist, dass das Budget über viele Jahre stagniert ist und die Fixkosten steigen. Wir sind von einer Kostendeckung weit entfernt. Wir haben etwa ein Drittel Eigenmittel, also Eintritte und Gelder von Partnern und Sponsoren. Das ist viel für ein Museum. Sammlungsprojekte oder Formate, mit denen wir in den Stadtraum gehen, können wir nur über zusätzliche Forschungsmittel finanzieren. In einem kleinen Land wie Österreich ist das nicht so einfach, weil es etwa im Vergleich zu Deutschland kaum kulturelle Stiftungen gibt. Noch dazu ist mein Antritt in eine Phase der Austeritätspolitik gefallen.
Was würden Sie mit einer signifikanten Budgeterhöhung finanzieren?
Wir haben keine eigenen Räume für Architekturvermittlung, aber es gibt eine irre Nachfrage. Wir machen 500 Veranstaltungen im Jahr, immer mit einer dichten Mehrfachnutzung von Flächen. Wir bräuchten mehr Ausstellungsfläche für die Sammlung, aber auch für größere Wechselausstellungen, um mit großen internationalen Häusern noch besser zu kooperieren. Zudem wollen wir die Sammlung und die österreichische Architekturgeschichte digital zugänglich machen.
Haben Sie Vorbilder für ein Architekturmuseum?
Man denkt natürlich schnell an das CCA in Montreal. In Europa hätte ich früher das niederländische NAi als diskursives Vorbild genannt, aber das hat sich ja fast aufgelöst. Das DAC in Kopenhagen bekommt gerade ein neues Haus von OMA, und das Architekturmuseum in Stockholm ist nach einer vorübergehenden Krise jetzt sehr gut ausgestattet. Dort hat gerade Kieran Long vom Londoner Victoria and Albert Museum die Leitung übernommen, das könnte spannend werden.
Wenn Stiftungen ausfallen, wo werben Sie Drittmitel ein?
Kooperationen mit Universitäten sind wichtig für uns: Wir arbeiten mit allen drei Architekturfakultäten in Wien zusammen und auch mit anderen Disziplinen. Im Vorfeld der laufenden Ausstellung konnten wir mit der TU Wien eine einjährige Gastprofessur von Assemble realisieren. Zwei Mitglieder des Kollektivs waren jeden Monat einige Tage lang in Wien, sodass sie gemeinsam mit Studierenden einen Wien-spezifischen Teil der Ausstellung vorbereiten konnten. Es gab zwar auch vorher schon Forschungskooperationen, aber ich habe sie massiv verstärkt.
Zwischenfrage: Wie sind Sie überhaupt zur Architektur gekommen?
Mein erstes Projekt nach dem Studium war Anfang der 90er Jahre die „Raumstation 001“ in Wien. Wir waren fünf Frauen, eine davon Architektin, und haben uns unsere eigenen Wohn- und Arbeitsräume gebaut: Wohnen in privaten „Zellen“, große Veranstaltungsräume, gemeinsame Bibliothek. Küche und Bad waren als Glaskuben gestaltet, bei Veranstaltungen arbeiteten in diesen „ausgestellten Orten der weiblichen Reproduktion“ oft Performerinnen. Etwas später habe ich Projekte in Neu-Delhi und Mumbai mit indischen Kolleginnen kuratiert. Das war ein Wendepunkt für mich. In Indien wurden damals die Auswirkungen der Globalisierung auf die Stadtentwicklung massiv sichtbar, die Sonderwirtschaftszonen, die ersten Call Center, die sich mit bäuerlichen Strukturen überlagert haben. Es war unglaublich, was sich dort abgespielt hat.
Und die nächste große Ausstellung?
Wir bereiten gerade „Form folgt Paragraph“ für den Herbst vor. Die Ausstellung will zeigen, dass das, was da draußen steht, nicht nur geniale Entwurfsleistungen sind, sondern dass Kräfte wie Normen und Gesetze vehement mitgestalten. Damit entmystifiziert man die Architektur natürlich ein Stück weit, aber man kann sie nicht immer auf den Sockel stellen. Es gilt eine Debatte darüber anzustoßen, welche Regelungen Leib und Leben schützen und ein gutes Zusammenleben ermöglichen und wo sie Partiku­lar­interessen wie Industrielobbies dienen. Bei Architektur hat man es ja auch immer mit einem gesellschaftlichen Mindset zu tun, mit einer Vollkaskomentalität, mit diesem Dauergeschrei nach Haftung, mit Nachtragsmanagement als Geschäftsmodell. Da gibt es bedenkliche Entwicklungen.

Bildergalerie zur Ausstellung "Assemble. Wie wir bauen"
Fakten
Architekten Fitz, Angelika, Wien
aus Bauwelt 16.2017
Artikel als pdf

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